AN DIE LEBENDEN! / RAOUL VANEIGEM

Eine
Streitschrift gegen die Welt der Ökonomie

 

Aus
dem Französischen übersetzt von Pierre Gallissaires und
Walter Ott

 

Edition
Nautilus

 

 

Editorische
Notiz: Die Originalausgabe dieses Buches erschien unter dem Titel
Adresse aux vivants sur la mort qui les gouverne et l’opportunité
de s’en défaire
(Adresse an die Lebenden über den
Tod, der sie beherrscht, und die Zweckmäßigkeit, sich
seiner zu entledigen) 1990 in der Editions Seghers, Paris. Die
Übersetzung des Buches wurde gefördert von Cornmunauté
française de Belgique (Brüssel) und Ministère de
la culture et de la communication (Paris).

 

Von
Raoul Vaneigem sind in der Edition Nautilus bereits erschienen: Das
Buch der Lüste
(1984, franz. Originalausgabe 1979), J.F.
Dupuis, Der radioaktive Kadaver. Eine Geschichte des Surrealismus
(1979, franz. 1977), Handbuch der Lebenskunst für die
jungen Generationen
(1972, franz. 1967), Ratgeb. Vom wilden
Streik zur generalisierten Selbstverwaltung
(1975, franz. 1974)
sowie u.a. in Der Beginn einer Epoche. Texte der Situationisten
(1995).

 

Lektorat: Hanna Mittelstädt.
Umschlaggestaltung: Maja Bechert.

 

 

Deutsche Erstausgabe
Edition
Nautilus
Verlag Lutz Schulenburg
Am Brink 10 D-21029
Hamburg
Alle Rechte vorbehalten © Lutz Schulenburg 1997
1.
Auflage 1998
ISBN 3-89401-288-9
Printed in Germany

 

 

 

Klappentext außen hinten:

 

Eine vehemente Kritik der Ökonomie,
die das menschliche Leben verarmen läßt. Eine Abhandlung
gegen die Allmacht der Arbeit und die Tyrannei des Geldes; über
die Kindheit und die Entstehung der patriarchalen Gesellschaft, die
Fehlentwicklung der Zivilisation sowie die heilsame Wirkung der
Leidenschaften als wirkliche Quelle des menschlichen Glücks.

„Jeden Tag so angehen, als ob er
die Totalität des – intensiv oder dürftig erlebten –
Daseins enthielte, das scheint mir eine Einstellung zu sein, in der
das individuelle Schicksal mit vollem Bedacht die sicherste Wette
eingeht, um sich zu verwirklichen.

Man mag denken, was man will, wichtig
ist nicht, daß es einem gelingt, ein Ziel zu erreichen,
sondern, daß das Schwingen der Bewegung und Zittern des Pfeils
die Zielscheibe beinahe vergessen lassen; weiterhin, daß man
jeden Morgen hartnäckig die Zeit wieder neu ins Leben ruft, von
der eben gepflückten Lust zu der noch zu säenden mit solch
aufrichtiger Freude oder Schwermut springt, daß man noch voller
Verwunderung dasteht, wenn der Abend oder der Todesschlaf kommt.“

(R. Vaneigem)

 

 

Klappentext innen vorne:

 

„Nach Georges Bataille wird
Raoul Vaneigem zum Verfechter der verrufenen Sache …“
Le
Monde

 

Diese Streitschrift ist eine vehemente
Verteidigung des individuellen Erlebens und der Kostenlosigkeit der
Bedürfnisse, die anstelle der tyrannischen Macht der Arbeit und
des Geldes die Wesensmerkmale der menschlichen Lebendigkeit sind. In
der Tradition eines Charles Fourier und in Anknüpfung an sein
berühmtes Handbuch der Lebenskunst für die jungen
Generationen
– eines der Schlüsseldokumente von 1968 –
kritisiert Vaneigem systematisch die Grundlagen unserer heutigen
Zivilisation.

Dem Autor gelingt es nicht nur, eine
Fülle provozierender Thesen aufzustellen, er hat seine Kritik
der Arbeit als ein Plädoyer für eine unmittelbar gelebte
Menschlichkeit geschrieben. „An die Lebenden!“ ermuntert
dazu, die Wünsche nach einem Leben im Einklang mit den
individuellen Bedürfnissen nicht länger „der
gefräßigen Bestie der ökonomischen Todesmaschinerie“
zu opfern. Die unablässige Heiligsprechung der Ökonomie
negiert das konkrete Individuum, bewirkt den Schlaf seiner Vernunft,
verkrüppelt seine Emotionalität und nährt so die
Ungeheuer der Misere, die als soziale und ökologische
Katastrophe die Basis der gelebten menschlichen Existenz verschwidnen
lassen.

 

 

Klappentext hinten innen:

 

Raoul Vaneigem, 1934 in Belgien
geboren, 1961 bis 1970 Mitglied der Situationistischen
Internationale, Autor einer Reihe von kultur- und
gesellschaftskritischen Büchern.

 

„Ein geistiger Donnerschlag:
Vaneigem, der geistige Vater des Linksradikalismus, bringt die
Debatte über die ‚Warengesellschaft‘ in Gang … Zu der großen
Suche nach dem Zivilisationsgedanken, der das Jahr 2000 beeinflussen
soll, hat Vaneigem den Beitrag einer großen Intuition
geleistet; er setzt sich für das wuchernde Leben gegen die
Systeme ein.“
Figaro

 

 

 

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis

Hier,
jetzt und immer

I.
DIE ENTSTEHUNG DER UNMENSCHLICHKEIT

Ende
und Anfang

Das
tägliche Exil

Die
Allgegenwart der Arbeit

DAS
KIND

Das
Unglück der Geburt

Die
Entdeckung des Kindes

Die
Lehrzeit

Die
Umkehrung der Priorität

Das
Kind als Marktwert

Die
nackte Wahrheit der Ökonomie

Das
Ende der Werte

Die
Lächerlichkeit der Macht

Die
Krankheit als Zuflucht verletzter Kindheit

Die
Wiedergeburt des Kindes

Die
verfälschte Schöpfung

Die
unterbrochene Evolution

Die
unvollendete Geburt

Die
Erziehung als Anpassung an das Überleben

Nur
der wird Mensch, der aufhört, es zu sein

Gefühl
und Nahrung

Zuneigung,
Nahrung, Schöpfung

Die
auf immer unvollendet gebliebene Kindheit

Die
ökonomisierte Zuneigung

DIE
GESCHICHTE ALS GEBROCHENE ENTWICKLUNG

Der
Ursprung der Warenzivilisation

Die
neolithische Revolution

Die
Vorrangstellung der Frau

Die
ursprüngliche Symbiose

Der
Mensch der Natur und der Mensch der Ökonomie

Die
natürliche Kostenlosigkeit

Die
Religion entsteht mit dem Stadtstaat

Der
Garten Eden im Herzen

Die
Notwendigkeit, über die Animalität hinauszuwachsen

Die
ursprüngliche Kreativität

Frau
und Zivilisation

DAS
ENTSETZEN VOR DEM VERDRÄNGTEN TIER

Die
Herrschaft des Geistes

Das
durch Arbeit gebändigte Tier

Eine
halbmenschliche Zivilisation

Die
Menschen des Überlebens …


sind die Menschen der Ökonomie

Die
Verstümmelung der Geschichte

Der
Fortschritt

DER
AGRARKREIS

Das
Grauen vor dem Draußen und dem Drinnen

Die
Natur ist das Böse

Privat
oder kollektiv – die Ökonomie entmenschlicht gleichermaßen

Die
Unbeweglichkeit der Agrarwirtschaft

Die
Beweglichkeit der Ware

DER
KREIS DES HANDELS

Das
Ende der apokalyptischen Zeiten

Die
Vorgeschichte des Handels

DIE
ARBEIT

Die
Mechanisierung durch die Ökonomie

Die
Kastration der Begierden

Die
Abstraktion

Weltliche
und geistliche Gewalt

Die
Herabwürdigung der Erde und des Körpers

Die
Partei des Todes

II.
DIE ENTSTEHUNG DER MENSCHLICHKEIT

DAS
HERVORTRETEN EINER ANDERSGEARTETEN WIRKLICHKEIT

Die
Demokratie

Die
Subversion

Die
Hellsichtigkeit

Die
Funktionen

Die
Rollen

Das
Ende der Funktionen und der Rollen

Die
Authentizität

Das
Ende der Stars

Die
Medieninflation

Die
Dualität der Rollen

Der
Lebensstil

Das
Leben soll gespielt und nicht repräsentiert werden

DAS
ENDE DER HIERARCHISCHEN MACHT

Die
fallende Kurve der ökonomischen Offensive

Die
Herrschaft des Tauschwertes

Die
Organisation

Die
Verwaltung des Bankrotts

Die
Rückkehr zum Konkreten

Der
Zerfall aller Mechanismen, die auf das Lebende geklebt sind

Schluß
mit dem Triumphgeschrei und dem Wettkampf

DAS
ENDE DES RICHTERS UND DES SCHULDIGEN

Der
Friede des Tausches

Wie
der Preis der Sünde demokratisch wurde

Die
Öffnung

Das
Schwinden der Angst

Gegen
den Rückgriff auf die Angst in der Ökologie

Natürliche
Angst, denaturierte Angst und menschliche Behandlung der Angst

Die
Justiz

Justiz
und Willkür

Die
Ökonomie erspart die Unterdrückung

Die
Segnungen der Warenexpansion

Lob
des Humanismus

Der
Kampf gegen die Ungerechtigkeit

Die
Arbeit und der Tod

Die
Selbstbestrafung

Jede
Justiz ist schuldig

Gegen
den Antiterrorismus

Gegen
den Terrorismus

Das
Leben vor allen Dingen

Die
Milde

Gegen
die Strafe

Das
Schuldgefühl nährt die Gewalt

Die
Abschaffung der Gefängnisse

Das
Lösen der inneren Fesseln

Gegen
den Respekt, den man dem Leben schuldet

DER
NIEDERGANG DER MEDIZIN

Macht
und Ohnmacht der Medizin

Die
parallele Medizin

Die
Sprache des Körpers

Die
Geburt des Krankhaften

Die
Drogen

Die
Entwertung des Leids

Die
Heilkraft des Genusses

Der
Wille zum Leben und sein Bewußtsein

VON
DER INTELLEKTUELLEN ARBEIT ZUR FRÖHLICHEN WISSENSCHAFT

Eine
Wissenschaft der Ausbeutung von Mensch und Natur

Die
gefälschte Wirklichkeit

Die
Mauer des getrennten Denkens oder die Verzweiflung der
Wissenschaften

Die
Allergie gegen ein gewisses Wissen

Das
Wissen zum Leben zurückführen

Die
wissenschaftlichen Wahrheiten der Macht

Die
fröhliche Wissenschaft

III.
DIE MATERIA PRIMA UND DIE ALCHIMIE DES ICHS

DIE
ZWEITE GEBURT DES KINDES

Nicht
die verletzte, sondern die blühende Kindheit in sich selbst
wiederfinden

Die
aus dem Lebenden herausgerissene Zeit

Das
Ende des Alters als Macht und Vorstellung

Die
neue Zeit ist die Zeit der Kinder

Die
Entstehung einer alchimistischen Beziehung

DER
VORRANG DER LIEBE

Die
Liebe ist mit der Ökonomie unvereinbar

Die
Ideologie der Zärtlichkeit

Die
Erbsünde

Die
natürliche Kostenlosigkeit der Liebe

Die
Liebe schließt das Opfer aus

Die
Liebe ist die Verfeinerung des Begehrens

Die
Allgegenwart der Liebe

Die
zu gründende Souveränität

DIE
HUMANISIERUNG DER NATUR

Die
Rehabilitierung des Tieres

Die
Emanzipation des Körpers

Der
denaturierte Tod

Die
Entweihung des Todes

Hic,
nunc et semper

SCHÖPFUNG
VERSUS ARBEIT

Das
Elend der ökonomisierten Schöpfung

Man
schafft nichts, ohne sich selbst zu schaffen

Die
Arbeitslosigkeit – eine Arbeit ohne Arbeit

Die
Investition in die Ökologie bietet der Ökonomie eine
letzte Gnadenfrist

Das
Umfeld des Lebens und seine örtliche Gestaltung

Die
Stadt der Natur öffnen!

Von
der Arbeit zur Schöpfung

Schöpfung
und Hinauswachsen

DIE
ALCHIMIE DES ICHS

Die
denaturierte Alchimie

Die
Behandlung des Negativen

Wir,
die wir ohne Ende begehren

Die
Erprobung ist die Zeit, in der die Genüsse aufbrechen.

Die
Verfeinerung der Triebe – Grundlage einer neuen Gesellschaft

In
der Umwandlung des Ichs ist die Umwandlung der Welt enthalten.

 

 

 

 

 

 

Hier, jetzt und
immer

In einer Hoffmann’schen Novelle wundert
sich der Erzähler darüber, wie ein allein an einem Tisch
sitzender Mann durch die von Bierhallenmusikern elendiglich
verpfuschte Ouvertüre von Gluck in Verzückung versetzt
wird. Gedrängt, seine Begeisterung zu begründen, erklärt
der Mann, der niemand anders als der Komponist selbst ist, folgendes:
Wie schwach auch immer die Ausführung seines Werkes sein möge,
so lasse sie zwar nicht die Vortrefflichkeit der Partitur in ihm
wieder lebendig werden, wohl aber die ergreifenden Harmonien, die
über seine Schöpfung walteten und für welche die Noten
nur eine dürftige Skizze böten.

Was für die Genialität der
Kunst wahr ist, gilt erst recht für die üppige Gegenwart
des Lebenden. Gibt es etwas, das stärkeren Spott weckt als ein
Liebesbrief? Welches Wort, welcher Satz wirkt nicht gekünstelt
und manieriert angesichts der Heftigkeit und Heiterkeit der
Leidenschaft, mit der sich der Körper ganz entdeckt? Man stelle
sich die lächerliche Wirkung vor, sollte der Brief seinen
Empfänger verfehlen und in die Hände der Portiersfrau
fallen! Erreicht er aber das geliebte Wesen, so folgen die Worte dem
Schwung des Herzens, sie deuten eine bereits in der Tiefe gegrabene
Verbindung an und erklingen in einer Harmonie, deren Ausbreitung nur
einfacher, auf einem beliebigen Instrument willkürlich
angeschlagener Akkorde bedarf.

Ich war hier nur bestrebt, die wieder
zutage tretenden Momente eines begehrenswerten Lebens miteinander zu
verbinden, einige Takte einer Symphonie des Lebenden flüchtig zu
notieren, die Zeichen einer anderen Wirklichkeit aufzudecken, die vom
herrschenden Denken verheimlicht werden, indem dieses unaufhörlich
und immer wieder in einem Weltbuch liest, das durch die Langeweile
des eigenen Verfalls gestaltet wird.

Die Schwäche des Vorhabens liegt
weniger an der stotternden Unbeholfenheit, mit der die neue
Wirklichkeit sich auszudrücken versucht, als an der Macht der
Vergangenheit, die gegen meinen Willen fortdauert.

Es ist nicht leicht, sich jeden Tag in
das zu schaffende Leben zu verlieben, wenn jeder Tag für die
Müdigkeit, für das Altwerden und für den Tod
empfänglich macht. Und ganz gewiß ist das Verständnis
seiner selbst eine Eigenschaft, die den wenigsten zuteil wird in
einer Zeit, die unter Verständnis einzig das Wissen versteht,
die eigene zunehmend absurde Unangemessenheit dem Lebenden gegenüber
zu vervollkommnen.

Würde ich völlig gemäß
meinem Begehren leben, so mischten sich unter die Lust zu schreiben,
um mir Klarheit zu verschaffen über die Lust, besser zu leben –
die einzige Art des Schreibens, an der ich Gefallen finde -, nicht so
viele Ängste und Zweifel, die aus einer Buchführung
entstanden sind, die mir fremd ist und mich mir selbst entfremdet.

Dagegen begeistert mich nichts so sehr
wie die klare Wahl, die ich jeden Augenblick im Gewirr der Zwänge
treffe – und zwar der Entschluß, alles auf die Karte der
unermüdlichen Suche nach Liebe, Schöpfung und Selbstgenuß
zu setzen, ohne die ich mir kein gültiges Schicksal zugestehen
will.

Man wird wohl verstehen, welches
Ungemach ich zur Fronarbeit, das Geld für den Monat
aufzutreiben, hinzufügen würde, wenn ich mich überdies
noch einem Markenzeichen unterordnete, einem Presse- oder
Fernsehlabel, einer Rolle – gleichgültig ob anspruchsvoll oder
lächerlich -, einer Medienrangordnung auf dem Kulturmarkt der
Warengesellschaft.

Es kommt heute darauf an, sich in der
Echtheit des eigenen Daseins zu entdecken, selbst wenn es schlecht
gelebt wird und die kleinste Illusion ihr oft vorgezogen wurde, da
das in seiner rücksichtslosen Offenheit nicht zu unterdrückende
Verlangen nach einem anderen Leben eben schon dieses Leben ist.

Tatsächlich ist die Welt mir nicht
fremd, aber alles ist mir in einer Welt fremd, die sich verkauft,
anstatt sich zu schenken – sogar der ökonomische Reflex, dem
meine Gesten manchmal folgen. Deshalb habe ich von den Menschen der
Ökonomie mit demselben Gefühl der Distanz gesprochen wie
Marx und Engels, als sie im Londoner Dreck und Elend eine
Gesellschaft von Außerirdischen entdeckten mit „ihrem“
Parlament, „ihrem“ Westminster, „ihrem“
Buckingham Palace, „ihrem“ Newgate.

„Sie“ stören mich in
meinen bescheidensten Freiheiten mit ihrem Geld, ihrer Arbeit, ihrer
Autorität, ihrer Pflicht, ihrem Schuldgefühl, ihrer
Intellektualität, ihren Rollen, ihren Funktionen, ihrem Gespür
für Macht, ihrem Gesetz des Tausches und ihrer
Herdengemeinschaft, in der ich bin und in die ich nicht hinein will.

Dank ihres eigenen Werdens vergehen
„sie“. Durch die Ökonomie, deren Sklaven sie sind, bis
zum Äußersten ökonomisiert, verdammen sie sich zum
Aussterben, wobei sie die Fruchtbarkeit der Erde, die natürlichen
Arten und die Freude der Leidenschaften mit in ihren programmierten
Tod hineinziehen. Ich beabsichtige nicht, ihnen auf dem Weg der
Resignation zu folgen, auf den die letzte Energie des in Rentabilität
umgewandelten Menschlichen sie zusammenführt.

Es liegt nicht in meiner Absicht,
Anspruch auf Entfaltung in einer Gesellschaft zu erheben, die
sich kaum dafür eignet. Vielmehr will ich zu voller Entwicklung
gelangen, indem ich sie gemäß den radikalen Umwandlungen,
die sich in ihr abzeichnen, umwandle. Ich verleugne nicht das
kindisch Eigensinnige an dem Willen, die Welt zu verändern, weil
sie mir nicht gefällt und mir erst dann gefallen wird, wenn ich
in ihr nach Belieben und Wunsch leben kann. Ist dieser Eigensinn denn
nicht der Kern des Willens zum Leben? Ohne ihn ist der Scharfblick
auf die Welt und auf sich selbst nur eine neue Verblendung; ohne die
Hellsichtigkeit, die zur Stärkung die unerschöpfliche
Üppigkeit des Lebenden anbietet, bleibt er ein Chaos, das
schneller zerstört als erneuert.

Das Ende des ökonomischen
Zeitalters fällt zusammen mit der Geburt einer Zivilisation des
Begehrens. Die Mutation geht langsam vor sich durch eine neue
Symbiose, die der Gesamtheit der lebendigen Wesen und Dinge ihren
Vorrang zurückgibt, während eine neue Kostenlosigkeit –
weit über die sanften Energien hinaus – lehrt, nach dem, was die
Natur gibt, so zu greifen, daß sie sich noch weit mehr hingibt.

Daß jetzt mehr neue Ideen zutage
treten, als – Fourier ausgenommen – Jahrhunderte des religiösen,
philosophischen und ideologischen Denkens je zum Ausdruck gebracht
haben, hat seinen Ursprung darin, daß im Laufe von zwei
Jahrzehnten mehr authentisch menschliche Wirklichkeiten offenbar
geworden sind als in zehn von der Wissenschaft der Macht und des
Profits verwalteten Jahrtausenden.

Die Meinung, die Vorstellung vom Glück
sei überall vorhanden, das Glück selbst dagegen nirgends,
zeigt deutlich genug, daß es für niemanden eine wichtigere
Sorge gibt, als das eigene Begehren zu erkennen und sein Schicksal
mit der ständigen Ausübung seines Willens zum Leben in
Einklang zu bringen. Diese Aufgabe verlangt die Geduld und die
Ausdauer eines Alchimisten, der das Leben von all dem reinigt, was es
verneint, und das Negative selbst ablegt, bis es durch die Kraft des
Begehrens nur noch lebendige Gegenwart ist.

Soll man sich darüber wundern, daß
die Suche nach dem Genuß eine beständige Aufmerksamkeit
und Anstrengung voraussetzt, während wir immer wieder nur die
Tugenden des Opfers und des Verzichts gelernt haben, die die
Lebenskraft zur Arbeitsfähigkeit verkümmern lassen? Das
gesamte Wissen der Welt hat uns nur dazu verleitet, von toten Dingen
Besitz zu ergreifen und mit ihnen zu sterben, weil sie von uns Besitz
ergriffen haben.

Sagt nach alledem, daß das Leben
sich sehr gut aus eigener Kraft wehrt, sagt aber um der Genauigkeit
willen auch, daß es zunächst darum geht, das Leben in sich
selbst zu erkennen, das entgegenzunehmen, was es anbietet, es von
seinen alltäglichen Hemmnissen zu befreien und zu einem Zustand
der Unschuld zurückzuführen, in dem es endlich
selbstverständlich ist.

Zu dem Zeitpunkt, da der Konkurs der
Ökonomie als Überlebenssystem so vielen Bemühungen
hohnspricht, die in die Sucht investiert wurden, noch mehr zu
verdienen, der Beste zu sein und mehr zu besitzen, ist vielleicht ein
Umschwung in der Einstellung vorauszusehen. Vielleicht kann der sich
halsstarrig in der Arbeit zerrüttende Mensch die Schaffung
menschlicher Wesen, der Dinge und der Umwelt als echte Lust am Leben
wiederentdecken?

Der Tod kommt nur durch den alle Tage
und Nächte hindurch geduldeten Tod. Der Bruch unserer Zeit
besteht darin, daß die Verneinung des Lebens sich selbst zu
verneinen anfängt und daß das Begehren mit der Entdeckung,
daß es vor allen Dingen steht, eine zu schaffende Welt
entdeckt. Dies ist die Revolution des Lebenden, sie ist die einzige,
die es gibt, und auch wenn das ständige Grauen vor dem Tod sie
weiter verheimlicht, so wissen wir jetzt, daß es, um dieses
Grauen in uns und um uns herum aufzuheben, eine wachsende
Leidenschaft des Begehrens gibt, die endlos ist.

R.V.

 

 

 

 

 

I. DIE ENTSTEHUNG DER UNMENSCHLICHKEIT

 

Ihr Leben wird beim Sprung aus dem Bett zerstört,
wie es in der Kindheit und in den Anfängen der Geschichte
zerstört worden ist.


Ende und Anfang

Woran erkennt man das Ende einer
Epoche? Daran, daß eine plötzlich unerträglich
gewordene Gegenwart in kurzer Zeit das kondensiert, was in der
Vergangenheit nur mit großem Unbehagen ertragen wurde. Dann
kann jeder sich mühelos davon überzeugen, daß er
entweder bei der Geburt einer neuen Welt die eigene Geburt erleben
wird oder aber im Archaismus einer Gesellschaft, die immer weniger
dem Lebenden angepaßt ist, sterben wird.

Im ersten Licht der Dämmerung
tritt eine Hellsichtigkeit zutage. Sie zeigt sogleich, wie weit die
Geschichte aller und die Kindheit jedes einzelnen das Verlangen,
Mensch zu sein, und den alltäglichen Zwang, darauf zu
verzichten, auseinandergerissen haben.

 

Das tägliche Exil

Obwohl der Tag sich schön
ankündigt, schlägt er immer in Enttäuschung um. Das
Grau-in-Grau der Arbeit trübt das Licht. Das Rasseln des Weckers
verleiht dem Reigen der Stunden eine militärische Strenge. Man
muß losgehen, das Undeutliche der Nacht verlassen, dem Ruf der
Pflicht folgen wie dem Pfiff eines unsichtbaren Herrn.

Die morgendliche Verdrießlichkeit
bestimmt den Schauplatz. Die Augen öffnen sich vor dem
symmetrischen Labyrinth der Mauern. Woher soll man im voraus wissen,
ob man sich eher auf der einen als auf der anderen Seite, innerhalb
oder außerhalb der Möbius-Cartoons befindet, in denen
unaufhörlich Straßen, Wohnhäuser, Fabriken, Schulen
und Büros auftauchen?

Sobald sie die Decke nächtlicher
Träumereien voller Leichtsinn und Ruhelosigkeit zurückgeschoben
haben, werden sie von der Notwendigkeit ergriffen, die sie zu dem Hin
und Her eines mühseligen Schicksals schleift.

Die Zivilisation schindet sie. Nun
stehen sie da, ausgerüstet für den Hindernislauf des
Rekruten, bereit, eine Welt zu erobern, von der sie ihrerseits schon
seit langem erobert worden sind und die sie nur mit den Füßen
voran verlassen lernen.

Wo wären ihre Moral, ihre
Philosophie, ihre Religion, ihr Staat, ihre gesittete Gesellschaft,
all das, was ihnen das Recht gibt, allmählich und brav für
etwas zu sterben, ohne das Trompetensignal, das sie auf den rechten
Weg zurückbringt?

Eine eiserne Hand ist nötig, um
sie daran zu hindern, dorthin zu gehen, wo es ihnen gefällt. Die
nächtliche Beruhigung hat die peinliche Wirkung, sie vergeßlich
zu machen. Wenn, wie sie versichern, die Gewohnheit eine zweite Natur
ist, so gibt es also auch eine erste, die den Befehlen der Routine
gegenüber zum Glück taub ist. Aus dem Schlaf gerissen,
sträubt sich der Körper tatsächlich; er wehrt sich,
bäumt sich auf, rekelt sich und streckt sich faul in die Länge.
Der Kopf mag noch so sehr darauf bestehen und beharren, der Körper
– dieser Lümmel – bleibt dabei, niemals bereitwillig hinzugehen.
Das Gefühl läßt sich nicht besser beschreiben: Um mit
ganzem Herzen bei der Arbeit zu sein, muß man fast herzlos
sein.

In der Sonne und im Bett drängen
anbrandende Verpflichtungen den Schaum wollüstiger Verlockungen
zurück. Die Weichheit der Laken, das Umschlingen nackter Arme,
die Gegenwart des geliebten Menschen, die Lust, durch Straßen
und Felder zu schlendern – alles flüstert mit verwirrender
Einfachheit: „Nimm dir Zeit oder die Zeit nimmt dich … Es gibt
nur die Lust oder den Tod.“

Auf schnelle Berechnung gedrillt, hat
der Verstand aber bald wieder die Herde der Zwänge
zusammengetrieben. Schon in der ersten Phase der Überlegung
senkt sich das buchhalterische Gitter der Arbeitszeit herab, es läßt
die Begierden – ohnehin nur Trugbilder! – nicht durch.

Der Tagesablauf, gehörig
gerastert, schreibt eine zwar gewählte, aber widerwillig
gewählte Wirklichkeit ins reine – zu Lasten einer anderen
Wirklichkeit, derjenigen des Körpers, der lauthals die Freiheit
einfordert, endlos begehren zu dürfen.

Alles läuft so ab, als ob es nur
eine einzige Welt gäbe, während die zweite sich im Nebel
eines kindischen Märchenreichs verflüchtigt. Das Porzellan
der Träume zersplittert in der Aufregung der Geschäfte und
der lukrativen Tätigkeiten – und dies buchstäblich in einem
Augenblick.

Der Abend fügt die Überreste
der arbeitenden Menschen wieder zusammen. Dann verleimt die Nacht die
Begierden erneut, die der Besen mechanischer Griffe zum Abfall
gekehrt hat. Sie bessert sie aus, so gut es eben geht: zehn falsche,
eine richtige – auf die Liebe hin, falls sie noch da ist.

Im Morgengrauen wiederholt sich das
Szenario, angereichert mit den Mühen des Vortags. Sind endlich
Tag und Nacht durcheinandergebracht, umschließt das Bett einen
endgültig besiegten Körper und begräbt in seinem
Leichentuch ein Leben, das so oft fast erwacht wäre.

Dies nennen sie die „harte
Wirklichkeit der Dinge“ oder, mit ergötzlichem Zynismus,
die „conditio humana“.

 

Sie verbringen die Woche in der Erwartung, daß die
Arbeit Sonntagskleider anlegt

Die
Allgegenwart der Arbeit

Sie ziehen von Montag bis Freitag ihre
Dienstuniform an – so gehen sie zur Freizeit, wie sie zur Fronarbeit
gehen. Fast spucken sie in die Hände, bevor sie einen
Pernand-Vergesseles kippen, in den Louvregängen herumschlendern,
Baudelaire rezitieren oder wild Unzucht treiben.

Zur festgesetzten Zeit und Stunde
verlassen sie die Büros, die Werkstätten und die
Ladentische, um sich im gleichen Takt der Bewegungen in eine
abgemessene, verbuchte Zeit zu stürzen. Stück für
Stück wird diese Zeit mit Namen beschriftet, die wie Fläschchen
klingen, die man fröhlich öffnet: Wochenende, Urlaub,
Feier, Ruhe, Freizeit, Ferien. So sehen die Freiheiten aus, die ihnen
die Arbeit bezahlt und die sie mit ihrer Arbeit bezahlen.

Mit großer Sorgfalt üben sie
die Kunst, der Langeweile Farbe aufzutragen, indem sie die
Leidenschaft am Preis der Exotik, eines Liters Alkohol, eines Gramms
Kokain, der Ausschweifung, der politischen Auseinandersetzung messen.
Mit versiert-stumpfem Auge beobachten sie die kurzlebigen Notierungen
der Mode, die von Rabatt zu Rabatt den Absatz der Sonderangebote
kanalisiert: Kleider, Fertiggerichte, Ideologien, Ereignisse und die
Stars auf dem Gebiet des Sports, der Kultur, der Wahlen, des
Verbrechens, des Journalismus und der Geschäfte, die das
Interesse an alldem wachhalten.

Sie glauben ein Leben zu führen,
aber das Leben führt sie durch die nicht enden wollenden Hallen
einer alles umfassenden Fabrik. Ob sie lesen, basteln, schlafen,
reisen, meditieren oder vögeln, sie gehorchen fast immer dem
alten Reflex, der jeden Arbeitstag hindurch die Führung hat.

Macht und Profit halten die Fäden
in der Hand. Sind die Nerven rechts überspannt? Sie entspannen
sich links, und die Maschine springt wieder an. Eine Belanglosigkeit
ist in der Lage, sie über das Untröstliche hinwegzutrösten.
Nicht ohne Grund haben sie jahrhundertelang unter dem Namen Gott
einen Sklavenhändler verehrt, der nur einen von sieben Tagen zum
Ausruhen zugestand und darüberhinaus verlangte, daß dieser
seinem Lobgesang gewidmet sei.

Und dennoch fühlen sie, wissen sie
am Sonntagnachmittag, so gegen vier Uhr, daß sie verloren sind,
daß sie, wie in der Woche, das Beste von sich in der
Morgendämmerung zurückgelassen haben, daß sie nicht
aufgehört haben zu arbeiten.

 

Sie erziehen das Kind in der gleichen Art, wie sie
selbst jeden Morgen aufstehen im Verzicht auf das, was sie lieben.

DAS KIND

So lange sie sich verbissen weigerten,
ihre geheimen Begierden zur Kenntnis zu nehmen, geruhten sie, nichts
vom Kind wissen zu wollen. Ihre Hauptsorgen, nämlich Kriege zu
führen und zu regieren, erlaubten ihnen kaum, sich über ein
so kleines Wesen zu beugen.

Betrachtet man dies mit dem Abstand von
Jahrhunderten, so erschreckte sie eigentlich vor allem dieses immer
neue Leben, das aus dem Bauch der Frau hervorkommt, um zu wachsen und
sich zu vermehren. Der Spiegel ihrer vergangenen Eigenart ließ
aus ihrer Kindheit eine undeutliche Erinnerung an eine Existenz
aufsteigen, die zu allen Hoffnungen berechtigte. Dies war ein
Ärgernis, und der Knebel des Erwachsenenalters ließ nicht
nach, es ersticken zu wollen.

Sie haben das Kind gehaßt und
gleichzeitig sich selbst; sie haben es zu seinem eigenen Wohle
geschlagen; sie haben es in der Ohnmacht, das Leben zu lieben,
erzogen, einer Ohnmacht, in der sie sich selbst befanden.

 

Sie haben die Idee verbreitet, daß der Tod die
wahre Geburt sei.

Das Unglück
der Geburt

Während das Römische Reich
seinen Merkantilismus bis zu den Grenzen der bekannten Welt
durchsetzte, hat die christliche Mythologie es virtuos verstanden,
die Allgegenwart der Ökonomie zum Ausdruck zu bringen. Der
zyklopische Gott, dessen einziges Auge über das Universum
herrschte, hatte den Vorteil, das Schicksal des Kindes seinen
Absichten gemäß zu ordnen, nicht verkannt.

Was berichtet die Legende von Christus?
Daß er Mensch gewordener Gott in einer mütterlichen Grotte
war, in der zwischen Mensch und Tier Harmonie herrschte. Er soll,
nachdem er in der Wiege die kostbaren Gaben dreier Magier des
irdischen Königreiches empfangen hatte, von seinem göttlichen
Vater dazu verurteilt worden sein, das Kreuz des Lebens, das ihm
nützlicherweise als Sarg diente, zu tragen und die Pforte des
Todes zu durchschreiten, um den Preis für seine Leiden in
himmlischer Währung entgegenzunehmen.

Er ist Gott bis zur Geburt und Gott
jenseits des Grabes. Zwischen den beiden Polen des Ruhms bestimmt ein
Tal der Tränen den Lauf seines Schicksals. So lernt auch das
Kind, aus dem Paradies des Uterus vertrieben, sein Leben „perinde
ac cadaver“ zu ökonomisieren, um das Wegegeld zum
himmlischen Überleben entrichten zu können.

Man ersetze die Hoffnung, zur Rechten
des Herrn zu sitzen, durch das Versprechen einer schönen
Zukunft, so hat man die Bestimmung des Neugeborenen, seit die
aufgeklärte Wissenschaft den religiösen Obskurantismus
beseitigt hat.

 

Die Entdeckung
des Kindes

Das 20. Jahrhundert hat nicht die
Kurzsichtigkeit geheilt, es hat aber die Offensichtlichkeiten vor die
Nase gerückt. Der Hellsichtigkeit geht es deswegen nicht
schlechter. Dem Kind auch nicht, das sie immer vor Augen hatten, ohne
daß sie es wirklich sahen, und das sie jetzt aus der Nähe
prüfen, weniger aus Überzeugung als aus Zwang. Ihre
Beobachtung stellt sie vor die schmerzhafte und erregende
Überschneidung der Gegensätze, in der sie jeden Morgen zu
sich kommen und sich wieder aufgeben. Das Kind, das einst dem
erwachsenen Gewissen ein Kreuz war, hat sich wie ein klarer
Scheidepunkt auf die Kreuzung gestellt. Ein Scheidepunkt der
Zivilisation.

 

Die Lehrzeit

Das Kind öffnet sich dem Leben
durch den Umgang mit der Lust, und der Umgang mit der Lust eröffnet
ihm den Zugang zur Welt. Lernen, an Lebewesen und Dingen Freude zu
haben, ist die wahre Intelligenz; im Vergleich dazu ist die
glänzendste Intellektualität eine Schau der Dummköpfe,
der Armen an Lebensgehalt.

Dies ist kein neuer Gedanke, aber es
ist ein weiter Weg vom Gedanken zum Begehren, aus dem jede
Wirklichkeit entsteht. Das Wissen steigt ihnen nach so alter
Tradition durch Arschtritte zu Kopf, daß sie den Weg über
das Herz für unnütz und für Zeitverschwendung halten.
Übrigens, wie soll man dieser ganz besonderen Wirksamkeit des
kürzesten Weges auch entkommen, solange die Firma Familie &
Schule für das Kind ein Ausbildungsprogramm bereithält, das
ebenso tauglich für die Geschäfte wie untauglich für
das Leben ist?

Einige Jahre noch wird sich der Brauch
halten, das Kind aus dem Wirrwarr des Lachens und Weinens
herauszureißen, ihm den Faden der Befriedigung und des
Unbefriedigtseins wegzunehmen, der es zu einer fortschreitenden
Verfeinerung führt. Anstatt es im Labyrinth der Gefühle an
der Hand zu nehmen, wo so viele Kenntnisse an Klarheit und Tiefe
gewinnen würden, stoßt ihr es genau dahin, wo auch ihr
hindurchgegangen seid, um euch zu verlieren. Ihr zieht das Kind
weiter in ein vertracktes Netz moralischer und gesellschaftlicher
Übereinkünfte, in ein Durcheinander von Zwängen und
Täuschungen, in einen Knäuel von Spitzfindigkeiten, die in
gleicher Weise geeignet sind, die anderen wie sich selbst zu
betrügen.

So versinkt die Welt des Genusses in
den Niederungen des Unbewußten. Später werden die
Psychoanalytiker, die Entdecker absichtlich versunkener Kontinente,
Strandräuber spielen; sie werden Objekte der Begierde und des
Abscheus an die Oberfläche bringen und sie ihren Eigentümern
wiederverkaufen, die häufig nichts mehr damit anzufangen wissen
und den besten Teil davon als Erinnerung behalten.

 

Die Umkehrung
der Priorität

Erst die Arbeit –
dann das Vergnügen! Das ist das Leitmotiv, das wie ein
Abzählvers klingt und vom Kopf nach unten den Bewegungen des
Körpers einen militärischen Rhythmus gibt. Das ist die alte
Leier, harmlos, aber eindringlich, die den Rückzug der
entstehenden Intelligenz begleitet. Und sicherlich wird bald eine
andere Intelligenz unter der eisigen Führung der Arbeit das Feld
besetzen, eine Intelligenz, bei der das Herz am wenigsten zählt
und am besten versteinert.

 

Sie haben das Kind entdeckt, indem sie den Spuren des
Menschenfressers folgten.

Das Kind als
Marktwert

Ihre Großzügigkeit ist meist
nur das Almosen, das der Profit demjenigen überläßt,
der ihm dient. Hat es ihren Negern nicht genügt, Käufer von
Kühlschränken, Autos und verdorbenen Medikamenten zu
werden, um von der Bestialität zum Status menschlicher Wesen
hinüberzuwechseln? Wie ist das Proletariat zu dem demokratischen
Recht gekommen, seine Herren zu wählen? Gewiß weniger
durch die Vermehrung seiner letzten Gefechte als aufgrund eines
Marktes, der auf der Suche nach Massenkundschaft ist. Mehr als
allgemein angenommen verdankt sich die Gleichheit dem Auftauchen von
tiefgefrorenen Spaghetti mit Trüffelersatzgeschmack auf allen
Tischen.

Als der menschenfressende
Merkantilismus Zeichen der Ermüdung und der Sattheit unter den
afrikanischen Nationen und den westlichen Nomaden bemerkte, die, mit
dem Scheckheft in der Faust, die Regale der Läden plünderten,
stieg er auf der gesellschaftlichen Leiter tiefer, um sich eine
allerletzte Nahrung zwischen die Zähne zu schieben.

In den fünfziger Jahren war das
Kind außerhalb der Familie und der übelsten Kriminalität
ohne Wert: etwas mehr als ein Hund, etwas weniger als ein Neger, ein
Handlanger oder eine Frau. Eine alte Regel gab den Rat, es wie eine
Münze zu schlagen, es wie Ton zu formen, es im Feuer der
Prüfungen zu härten, es auf die gewinnbringende Zukunft
einer Ziervase hin mit Wissen zu übermalen.

Dreißig Jahre später
entdeckte die Verkaufsförderung die Achse der schönen
Gefühle und ordnete die lieben Kleinen in das Koordinatensystem
ein. Seitdem reißt sich jeder darum, ihnen das Abendmahl ohne
Beichte zu gewähren, eine Kreditkarte, ein Bankkonto, einen
Computer, eine Fast-Food-Packung – und schließlich das Recht,
laut zu sprechen, mit „Sachkenntnis“ zu entscheiden, auf
dem Weltmarkt des Konsums eine Option durchzusetzen.

Dennoch läuft die Ökonomie
Gefahr, sich die Pfoten zu verbrennen, wenn sie die letzten Reserven
herauskitzelt. In ihren Berechnungen haben die Spezialisten des
Marketing vergessen, daß das menschenfressende Ungeheuer
unausweichlich unter den Schlägen einer unschuldigen Hand endet.
Die Warenoffensive hat den Punkt der äußersten
Verletzlichkeit erreicht, indem sie sich der Quelle des Lebens
nähert.

Der Reklameschwindel, der das Kind
älter machte, indem er es als gewitzten Verbraucher verkleidete,
hat nicht unwesentlich dazu beigetragen, es vom Status eines
untergeordneten Wesens zu befreien. Aber haben sie denn geglaubt, es
wirklich in ihre Hand zu bekommen, sie, die keine andere Perspektive
als den unmittelbaren Profit haben und alles nur durch ihre eigene
Brille sehen? Haben sie es für möglich gehalten, sein
Bewußtsein ungestraft steigern zu können, um es sogleich
wieder zu dem schwach-sinnigen Herdenwesen zu erniedrigen, das die
Verbraucher von gestern gerade zu verabscheuen beginnen?

Wie hastig wird es mit Zuchthunden und
Hauskatzen verwechselt, auch wenn diese, ungefähr gleichzeitig
mit ihm, aus einer gesteigerten Aufmerksamkeit und Achtung Nutzen
gezogen haben! War es denn glaubhaft, daß nach dem Vorbild
vergangener Generationen ein Pfiff ihm das Wasser im Munde
zusammenlaufen, es in den Krieg gehen oder einen Führer wählen
ließ?

Das hieß außerdem, die
Veränderungen unberücksichtigt zu lassen, die den
Verhaltens- und Denkweisen von der sich entwickelnden Ware aufgeprägt
wurden. Je weiter die Tyrannei innerhalb der Familie aus der Mode
kommt und der Verfall des Patriarchats dem brutalen Zwang und der
abgefeimten Lüge ein Ende macht, desto besser unterscheidet das
Kind jene Wahrheit des Menschlichen und jene des Unmenschlichen, die
die Menschen untereinander verbindet oder voneinander trennt und die
es früher wegen einer Ohrfeige, eines finsteren Blicks oder des
Hochziehens der Augenbrauen voll Bitterkeit schlucken mußte.
Unter dem Samthandschuh, den das merkantile Entgegenkommen ihm
reicht, hat das Kind schnell die Eisenhand gespürt, fein
gegliedert, die ihm seinen Anteil entreißen will. Gelobt sei
die Litanei: „Bediene dich, nimm, was du willst, und bezahle am
Ausgang!“ Nichts hätte das Kind vom widerlichen Charakter
des Handels besser überzeugen können. Nichts wird es besser
vorbereitet haben, absolut und überall die Erpressung
abzulehnen, die immer die verheerendsten Folgen hat. „Gehorche,
oder ich liebe dich nicht mehr.“

 

Der Blick auf das Kind läßt im Herzen des
Erwachsenen die Gegenwart eines unvollendeten Lebens aufleuchten, das
zwischen Geburt und Tod pendelt

Die
nackte Wahrheit der Ökonomie

Picabia hebt das Scheitern einer
Zivilisation hervor, die jeden aus seinem eigenen Körper
vertreibt, indem er feststellt: „Den Menschen fehlt das am
meisten, was sie besitzen: die Augen, die Ohren, der Arsch.“

Um den Lauf der Welt kennenzulernen, zu
verabscheuen und zu bewundern, hat eine freiwillige Verblendung
jahrhundertelang vorgeschrieben, sich zu verkennen und sich nur zu
erforschen, um sich zu verachten. Wenn ein Geschlecht von Einäugigen
heute auf eine Ahnenreihe folgt, die auf geistige Blindheit gegründet
war, so ist dies weniger die Auswirkung einer Mutation der
Intelligenz als eines Zusammentreffens von Umständen, in denen
jeder angeleitet wird, nur aus der eigenen, unmittelbar erlebten
Erfahrung einen sicheren Weg zu finden.

Es gibt kaum noch Äste, die hoch
genug sind, damit die Gefährten des Todes sich an ihnen
aufhängen oder auch daranhängen können. Die Systeme,
die im Namen des Himmels die Welt regierten, sind mit Spott und Hohn
untergegangen. Man zeige mir einen einzigen dieser ewigen Werte, der
noch aufrecht auf seinem Podest steht, durch den die Gesellschaften
sich Verehrung erzwangen und sich gleichzeitig den Lebenden
verweigerten!

Welche Glaubwürdigkeit haftet noch
an den Lügen, deren Ungeheuerlichkeit die Begeisterung und die
Grausamkeit ihrer Anhänger wie eine Flut hochspülte, jede
Sache unterstützte, sei sie edel oder niederträchtig, und
die Horden fanatisierter Parteigänger den Flammen einer
qualvollen Ekstase preisgab?

Die Ökonomie hat aufgehört,
sich hinter den Trugbildern Gott, Teufel, Verhängnis, Gnade,
Fluch, Natur, Fortschritt, Pflicht, Notwendigkeit zu verbergen, womit
die Epochen einer unvermeidlichen Leichtgläubigkeit sie
ausstaffiert hatten. Sie schert sich nicht mehr um die liberale
Seidenrüsche oder um die leninistische Arbeitermontur, es ist
ihr völlig gleichgültig, ob sie für irgendeinen großen
Sprung nach vorn den Faschistenstiefel oder das Sozialistenschühchen
anzieht. Ihre Einfachheit entblößt sie, ihre Allgegenwart
macht sie heimisch und vertraut.

Da sie sich in die äußerste
Zwangslage versetzt sieht, überleben zu müssen, faßt
die Ökonomie die Summe ihrer vergangenen Lügen in einer
einzigen zusammen: Es gebe ohne sie keine Rettung für das
Überleben der Menschheit.

 

Das Ende der Werte

Die alten Prinzipien, die man den
Kindern eingeschärft hatte, sind durch den fortschreitenden
Entzug gänzlich heruntergewirtschaftet, in dessen Verlauf die
Macht der Ware die meisten herkömmlichen Werte in Zweifel
gezogen hat. Man pfeift also auf das Opfer für das Vaterland,
auf die Hingabe an ein Amt, auf den Gehorsam gegenüber den
Vorgesetzten und scheißt auf die Verweigerung und die
Rebellion, die ihnen auf derselben Ebene des Hasses und der
Verachtung Genugtuung verschafft haben. Platz da für die
Ökonomie unter ihrem richtigen Namen, der da lautet „Mach
Geld und kümmer dich um nichts!“

Die achtziger Jahre hatten eine Art
Offenheit in Mode gebracht, die einen Pfennig einen Pfennig nannte,
den Profit lobte, finanzielle Machenschaften rehabilitierte, den
Kampf der Börsenspekulanten verherrlichte und Geschäfte auf
die Höhe sportlichen Ruhms hob. Ganze Trupps kühner Denker
hatten die Tugend der Arbeit wiederhergestellt, die Dynamik des
Privatunternehmens belebt und einen kapitalistischen Geist zu neuem
Leben erweckt, der seit seiner staatswirtschaftlichen Umstellung auf
den Hund gekommen war – eine eitle und kurzlebige Anmaßung.

Kaum ein Jahrzehnt brauchte die
Hochzeit zwischen Geschäftemacherei und Privatinitiative, um die
Börsenkrise, die Arbeitslosigkeit, die Abwertung und den
industriellen Zusammenbruch als Geschenke zu hinterlassen – ein
Modell also, das Schülern, die gemäß einem
bildungspolitischen Plan zur großen Armee des wirtschaftlichen
Aufschwungs eingezogen werden sollten, wenig Mut machte.

Als ob die Gewißheit, daß
die Ökonomie weder im ersten noch im zweiten Anlauf in Gang
kommen wird, sie der Zukunft beraubt, nehmen sie im Kind und in der
eigenen, fernen Kindheit verschwommen den Keim einer radikal anderen
Existenz wahr. Seit ihre Kleinen aufgehört haben, vor dem Altar
der Leitbilder zu knien, weil es nur noch Grimassen nachzumachen gab,
fragen auch sie sich, warum sie darauf verzichten sollten, ihr
eigener Herr zu sein, warum sie sich davor hüten sollten, auf
Lebewesen und Dinge aus reinem Vergnügen zuzugehen. Es gibt ja
schließlich keinen Grund, sich für den Krieg zu bewaffnen,
eine berufliche Laufbahn zu ergreifen, an der Börse zu
spekulieren oder sich in Konkurrenzkämpfe zu stürzen, die
gleichermaßen schiefgehen. Warum sollten sie sich der
Lächerlichkeit und der Enttäuschung aussetzen und stumpf
die Gesten wiederholen, die einem das Leben rauben und zum Ausgleich
nicht einmal einen Nutzen anbieten?

 

Die
Lächerlichkeit der Macht

Von allen Parteien, die auf dem
abgewirtschafteten Feld der Politik und der Geschäfte die Flucht
ergriffen haben, bleibt nur ein einziger aktiver Klüngel,
derjenige der Macht. Mit ihm muß man rechnen, denn er
argumentiert mit dem Tod; der Tod jedoch ist dabei, das Monopol
absoluter Überzeugungskraft zu verlieren.

Schaut doch mal, wie alt die Meister
des Denkens und Handelns plötzlich geworden sind, seitdem sie
sich nicht länger auf Religionen und Ideologien stützen
können, um ihren Ehrgeiz aufrechtzuerhalten.

Ihr Dasein sollte genau dem Fernsehbild
entsprechen, das sie der spöttischen Ergebenheit der Massen
liefern. Sie glauben noch immer zu faszinieren, während sie nur
geröntgt, von innen her durchleuchtet und einer ärztlichen
Diagnostik unterzogen werden, die sie ganz selbstverständlich
als Kranke behandelt. Sie versuchen vergeblich, sich nach den
Ansprüchen der Mode zurechtzumachen, die Mode jedoch nutzt sich
mit beschleunigter Geschwindigkeit ab wie das Spektakel selbst. Sie
werden nach kurzer Zeit altmodisch und kaum spielen sie einen neuen
Frühling vor, sind sie schon mitten im Winter.

Solange der Blick der Massen durch die
Sprache der Ideologie verschleiert wurde, unterschied das Auge nicht
mit solcher Schärfe, daß die Medienberühmtheiten nur
etwas Mechanisches sind, das gewaltsam dem Lebenden aufgedrückt
wird. Heute füllt der Atem der Geschichte ihre leeren Worte
nicht mehr mit frischer Luft, ihre einstudierten Gesten gehen fehl,
ihre Mittel ziehen nicht mehr. Die Hintergründe ihrer
gescheiterten Menschlichkeit kommen ans Licht und sie stellen unter
ihrer selbstgefälligen Miene das runzlige Gesicht eines Kindes
zur Schau, das niemals geboren wird.

Staatsoberhäupter,
Stammeshäuptlinge, Cliquenführer, Polizisten, Unternehmer,
Politiker, Minister, Militärs, Volkstribune, Stars, Bürokraten
und vertraute Überbleibsel des Autoritarismus haben bei der
Gemeinheit, die sie alle kennzeichnet, ein Kind im Bauch, einen Fötus
im Glas, einen vertrockneten Embryo im Herzen. Je verbissener sie
sich bemühen, es zu beschwören, desto offener zeigt sich
ihr unterdrücktes kindisches Wesen.

Dieses Aufstampfen der verletzten
Eitelkeit, dieser anklagende Finger, dieses erbärmliche Jammern,
dieses hinterhältige Lächeln, dieses aggressive
Schuldgefühl, diese Verachtung des Richters kurz davor, selbst
gerichtet zu werden – nichts anderes als Mätzchen gepeinigter
Kinder, aufgebrochene Wunden der Vergangenheit, ungeschickt verborgen
hinter der Würde und dem Ernst des verantwortlichen Erwachsenen?

Erwarten sie denn noch immer, daß
man an sie glaubt? Man würde viel eher an ihre Menschlichkeit
glauben, wenn sie darauf verzichteten, die Menschen wie durch
Ohrfeigen und Lügen verblödete Rotzlöffel zu
behandeln, und sich stattdessen entschieden, die gelebte
Authentizität dem lächerlichen Prestige des Scheins
vorzuziehen, und wenn sie einfach wieder zu dem zurückkehrten,
was sie sich an Lebendem bewahrt haben, wie wenig es auch sein mag.

Aber wie soll derjenige lernen zu
leben, der nur gelernt hat, sich zu demütigen und andere zu
beherrschen?

 


Die Krankheit als Zuflucht verletzter Kindheit

Die vergangenen Epochen boten
vielfältige Gelegenheiten, hei denen das Ressentiment einer
zerrissenen Kindheit die Wahl hatte, sich zu betätigen. Es
genügte gewöhnlich, Neger, Bourgeois, Proletarier, Erbfeind
oder das Weibsbild am Herd zusammenzuschlagen, um Wut und Mißmut
einzudämmen, die von einem vergifteten Leben verwesender
Begierden ununterbrochen Nahrung erhielten.

Solche Ventile sind aber beim
zunehmenden Verlust jeglicher großen Sache allmählich
abhanden gekommen, bei der ihre Zivilisation auf ihre Kosten kam. Sie
haben fast ein Jahrhundert gebraucht um zuzugeben, daß der
Schmerz, der ihnen Bauch, Herz oder Kopf durchbohrte, weniger aus
einer zufälligen Krankheit herrührte als aus einer
Kindheit, hinter der sie brutal die Tür des Erwachsenenalters
zugeworfen hatten und die überall luftschnappend anklopfte.

Gewohnt, alles von der negativen Seite
her zu sehen und anzugehen, empfanden sie Entsetzen bei dem Gedanken,
das Leben in sich zu tragen. Die Panik schleppte sie von der Couch
des Psychoanalytikers in den Operationssaal. Die Hast, sich von einer
Gegenwart zu befreien, die von Begierden durchdrungen ist,
befruchtete sie mit einem tödlichen Samen, mit einer Vitalität,
die verkehrt wächst, mit einer Panik der Zellen, mit einer
rückwärts gewandten Flucht, wobei der Organismus zu einem
Krebs wurde, zum Krebsgeschwür.

Das Ende des 20. Jahrhunderts hat zu
einer Verwirrung geführt, von der die Vermehrung der
Überlebenskrankheiten zeugt. Seitdem der Krieg, die Revolution,
der Aufstand, der legalisierte Mord nicht mehr den Vorwand für
die Neigung zum Selbstmord liefern, ist für viele die Wahl des
Todes eine Art täglicher Zeitvertreib geworden. Sie vergiften
sich das Blut jeden Morgen, wenn sie zur Arbeit gehen, sie
unterdrücken ihre Begierden den ganzen Tag lang, sie sperren
ihren Überschwang in den Schrank, sie drehen der kindlichen
Lebendigkeit den Hals um und knicken ihre Lebenslinie genau an der
Stelle, wo die Leidenschaft sie verlängert hätte. Zumindest
ist im allgemeinen Bewußtsein folgendes deutlich geworden: Es
gibt bei der Spaltung zwischen Welt und Individuum nur noch eine
einzige Grenze, sie scheidet mit immer größerer Klarheit
die Zone, in der die Parteinahme für den Tod tätig ist, von
den Orten, die die Entstehung eines Lebensstils begünstigen.

 

Die
Wiedergeburt des Kindes

Weit mehr Leute als man glaubt knüpfen wieder an ihre Kindheit
an, nicht an jene, die von den mechanischen Griffen getötet wird
und deren Autopsie auf der Couch des Psychoanalytikers stattfindet,
sondern an jene, die auftaucht, wenn das Begehren ruft. Von den
Kindern, den eigenen oder fremden, leihen sie gern ein Wissen, das
ihnen beim vertrauensvollen Zugang zu einem Leben hilfreich ist, das
endlich in seiner Üppigkeit angenommen wird. Nichts bereitet sie
besser vor, die List der Krankheit zu vereiteln und vor allem dem
quälenden Eindruck ein Ende zu setzen, der gelungene – durch die
Vereinsamung des Lebemanns im Alkohol beschleunigte Tod bliebe die
einzige Hoffnung für ein verpfuschtes Leben.

Obwohl die Ordnung in der Familie immer
noch zu ihren Befugnissen gehört und sie die Pflicht haben, sie
wohl oder übel aufrechtzuerhalten, ist es ihnen in den meisten
Fällen zuwider, am Kind jenen leisen Mord zu begehen, dessen
übliche Opfer sie selbst in jungen Jahren gewesen sind. Die
Eltern haben den Hochmut aufgegeben, den die patriarchalische
Tyrannei ihnen einst als Erbschaft auferlegt hat. Sie strafen
nachgiebig, verdreschen wenig und eher aus Ungeschicklichkeit,
schreien weniger und diskutieren und palavern mehr. Und vor allem in
einer besonders empfindlichen Angelegenheit haben sie ihre Haltung
geändert: Sie gewähren ohne Zögern und Einschränkung
eine Zuneigung, die immer Gegenstand einer Erpressung von Schutz und
Unterwerfung war.

Das Kind hat wahrgenommen, wie stumpf
der Stachel des blöden Zwangs geworden ist, es hat daraus den
Vorteil gezogen, bequemer dahin zu gehen, wohin das Verlangen es
drängt, und die Worte laut auszusprechen, die die Natur überall
murmelt. In denjenigen, die sich als seine Meister eingesetzt hatten,
ohne jemals etwas anderes gemeistert zu haben als die eigene Agonie,
erweckt das Kind ganz unvermutet einen Lebenshunger, der von den
Intrigen der Arbeit in Lethargie getaucht worden war.

Ist es nicht ein wahres Wunder, das
Kind nur nach Lust und Laune herumschwirren zu sehen? Es bemächtigt
sich des Glücks, sobald es in seine Reichweite gelangt, es
bemüht sich voller Findigkeit um die Wiederkehr glücklicher
Augenblicke. Die Wirklichkeit, die es aufdeckt, ist das Zentrum eines
Labyrinths, in dem sich so viele geschickte Manöver, so viele
Prahlereien und Ausflüchte verirren. Es ist die Authentizität,
die unaufhörlich wiedergeschaffene Übereinstimmung des
Körpers mit den ihn verfeinernden Begierden. Die aggressive
Infantilität und die weinerliche Senilität der Erwachsenen
war niemals etwas anderes als ihre Lüge, die „kindliche
Rückseite des Menschen“.

Spontan lernt das Kind, die Augen stets
wie zum ersten Mal zu öffnen, die Farbe der Blätter zu
unterscheiden, eine Landschaft zu lesen, die Sprache der Vögel
zu verstehen und die Anmut eines Augenblicks einzufangen – eines
Augenblicks, der nicht länger durch die Schneide der Axt
zugespitzt, über Kimme und Korn des Gewehres gekniffen und von
der Zange des Gedankens an Vergänglichkeit und Tod erfaßt
wird. Auch das „innere Kind“ erlaubt es jedem, in sich den
Saft des Frühlings, die Wildheit der Tiere, die Wollust einer
Liebe aufsteigen zu lassen, aus der nur Liebenswürdiges
entstehen kann.

 

Welch seltsame und unvollkommene Alchimie der Liebe! Sie
empfängt und bringt das Kind zur Welt in zwei
aufeinanderfolgenden Verwandlungen, ohne jemals die dritte zu
erreichen, in der die Menschheit es auf sich genommen hätte,
sich selbst zu schaffen, indem sie gleichzeitig die Welt schafft.

Die
verfälschte Schöpfung

Ist nicht die Umarmung von Mann und
Frau, die das Leben im Mutterschoß erzeugt, der eigentliche
Schöpfungsakt? Wie sehr mußten sie sich der Liebe und des
Lebens schämen, um selbst noch die irdischste Handlung und die
fleischlichste Alchimie einem himmlischen und nicht fleischgewordenen
Gott zuzuschreiben! Welche Verachtung des Genusses, dem sich die
Liebenden hingeben, indem sie sich einander hingeben, welche
Geringschätzung des Glücks, bei dem die Körper sich
vereinigen, um sich zu befruchten – egal ob aus dieser natürlichen
Vereinigung ein Kind geboren wird oder nicht! Hat man jemals eine
schönere Huldigung patriarchalischer Männlichkeit gegenüber
der hingenommenen Impotenz gesehen?

Aus welch irregeleiteter
Vorstellungskraft hat man gefolgert, daß der einzige und wahre
Schöpfer des Universums ein Geist gewesen sei, ein Samenkorn des
Nichts? Die Notwendigkeit zu arbeiten mußte doch, um einen
derartigen Unsinn zu begründen, zunächst die Unfähigkeit
zur Schöpfung mit sich bringen, die Macht mußte die
Menschen der Lust berauben, selbständig zu sein, und die
Expansion der Ware mußte sich an die Stelle der Expansion der
menschlichen Natur setzen.

Die Menschlichkeit und die
Unmenschlichkeit entstehen nur im Menschen, der sich aus der Erde
geschaffen hat und sich im Namen des Himmels zerstört.

 

Die
unterbrochene Evolution

Ihre Männer der Wissenschaft
bewundern, daß der menschliche Embryo, zwischen Empfängnis
und Geburt, den tausendjährigen Gang, der aus einem im Wasser
lebenden Wesen ein auf dem Land lebendes Säugetier gemacht hat,
in der verkürzten Spanne von neun Monaten wiederholt. Die
weitere Entwicklung sollte ihnen eher Gründe zum Staunen
liefern. Wäre es nicht berechtigt gewesen, von einem so großen
Sprung, der von der Meeresexistenz zur Eroberung der Erde geführt
hat, eine ähnliche Evolution zu erhoffen, bei der die
menschliche Spezies sich als ein Hinauswachsen über die
tierische durchgesetzt hätte?

Offensichtlich ist unterwegs etwas
schiefgegangen. Es hat kein menschliches Wunder gegeben. Die
tierische Spezies hat sich nur vervollkommnet und sozialisiert, indem
sie die eigene Natur aufgegeben hat. Dank seiner Fähigkeiten
bemächtigt sich der Mensch des Universums mit einer Technik, die
ihm nicht gehorcht und das Leben überall unfruchtbar macht.
Dieses Phänomen war mehr wert als die metaphysischen
Verrenkungen, die bemüht sind, sie als die in der Tat einzig
mögliche Form der Evolution zu rechtfertigen. Es ist allerdings
wahr, daß die Wissenschaftler, die das Leben auf der Erde nach
ihrer persönlichen Art zu leben beurteilen, es meistens
geringschätzen.

 

Die
unvollendete Geburt

So kommt es, daß das im Schoß
wachsende Kind sich in der süßen Welt der Gebärmutter
allmählich beengt fühlt. Die schützende Hülle
stört es, behindert seine Bewegungen und sein Atmen. Es fängt
sozusagen an, mit größerer Energie zum Ausgang zu
schwimmen – zur Geburt, zur Autonomie.

Seine Ungeduld ist Last und Hemmnis für
den Körper der Mutter, die ihrerseits nun ungeduldig wird, und
sich einer unbequem gewordenen Gegenwart entledigen will. Der Ausstoß
findet in beiderseitigem Einverständnis statt. Die Mutter
entläßt das Kind mit der Gewaltsamkeit eines neuen Lebens
in die gewünschte Freiheit. Der Augenblick der Geburt macht
Mutter wie Kind frei oder, genauer, leitet für beide einen
Prozeß der Emanzipation ein. Die Nabelschnur ist
durchgeschnitten, das Band der Abhängigkeit verschwindet, die
Gefühlseinheit lockert sich und schöpft aus der
Kostenlosigkeit eine ungetrübte Kraft … eine idyllische
Vision.

Ihre Zivilisation trennt den
Infusionsschlauch nicht durch, sie dehnt ihn, sie macht ihn hart und
spröde unter der beständigen Drohung, Hilfe und Nahrung
einzustellen. Sie führt zu einer dramatischen Verwicklung, in
der Frau und Kind sich aneinanderklammern und sich ein Leben lang das
Stück „Helfer und Hilfsbedürftiger“ vorspielen.
Sie ziehen sich gegenseitig an und stoßen sich wieder ab,
verletzen sich bei jeder Anwandlung von Unabhängigkeit und
finden sich wieder in den kränklichen Ausdünstungen der
Familie, um die Wunden zu pflegen, die sie sich zufügen.

 


Die Erziehung als Anpassung an das Überleben

Die Lehrzeit in der Tierwelt beschränkt
sich darauf das Gesetz des Überlebens zu respektieren: die
Anpassung. Beobachtungen zeigen, mit welchem Eifer ein Weibchen sein
Junges schützt, es darauf vorbereitet, in gefährlicher
Umgebung voranzukommen, wenn es die Verpuppung verläßt, in
der es sich befand. Im mütterlichen Unterricht lernt es, sich zu
verstecken, zu springen, einen Unterschlupf zu bauen, einer Spur zu
folgen, sein Revier abzugrenzen und sich einen beneidenswerten und
vergänglichen Platz unter Sonne und Mond zu erkämpfen.

War es unvernünftig, von der so
offen behaupteten Überlegenheit des Menschen über das Tier
eine Erziehung zu erwarten, die die einfache Fähigkeit, sich
anzupassen, weit hinter sich läßt? Man muß da
Abstriche machen, und zwar viele.

Es ist noch nicht lange her, da starben
mehr Kinder in einer Familie als Kaninchen in einem Wurf. Auch heute
noch sterben sie unter den Schlägen, den Qualen und dem Unglück,
den Groll der Erwachsenen bezahlen zu müssen. Diese
ungewöhnliche Grausamkeit ist ein schlechtes Vorzeichen für
eine Entwicklung über das tierische Verhalten hinaus.

Sind ihre Schulen wirklich etwas
anderes als Schulen des Überlebens? Das Kind ist besser
ausgerüstet als der Schimpanse, es verfügt über
ausgeklügelte Techniken sowie die Mittel sprachlicher Täuschung,
aber sein Schicksal ist das gleiche: sich unter Stärkeren und
Schwächeren durchsetzen, sich den Gesetzen seiner Umgebung
anpassen, seine Haut retten und sich mit einem Nimbus des Ansehens
umgeben. Nichts weiter und sogar oft weniger, da ihm die natürliche
Freiheit verwehrt ist, seine Triebe zu befriedigen.

 

Nur
der wird Mensch, der aufhört, es zu sein

Grausam genug veranschaulichen Märchen
und Legenden das Schicksal, das den Kindern vorbehalten ist. Dort
treten naive, großzügige, schwache und intelligente Wesen
mächtigen, furchteinflößenden, bösartigen und
dummen Riesen gegenüber. Am Ende gnadenloser Kämpfe siegen
die Schwachen über die Starken. David schlägt Goliath den
Kopf ab und trennt vom muskulösen Körper des Grobians einen
jener Zyklopenköpfe, die mit der Verwaltung von Stadt und Land
beauftragt sind.

In der Zwischenzeit wurden die Kleinen
durch Prüfungen abgehärtet; sie haben gelernt, ihren
Gegnern gegenüber die gleiche Roheit an den Tag zu legen und
obendrein eine Unbarmherzigkeit, so heimtückisch, arglistig und
verschlagen wie die des Dieners, der seinen Herrn betrügt. Sie
können sich nun ihrerseits in den Rang eines Königs, eines
Riesen, eines Erwachsenen erheben. Der Pfad im sozialen Dschungel hat
sie vom Stand eines Ausgebeuteten zum Status des Ausbeuters geführt.

Wie lautet die Moral der Geschichte?
Nicht derjenige ist der Stärkste, den alle Welt dafür hält,
sondern derjenige, der denkt; nicht die brutale Gewalt, sondern die
Kunst, sie beherrscht anzuwenden.

Die Kleinen triumphieren durch den
Geist und der Geist läßt sich bezahlen, indem sie erst
groß, dann alt, dann bitter und allmählich den Ungeheuern
gleich werden, die sie besiegt haben. Verändert hat sich nur der
Stein, der, in den Teich geworfen, dort dieselben konzentrischen
Kreise bildet.

Was den Gefühlsreichtum des Helden
betrifft, so läßt er sich in der stereotypen Schlußformel
zusammenfassen: „Sie lebten glücklich und hatten viele
Kinder.“ Genausogut könnte man ihn ins Nirgendwo, nach
Utopia verpflanzen, dahin, wo es keine Geschichte mehr gibt. So, als
ob das Glück, um sich zu behaupten und Früchte zu tragen,
nur auf den Kontinenten märchenhafter Unwirklichkeit herrschte,
die man nur tot erreicht oder zu erschöpft, um noch etwas
hervorbringen zu können, was immer es sein mag.

 

Gefühl und
Nahrung

Das Kind ist bis auf den heutigen Tag
entgegen der von ihm selbst angekündigten Entwicklung behandelt
worden. Schon im Bauch der Mutter empfängt es – im
Frequenzbereich der ersten Sinneseindrücke – wie in einem Tal
jeden Widerhall des Sturms, der innerhalb des Elternpaares aus der
Schwierigkeit zu lieben und sich zu lieben entsteht. Angst, Freude,
Furcht, Ärger, Gleichgültigkeit, Anwandlungen von Liebe und
Haß modulieren einen biologischen Rhythmus auf der
physiologischen Tastatur des Embryos, der sehr wohl über seine
endgültige Implantation oder über seinen vorzeitigen
Ausstoß entscheidend sein kann.

Wenn es der Gefahr einer Fehlgeburt
entronnen ist, die so häufig eine absichtliche Abtreibung
ersetzt, so deshalb, weil sich zwischen Mutter und Kind eine
Übereinkunft behauptet, eine Übereinstimmung, zu deren
Entdeckung die Wissenschaft inzwischen endlich gelangt ist, nachdem
sie alles über den Tod studiert hat. Man hat sich bis jetzt
gehütet zu betonen, wie wichtig für das Kind in utero
die Tatsache ist, daß es gleichzeitig und kostenlos
Nahrung, Liebe und jene geistige und sinnliche Botschaft empfängt,
die Heiterkeit und Vertrauen übermittelt. Dies ist ein Vorrecht,
das durch die Geburt nicht abgeschafft wird, da die mütterliche
Brust ja weiter und unter zärtlichem Singsang die Kraft der
Milch und die Süße der Zuneigung spendet.

Dieses irdische Himmelsbrot, dieses
kosende Murmeln, dieses geschlechtliche Fluidum, dieses sozusagen
hautnahe Denken ist der wahre Jungbrunnen, die Quelle, die das Leben
des kleinen Kindes kräftigt, viel sicherer als das Arsenal der
ausgeklügeltesten Medizin. Die Liebespaare wissen das, da sie
auf dem Höhepunkt ihrer Leidenschaft auch aus ihr schöpfen
und wieder wie kleine Kinder werden.

Nun aber kommt der Bruch.

Durch ein Unglück, das viele
andere erzeugt, ist ihre Zivilisation so eingerichtet, daß
Gefühl und Nahrung und gleichzeitig die ursprüngliche
Sprache, die deren Einheit stärkte, getrennt werden.

Eigentlich hätte das Gegenteil
überrascht. Es ist undenkbar, daß eine Gesellschaft, deren
Bestehen auf der warenerzeugenden Arbeit gründet, der Liebe, die
mit natürlicher Hingabe geschenkt wird, das gleiche Interesse
entgegenbringt wie der Notwendigkeit, sich Nahrung zu beschaffen,
wodurch der Preis für Korn und Menschen festgelegt wird.

Die Zuneigung wird ungekünstelt
gegeben – das kann doch nicht ernst gemeint sein. Besteht nicht der
Ernst des Erwachsenenalters gerade darin, die Kostenlosigkeit zu
beseitigen, um den Profit zu vermehren und alles ins Fahrwasser
dessen zu bringen, was bezahlt werden muß, angefangen mit dem
Bedürfnis nach Nahrung, Wohnung, Liebe, Freiheit der Bewegung
und des Ausdrucks?

So muß man auch zur Kenntnis
nehmen, wie in wenigen Jahren die Gefühlssprache von Mutter und
Kind der Sprache der Leistung, des Ertrags und der Ökonomie
weicht – einer Sprache, die, fest strukturiert nach der
aristotelischen Logik des „Mache dies, mache das nicht“, im
Gegensatz zur ersten perfekt zu den pädagogischen Anforderungen
des Computers paßt.

 

Zuneigung,
Nahrung, Schöpfung

Die Fähigkeit zur Schöpfung
ist das spezifisch menschliche Phänomen. Sie bildet sich mit dem
Körper, der vom fötalen Lebensraum im Überfluß
ernährt wird. Sie gibt dem Neugeborenen die Macht, sich zu
entwickeln, indem es seine Umwelt verwandelt und, genau genommen, den
ursprünglichen Überfluß durch die Schaffung einer
Erde des Überflusses bereichert, auf der das Kind lernen kann,
seine Autonomie als vollwertiger Mensch zu erlangen.

Die schöpferische Anlage hat an
einer natürlichen Entwicklung teil, die von der Zivilisation der
Arbeit denaturiert wurde. Leben und Schöpfung sind untrennbar.
Beide werden vom Ausbeutungssystem der Natur und der menschlichen
Natur, das der ökonomischen Ära ihre Grundlage gibt,
zurückgedrängt und aufgebraucht.

Das erzieherische Fallbeil hat den
Gefühlsgenuß von der Befriedigung der primären
Bedürfnisse getrennt. Das körperliche Miteinander von Frau
und Kind hat eine Beziehung, in der die herrschende Liebe die Kunst
lehrte, sich selbst und damit die eigene Unabhängigkeit zu
schaffen, nicht weiter vorangetrieben. Die Verbindung ist
unterbrochen worden, die Alchimie hat plötzlich ausgesetzt, die
dritte Verwandlung hat nicht stattgefunden. Als

Amme dient nicht mehr das Leben,
sondern der Tod. Das Schicksal spult sich wie ein Film ab, der
rückwärts läuft. So sieht der gewöhnliche
Alptraum aus, aus dem sie nur noch in seltenen Augenblicken des
Lebens erstaunt erwachen.

 

Wie kann das menschliche Wesen entstehen, wenn das Kind
im Erwachsenen und der Erwachsene im Kind zum Fötus gemacht
werden?


Die auf immer unvollendet gebliebene Kindheit

Es ist ein schrecklicher Fluch, mit der
Berufung zum Glück eine Welt zu betreten, in der das Glück
an den Ausgang verbannt ist. Das Wort selbst steht im Geruch der
Albernheit, es läßt uns aus Verbitterung den Kopf
schütteln, den wir meistens aus Bedauern hängenlassen.

Denn wenn sie auch zu allen Zeiten
ausposaunt haben, daß der Mensch nicht auf der Welt sei, um
sich der Wollust hinzugeben, so haben sie sich doch in ihrem Herzen
und in ihrer Vorstellung die Erinnerung an das Paradies des Fötus
bewahrt, an das Eden im Mutterleib, an die Insel des Glücks, auf
der das entstehende Leben durch das Geschenk der Liebe genährt
wurde.

Wie oft machen sie sich nicht stolzen
Schrittes auf, Reichtum und Macht zu erobern, um dann sogleich, beim
geringsten Gefühl von Schwäche und Verlassenheit,
zusammenzubrechen und sich im ersten simulierten Mutterschoß
zusammenzukrümmen, den der Zufall ihrer Verwirrung bietet.

Je ausdauernder und entschiedener sie
versuchen, das in den Griff zu bekommen, was sie von sich selbst
entfernt, desto leichter trippeln sie kindisch zu dem ursprünglichen
Zustand zurück, in dem sie gehätschelt und geschützt
waren. So hört ihr Leben nicht auf, höhnisch und langweilig
das Trauma der Kindheit und der Geschichte zu erneuern, das sie aus
den ursprünglichen Genüssen vertrieben hat, um sie zur
täglichen Schinderei zu schicken. Einige Jahre, vielleicht
einige Monate später sieht sich das Kind der Vorrechte beraubt,
die ihm die Liebe rückhaltlos gewährte. Daß ihm das
mühelose Leben, dessen es sich im Bauch der Mutter erfreute,
entzogen wird, darin liegt nicht das Übel, ganz im Gegenteil. Es
tritt in das irdische Leben ein, in ein menschliches

Abenteuer, das es einlädt, die
Passivität aufzugeben und einen natürlichen Überfluß
zu schaffen, von dem die fötale Welt nur ein Vorgeschmack und
eine ungefähre Andeutung war.

Das Unglück liegt darin, daß
das Kind, kaum dem Schutz des Uterus entkommen, der mit der Zeit
unpassend und hinderlich geworden war, sich an so ungünstigen
Bedingungen stößt, daß alles es auffordert, sich
zurückzubilden, die Hoffnung auf eine menschliche Verwandlung
aufzugeben und sich mit Sack und Pack in eine fötale Lage
zurückzuziehen.

Die Trennung von Gefühl und
Nahrung erzeugt bei dem leicht zu beeindruckenden Neugeborenen eine
Empfindung von Unsicherheit und Angst, und zwar in dem Augenblick, in
dem nichts förderlicher wäre, als mit der Wegzehrung einer
rückhaltlosen Liebe in eine fremde Welt zu treten.

Es wird jetzt von einer Bedrohung
gelähmt, während seine schwächlichen Bewegungen es
doch sehr nötig hätten, sicher zu werden: von der
Bedrohung, nicht mehr geliebt zu werden, wenn es nicht ißt,
wenn es schlecht schläft, wenn es schreit, wenn es unruhig,
entnervend, ungehorsam ist und einem Rhythmus folgt, der von der
rentabel eingerichteten Zeit der Erwachsenen abweicht. Welche
Verachtung liegt in der fortdauernden Ignoranz, das besondere
Universum des Kindes wie ein erobertes Gebiet zu umstellen! Welche
Verachtung sich selbst gegenüber!

Ist es nicht gerade die Liebe, die die
Kühnheit stärkt, dem Unbekannten die Stirn zu bieten, nicht
in der Anstrengung nachzulassen, sich in eine wilde Folge von
Unternehmungen zu stürzen: die Brust finden, das Fläschchen
ergreifen, sich eines Stuhls bemächtigen, sich aufrichten,
gehen, Wörter artikulieren, die glücklichen natürlichen
Anlagen im Umgang mit Lebewesen und Dingen schärfen?

Die Erziehung verwandelt sich in eine
eisige Mechanik, sobald sie nicht mehr auf der Voraussetzung beruht,
dem Kind eine uneingeschränkte Zuneigung zu gewähren, was
immer auch geschehen mag. Wie soll man aber die Vorherrschaft der
Liebe sichern, wo doch die Arbeit dem Kreislauf von Tag und Nacht ihr
präzises Räderwerk aufzwingt?

Zweifellos besteht in der Familie nicht
länger der Brauch, die Berufung zum Pianisten mit Schlägen
auf die Finger zu fördern. Aber wenn auch Ohrfeigen und Gebrüll
nicht mehr üblich sind, so ist es doch nicht so einfach, die
Erpressung durch das Gefühl zu vermeiden, das die geglücktesten
Gesten der Unabhängigkeit und der Autonomie lähmt.

Die Gewißheit, geliebt zu werden,
regt am sichersten dazu an, sich selbst in der entgegengebrachten
Liebe zu lieben. Sie ist die grundlegende Sicherheit, die dem Kind
erlaubt, mit eigenen Flügeln zu fliegen. Ohne sie schleppt sich
das Schicksal in den eingefahrenen Bahnen einer Abhängigkeit
dahin, die dem Tod die Züge eines allmächtigen Vaters
verleiht.

Man braucht die Zuneigung nur dem
Gesetz von Angebot und Nachfrage zu unterwerfen, und schon kommt die
Gewißheit ins Schwanken, entleeren sich Herz und Körper
und füllt sich die Leere mit einer krankhaften Verstrickung aus
wirklichen Ängsten und künstlichen Beschwichtigungen.

Von nun an werden die
Ungeschicklichkeiten des Kindes absichtlich. Die ursprünglich
mit den Verirrungen der Unerfahrenheit verbundenen Stürze,
Unfälle und Krankheiten werden zu Angstschreien mangelnder
Liebe; sie fordern Hilfe und Schutz der Mutter, der sie so mit einer
anderen Erpressung antworten. Die brutale Mahnung an die Pflicht
zu lieben und Hilfe zu leisten, erzeugt in ihr das Schuldgefühl,
versagt zu haben. Hier fängt der Todeskampf des Lebens an, wenn
der Fehltritt des Kindes seine zufallsbedingte Natur und den
Charakter eines fruchtlosen Versuchs verliert, um sich in einen
Reflex absichtlicher Schwäche zu verwandeln, in eine
Vortäuschung des Todes und, durch eine schrittweise
Übertreibung, in eine selbstmörderische Reaktion, in der
man sich negiert, um das Interesse der anderen zu wecken.

 

Die
ökonomisierte Zuneigung

Das Feilschen mit Gefühlen
träufelt eine stete Angst ins Herz des Kindes. Die Erinnerung an
das „Ich höre auf, dich zu lieben, wenn …“ läßt
das spontane Aufflackern des Genusses ersticken. Jedesmal, wenn es
sich selbständig auf ein Begehren einläßt, straft die
Wunde eines möglichen Liebesentzugs seine Anwandlungen von
Selbständigkeit und brennt ihm das Gesetz der Unterwerfung und
des Verzichts ein, das die Welt der Erwachsenen regiert.

Ich behaupte nicht, daß es
angemessen ist, das Kind der chaotischen Freiheit seiner Triebe zu
überlassen. Unter den vielen tastenden Erfahrungen, die es
macht, gibt es einige, die Gefahren darstellen, eine Berichtigung
verlangen oder Hilfe verdienen. Aber es ist sicher, daß die
affektive Kommunikation die Geduld und die Wirksamkeit besitzen, dem
Kind zu erklären, warum es gilt, bestimmte Handlungen zu
vermeiden. Brutale Befehle und Anfälle von Angst beleuchten
hingegen die Gefahr mit einer kränklichen Faszination und
bewirken eher ihre Wiederkehr als ihre Beseitigung.

Durch die Angst wird man in einen
Zustand der Scham und der Schwäche getaucht, der dann durch eine
hochmütige, künstliche Härte beschworen, aber nicht
besiegt wird. Der Muskelpanzer läßt den innerlich
empfundenen Schrecken nach außen prallen und errichtet dadurch
eine leere Festung, die überall die Schatten der Macht und des
Todes verbreitet.

Ist nicht der Rückzug in einen von
der Angst verriegelten Körper, aus dem sie in Abständen wie
Tollwütige hervorbrechen, um Furcht zu verbreiten, die Karikatur
des Mutterschoßes und der Geburt – aber eines sterilen,
ausgetrockneten, verhärteten, feindlichen Schoßes und
einer umgekehrt verlaufenden Geburt, die Zerfall, Zerstörung und
das Nichts hervorbringt?

In offensichtlicher Analogie dazu ist
er auch der Schutzwall, den sie um ihr Dorf, ihre Stadt, ihr
Besitztum, ihre Familie, ihren Staat errichten.

Eine Gesellschaft, die den Reichtum der
Gefühle dem Prinzip der Ökonomie unterwirft, läßt
das Kind im Erwachsenen vorzeitig alt werden und macht aus dem
Erwachsenen ein Kind, das niemals zu seiner menschlichen Bestimmung
kommen wird.

Gibt es eine einzige Macht, eine
einzige autoritäre Instanz, die nicht mit großsprecherischem
Ernst das erprobte Manöver der Erpressung durch Gefühle
reproduziert? Ist die Intelligenz der Richter, der Polizisten, der
höheren Ränge etwas anderes als die gekonnte Handhabung von
Belohnung und Strafe? Und ganz am Ende drückt sich das Wesen des
Unglücklichen, der vor ihnen steht, in straffälligen
Wahrheiten aus! Sie begnügen sich nicht damit, ihn einen
Angeklagten, Verdächtigen, Schuldigen oder Unfähigen zu
nennen, sie entziehen ihm auch ihren Segen, ihr Vertrauen, ihren
Schutz und ihre Achtung. Die Obhut der Familie, deren er unwürdig
geworden ist, wird ihm genommen, er wird auf eine Ebene totaler
Unfähigkeit hinabgedrückt und weiter in seine kindische
Ausweglosigkeit gestoßen.

Wer am meisten Angst hat, bellt zuerst:
Anmaßung und Achtbarkeit der Honoratioren stinken immer noch
nach den Schrecken ihrer Kindheit, in die sie ein für allemal
die tägliche Furcht gestürzt hat, verdächtigt,
gerichtet, verurteilt und herabgesetzt zu werden.

Ihre in Hochmut gekleidete Knechtschaft
trägt das Zeichen einer Gefühlskastration. Aus dem Garten
Eden vertrieben, um im Schweiße ihres Angesichts zu arbeiten,
schaffen sie sich eine höllische Gegenwart, um den Preis für
das verlorene Paradies zu zahlen. Sie schreiten voran in einer Welt
von Hinkenden und besitzen nur das traurige Talent, Krücken zu
erfinden – dabei sind es Stützen, durch die sie nur weiter
verstümmelt werden.

 

Die menschliche Zivilisation scheitert, sobald die
Warenzivilisation entsteht

 

DIE
GESCHICHTE ALS GEBROCHENE ENTWICKLUNG

Es ist viel Bitterkeit und Zynismus
nötig, um eine durch drei Pyramiden, zehn Kathedralen, „Die
Zauberflöte“, die Filmkunst, den Kühlschrank und die
Organverpflanzung verzierte Folge von Kriegen, Völkermorden und
Metzeleien als „Geschichte der Menschheit“ gelten zu
lassen. Das, was sie für den gesunden Menschenverstand halten,
besteht also darin, den Millionen geopferter Existenzen weniger Wert
beizumessen als der einen oder anderen Medaille, deren Kehrseite sie
sind.

Wie kann man aber weiterhin verkünden,
der Fortschritt brauche Menschenopfer, das Genie Schicksalsschläge,
das Erdöl Blut und der Monatslohn seine tägliche Unze
frischen Fleisches, während ihre moralischen und finanziellen
Werte stürzen, ihre patriarchalische Autorität in den Staub
getreten wird und ein Todeshauch die Wälder, die Ozeane, die
Getreidefelder und sogar die Luft verseucht, die sie einatmen?

Ihr Himmel ist leer, ihr Glaube
versiegt, ihr Stolz zerrinnt in Tränen, ihre Zivilisation liegt
in Scherben. Dennoch knien sie aus gewohnter Trägheit und ohne
Glauben weiter, verherrlichen das Unglück, peinigen das
Verlangen unter dem Druck der Arbeit und sparen sich selbst für
eine öde Zukunft auf.

Etwas hat, während sie zur
Eroberung der Erde ansetzten, sie und ihren Lebensraum erobert und
sie mitten in einer allumfassenden Verderbtheit verdorben
zurückgelassen.

Sie haben sowohl den Namen als auch den
Begriff Gottes, der Natur und der Fatalität entleert, die so
lange Symbole ihres Heils und ihrer Verdammnis gewesen sind. Wie ich
schon sagte: Um ein Geschick zu erklären, das den eigenen
Hoffnungen so stark widerspricht, bleibt ihnen nur noch übrig,
sich auf die ökonomische Notwendigkeit als ultima ratio zu
berufen. So schließt sich am Anfangs- und Endpunkt der Kreis
einer verderbten Zivilisation, deren Entstehung und Verfall
gleichzeitig von der Ökonomie besiegelt wurde.

So wie das Kind im Erwachsenen
scheitert, versandet das Versprechen einer menschlichen Entwicklung:
Es erstickt in einer Geschichte des Handels, in der die Menschen
einen Reichtum an Macht und Profit produzieren, der sie
entmenschlicht.

Es bestürzt sie, aus den anderen
wie aus sich selbst nur die letzten Heller des Prestiges und der
Rentabilität herauszuholen, so daß sie auf ihrer Kindheit
und ihrer Geschichte sitzen bleiben. Die Frage ist, ob sie sich
zusammen mit der Geschichte, die sie von sich selbst löst,
auslöschen werden, oder ob sie sich eine neue Kindheit erfinden,
um sich neu zu erschaffen.

 

Sie haben die Reichtümer ausgeplündert, welche
die Natur ihnen kostenlos bot, und dadurch die Erde zum Profit des
Himmels arm gemacht

Der
Ursprung der Warenzivilisation

Keiner hat sich bisher um den bewußten
Betrug gekümmert, der als einzig mögliche Form menschlicher
Zivilisation diejenige gelten läßt, die auf Ackerbau und
Handel beruht. Die Vielfalt ihrer Mythen macht jedoch kein Geheimnis
aus einer grundsätzlichen Dissonanz, deren schriller Klang die
Symphonie des Lobes stört. Reden sie nicht einstimmig von einer
frühen Zeit der Welt, deren Niedergang ihre eigene Zeit
veranschaulicht? Weisen sie nicht zu Beginn ihrer Ära auf einen
Fall, auf einen Verfall, auf das Mißgeschick eines Paares hin,
das aus dem Paradies des Genusses vertrieben und dazu verurteilt
wurde, unter Schmerzen ein zum Fluch der Arbeit verdammtes Geschlecht
zu gebären? Nachdem sie eine Zivilisation erfunden hatten, in
der es sich nicht gut leben ließ, stellten sie skrupellos als
wahr hin, es habe vor ihr keine andere Form menschlichen Lebens außer
in der unsicheren legendären Überlieferung gegeben.

Als die Entdeckung wilder Völker –
d.h. der Völker, die weder über Feuerwaffen noch über
Banken verfügten – sie mit ihrer eigenen Vergangenheit und der
Neugier, diese zu erforschen, konfrontiert hatte, stellten sie sich
die „Präadamiten“ als Grobiane vor, die sich unter
Gegrunze in ihren Höhlen gesuhlt und vollgefressen und sich von
den Tieren nur durch die Kunst unterschieden haben, diese mit Hilfe
des Wurfspießes zu töten.

Wann begannen sie zu ahnen, daß
die paläolithischen Zivilisationen sich nach Formen
gesellschaftlicher Organisation einrichteten, die sich radikal von
denen der Warengesellschaften unterschieden? Gegen Ende des
20. J
ahrhunderts, als sie die spezifische Eigenart des Kindes
und die Kostenlosigkeit der natürlichen oder „sanften“
Energien entdeckten.

 

Die
neolithische Revolution

Das, was „neolithische Revolution“
genannt worden ist, kennzeichnet den Übergang von den
nomadisierenden Sammlern und Jägern zu einer seßhaften
Bauerngesellschaft. Auf eine Form der Subsistenz, in Symbiose mit der
Natur, folgt ein System gesellschaftlicher Beziehungen, die durch die
Aneignung eines Gebietes, das Bebauen des Bodens und den Austausch
der Produkte oder Waren bestimmt werden.

Weitere Forschungen haben die
affenähnliche Abbildung korrigiert, die bei der Darstellung des
vorgeschichtlichen Menschen üblich war. Erlischt das
Rampenlicht, so erhellen sich die Kulissen. Die Zivilisation der
Ökonomie mußte bis zum letzten Wellenschlag des Bankrotts
und der Ohnmacht gelangen, damit endlich die Meinung revidiert wurde,
die umherschweifenden Gemeinschaften des Paläolithikums seien
die Rohfassung, wo in einer Art kindlicher Entwicklungsphase der
Menschheit das Zeitalter des Ackerbaus, des Handels und der Industrie
entworfen wurde – sozusagen die neolithische Modernität.

 

Die
Vorrangstellung der Frau

Ist es ein Zeichen äußerster
Anmaßung, Vermutungen über die Existenz von Zivilisationen
zwischen 35.000 und 15.000
Jahren vor unserer Zeitrechnung anzustellen, in denen Wesen auf der
Suche nach einer menschlichen Bestimmung versucht haben, sich vom
Tierreich zu emanzipieren sowie von Kräfteverhältnissen,
die im Kielwasser des Raubs Furcht verbreiteten?

Die Untersuchungen gewisser Stätten
geben zu der Vermutung Anlaß, daß Männer und Frauen
nicht innerhalb einer hierarchischen Beziehung zusammengelebt haben,
sondern in voneinander getrennten und sich ergänzenden Gruppen.
Der Mann widmet sich der Jagd oder dem Fischfang, während die
Frau die eßbaren Pflanzen sammelt. Nicht etwa ihrer
wesensgemäßen Schwäche wegen – wie das Patriarchat es
nahelegen wollte – bleibt es ihr erspart, das Wild zu töten,
sondern wegen einer analogischen Unvereinbarkeit: Ihr Menstrualblut
gehört einem Fruchtbarkeitszyklus an und hört auf zu
fließen, um das Leben vorzubereiten. Das Blut des Tieres oder
des verwundeten Jägers hingegen ist das Vorzeichen des Todes.

„Alles ist Weib, was man liebt.“
In jeder Epoche korrespondiert das im Vorrecht der Liebe erneuerte
Weibliche – nicht die vermännlichte oder zur Fortpflanzung
bestimmte Frau als Objekt – mit einer Gunst, die dem Menschlichen von
einer Zivilisation gewährt wird, die mit Gunstbeweisen kaum
freigebig umgeht.

Ist nicht die Quelle des allgemeinen
Verrufs, in dem die Frau steht, sowie des Wiederauflebens ihrer Macht
in dem ursprünglichen Zusammenstoß zweier Welten zu
finden? Die eine ist mit Zeichen weiblicher Allgegenwart übersät,
die andere verbreitet, von ihrer bäuerlichen Wurzel bis zu ihrem
industriellen und bürokratischen Auswuchs, die erigierende
Aggressivität ihrer Menhire, ihrer Bergfriede, ihrer Dome und
Stahlbetontürme.

 

Die
ursprüngliche Symbiose

Die Geschichte beginnt in der
Jungsteinzeit. Es ist die Geschichte der Ware und der Menschen, die
ihr Menschsein leugnen, indem sie die Waren produzieren. Es ist die
Geschichte der Trennung zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft,
zwischen dem Einzelnen und sich selbst.

Diesseits und jenseits der Geschichte
liegen Gegenden, in die nur Hypothesen vordringen; es ist aber
zumindest offensichtlich, daß dort weder die Ökonomie den
Vorrang hat und herrscht noch jene besondere Ausstrahlung, der sie
die Meinungen, die Sitten und die Verhaltensweisen unterwirft.

Die Sammlerkulturen haben sich nicht
durch die Ausbeutung der Natur entwickelt, sondern in einer Symbiose
mit ihr, die derjenigen des Kindes im Mutterleib ziemlich ähnlich
ist. Sie spalten sich nicht in antagonistische Klassen auf, ihre
Entwicklung bleibt wesentlich naturgemäß und läßt
nicht von einer Einheit ab, in der die Grundkomponenten des Lebens –
die mineralische, die pflanzliche, die tierische und die menschliche
– sich in einem beständigen Werden erhalten und verwandeln.

Wenn die Felsmalerei der Altsteinzeit
gern Zwitterwesen, halb Tier halb Mensch, darstellt, bringt sie damit
nicht ein Gefühl der Verschmelzung zum Ausdruck – eine „religio“
im ursprünglichen Sinn des Wortes: das die unterschiedlichen und
untrennbaren Elemente des Lebenden Verbindende, einem Sinn, dessen
absolute Umkehrung die Religion ist?

Im Grunde strebt die Menschheit danach,
sich von den verschiedenen Reichen, aus denen sie hervorgegangen ist,
zu emanzipieren – ohne Bruch, ohne Trennung, ohne Ablehnung. Ihre in
Stetigkeit und Sprüngen verlaufende Entwicklung fordert ein
Übersichselbsthinauswachsen zu einer neuen, selbständigen
Spezies, die sich ihrer Vielfältigkeit und ihrer einheitlichen
Übereinstimmung mit dem Lebenden bewußt ist.

Deuten nicht die gynäko-phallischen
Figürchen, die in einer egalitären Paarung das Kopf bei Fuß
liegende Weibliche und Männliche vereinigen, auf eine
symbiotische Bewußtseinsform hin, durch die eine Gesellschaft
zugleich Treue und Überlegenheit gegenüber ihrer
ursprünglichen Animalität behauptet?

Ist es eine aus der Luft gegriffene
Vermutung, in den vorökonomischen Kulturen die Realität
einer Kommunikation zu ahnen, die sich zwischen den Lebewesen, den
Dingen und den Naturerscheinungen weniger gemäß einem
intellektuellen Prozeß als vielmehr durch ein analogisches
Erfassen herstellt, durch eine globale Intelligenz, die immer noch an
ihren sensorischen und sinnlichen Wurzeln haftet?

In der Vergangenheit entdeckt man
niemals etwas anderes als Bedeutungen, die von der Gegenwart getragen
werden und im Herzen einer individuellen Geschichte reif geworden
sind. Es ist meines Erachtens kein Zufall, wenn am Ende einer
Zivilisation, die diese Bedeutungen herabgewürdigt und mit
Verboten überhäuft hat, neue Bündnisse zwischen dem
Mann, der Frau, dem Kind, dem Tier, den Pflanzen, den Zellen und den
Kristallen zutagetreten.

Die Möglichkeit, sich wirksam an
das Kind im Mutterleib sowie an das ein paar Tage alte Baby, an ein
wildes Tier oder an eine Pflanze zu wenden, ist eine experimentelle
Wirklichkeit, die auf die Fortdauer einer natürlichen
Kommunikation im residualen Instand aufmerksam macht. Während
die sogenannten Primitiven diese Kommunikation praktizierten, wurde
sie durch die rationalistische Verachtung, das gebieterische Wort,
die lukrative Verkürzung, den Militär- und Telegrammstil
der Geschäfte, die ökonomisierte Sprache verdunkelt.

 


Der Mensch der Natur und der Mensch der Ökonomie

Alles läßt vermuten, daß
ein Mensch, der naturgemäß lebt und keine anderen Grenzen
als die seines Umherschweifens kennt, sich keineswegs wie ein
Ackerbauer verhält, der in einen Produzenten materieller und
geistiger Reichtümer verwandelt wurde, dazu verdammt, diesseits
des Grenzsteins eines Feldes, eines Dorfes, einer Stadt, eines
Staates zu bleiben.

Der Sammler von Pflanzen und Wild, der
kostenlos über natürliche Vorräte verfügte –
nicht mit der Absicht eines einkalkulierten Profits, sondern um des
eigenen Genusses willen -, hatte ohne Zweifel, was seine Sitten,
seine Mentalität und sogar seine psychosomatische Textur betraf,
nur wenig gemeinsame Züge mit dem Bauern, der ein Stück
Land bestellte, das ihm gegenüber so feindselig war wie
diejenigen, die aus diesem Stück Land ihre Einkünfte und
ihre Eigentumstitel bezogen. Aber aus diesem produzierenden,
ausbeutenden und ausgebeuteten Bauern haben sie das Wesen des
Menschen abstrahiert, so weitgehend, daß sie – La Boëtie,
Hölderlin und Fourier ausgenommen – bei größter
Freiheit der Phantasie in ihren Utopien, dichterischen Werken,
Fiktionen und schimärischen Wissenschaften niemals eine
Gesellschaft entworfen haben, die nicht an Krieg, Geld oder Macht
gekettet war.

 

Die
natürliche Kostenlosigkeit

Die Sammler und Jäger sind die
Kinder der Erde. Sie durchstreifen sie und sammeln überall das,
was sie ihnen anbietet. Sie sind keine Eroberer, die sie ausplündern,
um dann in den Wüsten umzukommen, die ihre Habgier entstehen
läßt. Kein Herr, kein Priester, kein Krieger erhebt sich
unter ihnen, um sich die gesammelten Güter anzueignen.

Aus dem irdischen Manna ergibt sich
eine unmittelbare Befriedigung bei Nahrung, Kleidung, Wohnung und
Technik. Sie wird weder durch das Geld, den Tausch, noch durch die
Tyrannei eines Chefs erreicht, sondern ihre unveränderte
Gegenwart bestimmt analogisch einen Stil der
gemeinschaftlichen Beziehungen, eine Wesensart, eine zugleich
rationale und emotionale Sprache und eine Fülle eingeritzter und
in Stein gehauener Zeichen, die allein die Manie, all das den Göttern
zuzuschreiben, was den Menschen gehört, als religiös
bezeichnen konnte.

 

Die
Religion entsteht mit dem Stadtstaat

So wie das Kind für sie lange Zeit
nur der Entwurf des Erwachsenen gewesen ist, haben sie eine Periode
der menschlichen Entwicklung – ungefähr vierzig- bis
fünfzigtausend Jahre – „Paläolithikum“ oder
Altsteinzeit genannt und ihr keine andere Eigenschaft zugebilligt,
als die Menschheit zur modernen Epoche der Jungsteinzeit oder des
„Neolithikums“ zu führen. Dabei sprechen sie von einer
paläolithischen Religion so, als ob es einen der menschlichen
Natur innewohnenden Glauben an die himmlischen Gespenster gebe, der
fortschreiten müsse, bis er sich eines Tages zur christlichen,
mohammedanischen, buddhistischen oder jüdischen Vollkommenheit
emporgearbeitet habe.

Das hieße, frei lebende Nomaden
mit den Sklaven eines Stückchen Landes zu verwechseln, die in
der geistigen Tyrannei des Himmels einen Trost für die
materielle Tyrannei ihrer Mitmenschen suchten. Ist denn nicht das
Königs- und Priestergesindel aus dem durch die „neolithische
Revolution“ eingeführten Ackerbau und Handel entstanden?
Wird nicht von dieser Zeit an die ihrer fleischlichen Substanz
beraubte Erde zu einer Muttergottheit sublimiert, die Uranus, der
männlich-fruchtbare Herr des Himmels, durch die Arbeit der
Menschen vergewaltigt und besamt?

Es gibt, genau genommen, keine Religion
vor der neolithischen Revolution, wohl aber im ursprünglichen
Sinne des Wortes eine einheitliche Beziehung zwischen allen
Erscheinungen des Lebens, ein allgegenwärtiges analogisches
Verständnis, eine Identität von Mikro- und Makrokosmos,
dessen, was oben und unten, was innerlich und äußerlich
ist.

Die Trennung von sich selbst und von
den anderen hat das Denken und das Lebende noch nicht in eine
kränkliche Dualität zerrissen. Das Kind hat keinen anderen
Himmel als den mütterlichen Bauch, der natürliche Mensch
kennt keine andere Wirklichkeit als die Natur. Die Hörner der
großen Färse in Lascaux stellen die verschiedenen
Mondphasen dar. Sie weisen darauf hin, daß die Erde die
Bewegung des Himmels genauso liebevoll trägt, wie sie den
Rhythmus der Jahreszeiten in den Schlaf wiegt.

Warum sollte man den umherschweifenden
Stämmen des Paläolithikums das Bewußtsein über
eine lebendige und fruchtbare Erde absprechen, wo das Abenteuer eines
individuellen Schicksals, das jeden Tag erneuert wird, sich von der
Geburt bis zum Tod Bahn bricht? Entdecken nicht heute die Erben des
Neolithikums jenseits einer Geschichte, die weniger ihre eigene als
die ihrer Entfremdung war, das ständige Verlangen, hier,
jetzt und für immer
im Schoß einer endlich
wiederhergestellten Natur zu leben, in der das Menschliche und
das Irdische nicht getrennt sind?

 

Der Garten Eden
im Herzen

Habe ich die durch die Gasfackeln der
Industriegesellschaft zur Finsternis verurteilten Zeitalter mit
Farben versehen, die zu idyllisch sind, um wahr zu sein? Ich bin es
doch nicht, der sie mit Namen wie Garten Eden, Goldenes Zeitalter
oder Schlaraffenland gepriesen und wie Stätten geschildert hat,
wo Überfluß, Kostenlosigkeit und Harmonie zwischen Mensch
und Tier herrschten. Verantwortlich für eine derart
paradiesische Vorstellung sind die Menschen der Ökonomie,
diejenigen, die sich mit hochmütigem Tonfall ihrer Arbeit, ihrer
Religion, ihrer Familie, ihres Staates, ihres Geldes und ihres
technischen Fortschritts rühmen.

 

Die Warenzivilisation sorgt nicht dafür, daß
die Menschheit über die Animalität hinauswächst; sie
sorgt nur für deren Sozialisation, indem sie sie unterdrückt
und einen Preis für ihre Abreaktionen festsetzt.


Die Notwendigkeit, über die Animalität hinauszuwachsen

Es spricht alles dafür, daß
sich unter den umherschweifenden Stämmen des Paläolithikums
die Verhaltensweisen der in Herden und Horden lebenden Tiere in
verschiedenem Maße erhalten haben. Aurignac, La Madeleine und
Pech-Merle sind keine irdischen Paradiese gewesen, sondern Felder
einer bald rückschreitenden, bald fortschreitenden Evolution auf
dem Wege einer menschlichen Entwicklung. Manche Gruppen gehorchen
noch der atavistischen Brutalität des Beutefängers, andere
entdecken aufgrund der Verfeinerung der elementaren Bedürfnisse
neue Formen des Zusammenschlusses.

Die Trägheit wirkt zugunsten der
Animalität. Wir wollen es zugeben: Das Bestreiten des
Lebensunterhalts durch Sammeln, Jagd und Fischfang gehört eher
zur Anpassungsfähigkeit des Tieres als zur Fähigkeit, die
Umwelt zu verändern. Das Nomadentum setzt seiner Freiheit selber
Grenzen: Die saisonbedingten Bewegungen der Herden regeln das Ballett
des Umherschweifens und zwingen die Jäger, ihren Routen zu
folgen, um sich mit Wild zu versorgen. Die Keimungszeiten, die
Vielfalt der Böden, auf denen eßbare Pflanzen wachsen, und
das Reifen der Früchte bestimmen ihrerseits den Wechsel der
Lagerplätze.

Man füge die Launen des Klimas
hinzu, die Unbilden der Witterung, Blitz, plötzliches
Hochwasser, Krankheit, Unfall und Tod: So viele Unglücksfälle,
die in einer grausamen Bestimmung liegen, die mehr darauf gefaßt
zu sein scheint, das natürliche Mißgeschick zu erdulden,
als entschlossen, es durch Können und Wissen zu meistern, seine
Wirkungen zu mildern oder sogar aus den Nachteilen Vorteile zu
machen.

Aber was! Haben sich die Agenten der
Ökonomie, die Fanatiker des Hortens, die Programmierer des
zukünftigen Wohlstands vor der Hungersnot, der Strenge des
Winters, den Überschwemmungen, den Seuchen, den
Naturkatastrophen und dem sich fortzeugenden Elend der Jahrhunderte
zu schützen gewußt? Es steht ihnen wahrlich gut an, das
bejammernswerte Schicksal des sogenannten Höhlenmenschen zu
beklagen! Sagt also Dank, liebe Leute, dem Blitzableiter, dem
Kühlschrank und der Klimaanlage in den Hotelzimmern, und vergeßt
nicht, dieses vielstimmige Lob mit den Kriegen, den Völkermorden,
den Revolutionen und den Repressionen in Verbindung zu bringen, durch
die es sich hindurchzuzwängen galt, um sich gegen das Gewitter
und die glühende Hitze zu schützen!

Wenn man als Geburtsdatum der
Warenzivilisation die Entstehung des befestigten Dorfes Jericho um
etwa 7000 vor dem Golgatha-Exhibitionisten ansetzt, besteht sie seit
etwa 9000 Jahren, wobei sie im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte
ein wahnsinniges Durchdrehen des ökonomischen Prozesses erlebt
hat. Die vorausgehende Periode umfaßt eine fünfmal längere
Zeitdauer, und es wäre verwunderlich, wenn die menschliche
Gemeinschaft, bei der Unkenntnis, mit welcher der zivilisatorische
Geist sie so lange verhüllt hat, nicht mehrere Entwicklungswege
und mehrere Erfahrungsströme entworfen hätte.

Vielleicht hat sich hier und dort ein
Hinauswachsen über das Anpassungsverhalten angebahnt: die
Schaffung natürlicher Bedingungen, dazu geeignet, jenen
Selbstgenuß zu fördern, ohne den es keinen echten
menschlichen Fortschritt gibt. Neben den Horden der Sammler und
Jäger, von animalischen Sorgen um das Überleben beherrscht,
mögen wohl Keimzellen von Gesellschaften zutagegetreten sein, in
denen die Solidarität nicht aus der Verschwörung von
Privatinteressen entstanden ist, sondern aus der Harmonie von
Leidenschaften, die eine leidenschaftliche Liebe zum Leben umgaukeln.

Alles scheint darauf hinzuweisen, daß
das Herz immer noch die Hochebenen erinnert, in die die besten
menschlichen Gefühle zogen, bevor die Warenzivilisation sie auf
ihren Karten wie viele andere terrae incognitae vermerkte. Hat nicht
an einer solchen Remanenz die geheime Hochstimmung teil, die den
merkantilen Gesetzen des Tausches und des Opfers zum Trotz der Liebe,
der Freundschaft, der Gastfreundschaft, der Großzügigkeit,
der Zuneigung, der spontanen Neigung zum Geschenk und der
unerschöpflichen Kostenlosigkeit eine souveräne Macht
verleiht?

 

Die
ursprüngliche Kreativität

Sicherlich setzt die Kunst, sich den
von der Natur aufgezwungenen Bedingungen anzupassen, eine Art
Resignation oder zumindest eine gewisse Passivität voraus. Doch
dies ist nur Schein. Wie kann man leugnen, daß sich in die
Kunst des Fischfangs, der Jagd, des Sammelns sowie der gemalten und
gravierten Botschaften ein Wille, den natürlichen Überfluß
durch die Schaffenskraft herauszufordern, einschleicht? Analog
betrachtet erwirbt das Kind im Laufe teils glücklicher, teils
unglücklicher Empfindungen auf die gleiche Weise eine Summe von
Kenntnissen aus der Umgebung, in die es sich wagt, und übt sich,
Vorteile aus ihnen zu ziehen.

Der Gedanke, der Vorrat an Getreide,
Fisch und Wild könne einem fertig in den Mund fliegen, ist eine
sarkastische und beschauliche Vorstellung der Sättigung, eine
Karikatur, die die Vergewaltigung und die brutale Ausbeutung der
Natur durch die Arbeit rechtfertigen soll. Das, was wirklich auf dem
Spiel steht, hängt mit der Fähigkeit zusammen, Überfluß
herzustellen, die natürlichen Mittel zu vervielfachen, deren
Gebrauch zu vervollkommnen und die daraus gewonnene Lust zu steigern.

In der reinsten Tradition der
politischen Ökonomie hat die in den letzten Jahren des
Jahrhunderts entstandene ökologische Strömung den Irrtum
begangen, die Erschließung der sanften Energien – Wasser, Erde,
Sonne, Wind, Gezeiten, Spiegeleffekte des Mondes, Humus – von den
Forderungen einer individuellen Alchimie zu trennen, in der das
Schicksal durch die geduldige Verwandlung des menschlichen Rohstoffes
wirkt, indem es aus

den groben tierischen Trieben den
Kristall des veredelten Begehrens herausschleift. Eine so ärgerliche
Inkohärenz verurteilt diese Strömung dazu, eine Ideologie
unter vielen zu sein, zu demselben Verlust an Glaubwürdigkeit
bestimmt wie die anderen auch. Es gab jedoch Zeichen, die darauf
hindeuteten, daß das Entgegenstellen der sanften Energien gegen
die Todesenergien, die über die Erde das Leichentuch der
chemischen und nuklearen Verschmutzung ausbreiten, nur in einem
umfassenderen Projekt einen Sinn bekam, das die menschliche und die
irdische Natur versöhnen will, um eine Welt mit dem alleinigen
Zweck zu schaffen, sie zu genießen. Das gleichzeitige
Auftauchen des ökologischen Protestes und der
Emanzipationsbewegung von Frau und Kind, die das Ende einer
tausendjährigen Herrschaft kennzeichnete, hätte mehr
Aufmerksamkeit verdient.

 

Frau und
Zivilisation

Die Frau steht im Mittelpunkt der zu
schaffenden Welt. Eine Zivilisation wird nicht nach dem Glanz ihrer
Kunst, ihres Reichtums, ihrer Moral und ihrer Technik beurteilt,
sondern nach der Achtung, die sie der Frau entgegenbringt. Überall
da, wo die Sorge um den Menschen die Oberhand über die Strenge
der Gesetze gewonnen hat, nimmt die Frau einen vorrangigen Platz ein.
Wird sie verachtet, gedemütigt, versklavt, so weist der Grad
ihrer Erniedrigung auf den schäbigen Zustand hin, in dem eine
Gesellschaft, die sie als Objekt behandelt, sich gefällt.

Wundert sich jemand darüber, die
Frau in der Kultur des jüngeren Paläolithikums überall
gegenwärtig zu finden? Sie wählt die eßbaren Pflanzen
aus, fördert ihre Aussaat, bereitet sie zu, um aus ihnen
Nahrung, Getränk, Kleidung, Baumaterial und Schreibwerkzeug zu
machen. Wie für das Kind, das sie in sich trägt, bietet
ihre schöpferische Natur die von ihr sortierten und verbesserten
Güter an, welche die irdische Natur in einer chaotischen
Mischung aus Wohltuendem und Schädlichem spendet.

Die meisten graphischen Abbildungen
geben der Frau zugleich die Züge der Amme und des Weibes mit dem
erregenden Schamdreieck. Sie ist die große alchimistische
Retorte, in der die materia prima der Begierden sich für
das Versprechen aufeinanderfolgender Verwandlungen öffnet. In
ihr vollzieht sich das Große Werk, das von der Arbeit des
Mannes so lange in Acht und Bann geschlagen wird.

Ihre menschliche und befruchtende Natur
hält sie von der Jagd als einer tierischen Tätigkeit fern,
bei welcher der Spieß – und später die Flinte – nur die
Verlängerung und die Vervollkommnung von Krallen und Kiefer
eines Raubtieres ist. Im diametralen Gegensatz zum an den Todeszyklus
geketteten Grobian leitet sie den Zyklus des sich selbst erzeugenden
Lebens ein. Genau diese Wirklichkeit wird dann von der
patriarchalischen Kultur durch eine Lüge umgekehrt, die das
Christentum zu ihrer Vollkommenheit bringt: Die ideale Frau ist eine
Jungfrau, die von einem Gott mißbraucht und geschwängert
wird, um einen Menschen zu gebären, der die Menschen die Tugend
lehrt, sich selbst zu töten.

Die Frau verkörpert die natürliche
Kostenlosigkeit des Lebenden. Sie ist die Fülle, die sich
anbietet. So wie sie ihre Lust im Spiel der Zärtlichkeiten
zugleich gibt und verlangt, gibt sie sich der Liebe hin, die sie zu
vollkommeneren Genüssen führt.

In der Frau und in der von ihr
wiederbelebten leidenschaftlichen Beziehung behauptet sich jener neue
Stil, der allmählich die Tradition der Vergewaltigung, der
Eroberung der Erde und ihrer selbst ersetzt. Nach ihrem Bild
entwickelt sich eine universelle Gebär- und Nährmutter, um
mit den Mitteln einer endlich menschlich gestalteten Natur eine
Menschheit zu versorgen, die nur auf das Vergnügen wartet,
endlos geboren und wiedergeboren zu werden.

 

Sie verachten die Tiere, fürchten sich vor ihnen
und tyrannisieren sie, weil in ihnen ein Tier lauert, zu dessen
Bändigung sie einen „Geist“ erfunden haben, der dazu
berufen ist, Körper und Welt zu regieren.

DAS
ENTSETZEN VOR DEM VERDRÄNGTEN TIER

Ihre Überlegenheit gegenüber
den Tieren schreiben sie weder der Kunst zu, die natürliche
Freiheit weiter voranzutreiben, noch einer Wissenschaft der Harmonie,
die sie von der bei allen Tieren vorherrschenden Zwangsvorstellung
befreien würde, gefressen zu werden oder zu verhungern. Nein
das, wodurch sie sich von ihren „niederen Brüdern“
unterscheiden, ist eine geheimnisvolle Substanz, ein „Geist“.

Eines solchen Vorrechts beraubt,
erleben Bär, Hund und Waschbär die Ungnade, ihrer
kümmerlichen Kost auf gut Glück in den Savannen und Wäldern
oder auf den Straßen nachspüren zu müssen. Die
Menschen dagegen, denen der Geist von den Göttern geschenkt
wurde, genießen nicht das Glück, sondern das Gold als
Symbol einer Vorrangstellung, die es erlaubt, alles zu erwerben. Auf
diese von einer subtilen und flüchtigen Macht gewährte Ehre
gründet sich ihr Recht, diejenigen wie rohes Vieh zu behandeln,
die auf einer niederen Stufe der Geisteshierarchie stehen. Sie
bezeichnen die Herden von seelenlosen Bauern, Proletariern und
Kolonisierten, die unter der Zuchtrute eines Hirten, Königs,
Priesters, Generals oder Bürokraten stehen, mit Ausdrücken
wie Rindviecher, tollwütige Schafe, Schweinehunde oder Affen.
Die Unproduktiven, die ständig von den Teufeln der Wollust und
der Belustigung verführten Frauen und Kinder, geraten übrigens
in denselben Verruf.

Jede Wertbestimmung gemäß
dem Geist, die den Mann über die Frau und den tierischen unter
den wesensmäßigen Menschen setzt, geht wie eine
Aktiengesellschaft vor, bei der die Dividende in Ressentiments und
Schikanen ausgezahlt wird. Dieses Prinzip, wie monarchistisch es
ursprünglich auch gewesen sein mag, paßt ebenso zur
Demokratie: Keiner ist so ungehobelt, so ungehemmt, so mittel- und
machtlos, daß er sich nicht auf seine Eigenschaft als Mensch
beruft, um seine Frau zu verprügeln, seine Katze zu schlagen,
den Neger und das Kind übel zuzurichten. Wer sich als Engel
ausgeben will, braucht ein Tier.

Welch bewunderungswürdige
Gerechtigkeit spiegelt diese Kaskade der Verachtung, die von einem
Individuum auf das andere hinabstürzt – vom obersten Chef bis
zur Kloake der Animalität, in welche die Schuldgefühle,
Ängste und Schwächen derer, die sich als Herren der
Schöpfung aufspielen, unter dem Zeichen des Sündenbocks
entleert werden!

 

Die
Herrschaft des Geistes

Sie haben einen feinen Unterschied
zwischen Klugheit und Geist eingeführt. Was nützt es einem
Elefanten, klug zu sein; es fehlt ihm so schrecklich an Geist, daß
es kein ehrenhafteres Ende für ihn gibt, als unter den Kugeln
eines vom göttlichen Funken beseelten Wesens, sei es ein
Elfenbeinhändler oder ein Staatsoberhaupt, zu fallen. Solcherart
war übrigens auch das Los des Negers und des Indianers, ehe eine
Bescheinigung, sie seien mit Geist ausgestattet, sie von dem zur Jagd
freigegebenen Wild ausgeschlossen hat.

Der Geist hat die Götter überlebt,
von denen es hieß, sie hätten ihn einst den Menschen als
Gegenleistung für einen beträchtlichen Apparat an Ritualen,
Opfern und Katzbuckeleien verliehen. Er hat bloß seinen
sakralen Charakter eingebüßt, indem er vom Geldbeutel des
Priesters in die Hände von Ideologen, Politikern und
Psychoanalytikern überging, die ihn stark geschwächt haben.
Der Grad seines Verfalls macht es heute möglich, besser zu
mutmaßen, was er eigentlich war, bevor eine mythische Blähung
ihn über die Erde hinaus bis zum Reich der Götter trieb;
von dort aus begann er im Kopf der Menschen zu stinken.

Der zum Regenschauer gewordene Sumpf
kehrt zum Sumpf zurück. Der Geist ist aus der Funktion geboren,
in der er von nun an stirbt: aus der durch Arbeitsteilung erzeugten
intellektuellen Funktion.

Es gibt nichts Irdischeres als jene
vorgebliche Ausstrahlung des Himmels, nichts, das sich leichter als
die im Jenseits untergebrachte Transzendenz in der Geschichte
lokalisieren läßt. Sie ergibt sich ganz banal aus der
gesellschaftlichen Trennung von Herren und Sklaven und aus jener
körperlichen Trennung, die eine geistige Instanz gegen die
natürlichen Instinkte errichtet mit dem Auftrag, sie zu
unterdrücken, um sie zur Arbeit zu bringen. Nur durch Betrug
konnten die geistigen Werte der niedrigen Gewinnsucht entgegengesetzt
werden. Es gibt keinen anderen Geist als den jener Ökonomie, die
das Lebende ökonomisch gestaltet. Es gibt keinen anderen Geist
als denjenigen, der die Produktion einer Welt der toten Dinge lenkt.

Der Sklave ist sowohl im
gesellschaftlichen wie auch im individuellen Körper gegenwärtig.
Die tierische Natur arbeiten zu lassen – darin besteht die Arbeit des
Herrn.

 

Das durch
Arbeit gebändigte Tier

Der Schweiß war der
vorherrschende Duft ihrer Zivilisation. SeItsamerweise aber wurde ihr
Geruchssinn durch die herben Ausdünstungen der Handarbeiter
belästigt. Der Schweiß der sich mit Staatsgeschäften
abrackernden Könige, der von Niederlagen verfolgten Generäle,
der über dem Schachbrett des politischen KaIküls
schnaufenden Volksvertreter, der sich an jener Stufenleiter der Macht
festklammernden Bürokraten, die sie über Nacht an den
Galgen brachte, dieser Schweiß schien ihnen Rosen- und
Veilchenduft zu sein. Stanken diese Aristokraten, diese Honoratioren
und Privilegierten, die vom Arbeiter wie vom letzten Dreck im
tiefsten Loch sprachen, nicht genau wie der Fuhrmann nach Anstrengung
und Mühe der geschundenen Stunden? Was waren sie anderes als
bedürftige Kopfarbeiter, rührige Träger von Krone und
Mitra, von Käppi und Hut?

Nun ist es aber so – die Handarbeit
riecht nach Lasttier, weil sie mit dem Körper, dem Klumpen aus
Muskeln, Blut und Nerven, verschraubt ist. Einen Etat aufstellen,
eine königliche Schatulle füllen, Kapital gewinnbringend
anlegen oder einen Mehrwert herauspressen – all das wird nicht als
Arbeit gebrandmarkt: Es hat am reinen Tauschwert teil, bei dem das
Geld regiert und nicht stinkt.

Arbeit – das Wort hat den üblen
Beigeschmack von Tötung und langsamem Todeskampf. Es ist der
Schmutzfleck aus Schlamm und Eiter, der die verborgene Seite des
Goldes besudelt: die dezimierten Sklaven, die ausgezehrten
Leibeigenen, die durch Müdigkeit, Angst und die Last des
anbrechenden Tages niedergesäbelten Proletarier, das zum Lohn
zerstückelte Leben. Das echteste Denkmal zu ihrem Ruhm sind also
jene mit der Parole „Arbeit macht frei“ versehenen
Wachttürme. Die Botschaft drückt die Quintessenz der
Warenzivilisation aus: Die Arbeit macht frei vom Leben.

Übrigens hat es ihnen genügt,
die KZ-Industrie von Buchenwald und Kolyma als unnütze Barbarei
anzuprangern, um auf demselben Weg weiterzumachen, ohne allerdings
den verbrauchten Arbeitern das Äußerste, die Gaskammern,
zuzumuten. Sind sie nicht darauf gekommen, den Proletarier zu ehren,
die körperlichen Anstrengungen zu desodorieren, die Fabriken und
die Schönheit des Dockarbeiters zu besingen und den Arbeiter
sogar in der Art von Alphonse Allais zu intellektualisieren, der im
Briefträger einen mit den Füßen wirkenden „homme
de lettres“ gesehen hat?

Die Arbeit ist etwas Gutes geworden,
seitdem sie wahrgenommen haben, daß fast alle fast überall
und fast immer arbeiten.

Nie hat es so viele Proletarier gegeben
wie seit dem Verschwinden des Proletariats. Wird die Macht der
Phantasie sich mit der Macht der Zahl verbünden müssen,
damit das Augenfällige zum Gemeinplatz wird: Nur wer zu leben
anfängt, befreit sich von der Arbeit und vom Tod, den sie
produziert?

 

Ihre angebliche Humanität ist nichts anderes als
eine sozialisierte Animalität.

Eine
halbmenschliche Zivilisation

Sie verbieten es sich, von den
elementaren Freiheiten des Tieres Gebrauch zu machen, verhalten sich
aber grausamer als Raubtiere. Als Beweis dafür seien nur die
Schandtaten angeführt, die zu jeder Zeit unter dem Deckel des
Heldentums, der Heiligkeit, des guten Gewissens und des Humanismus
geschmort haben.

Der die Bestialität
transzendierende Geist ist schlimmer als die Bestialität selbst.
Um zu töten, braucht der Tiger weder den Auftrag Gottes noch die
Staatsräson, die Reinheit der Rasse oder das Heil des Volkes;
ihm ist die Heuchelei einer Gesellschaft fremd, die seine Grausamkeit
geißelt, seine räuberischen Schliche und seine Tyrannei
jedoch nachmacht und sich genau wie er Weibchen und Revier aneignet.

Nachdem sie überall verkündet
haben, der Mensch sei schwach durch das Fleisch, aber groß
durch den Geist, haben sie einen Unmenschen Übermensch genannt,
der auf eine stumpfsinnige Art aggressiver ist als alles, was die
Natur je hervorgebracht hat, und sich einen ökonomischen
Dschungel divergierender Interessen zum gesellschaftlichen Vorbild
genommen hat, wo der Stärkere den Schwächeren erdrückt.

Es ist noch keine dreißig Jahre
her, daß das Bündnis zwischen Krämerlist und
Militärgewalt als vollendetes Vorbild des Ehrenmannes galt.
Verkrampft auftreten, die Brust herausstrecken, entschlossen im
Gleichschritt marschieren und denken, seine Waffe verstecken, um
besser zuzuschlagen – das hieß für sie „Charakter
haben“. Alexander, Cäsar, Brutus, Augustinus, Voltaire,
Bonaparte und Lenin füllten das erzieherische Pantheon, wo das
Kind in dem Versprechen kniete, eines Tages den großen
Kaulquappen zu gleichen, die der Geist des Haudegens und des
Schacherers verklärt hat.

So haben Generationen gelernt, was es
hieß, ein Mensch zu werden: daran arbeiten sich
zugrundezurichten, die eigene Kreativität leugnen, den Genuß
verdrängen und sich durch bittere, zwanghafte Handlungen
entladen.

Sie haben jegliche Wirklichkeit auf den
Kopf gestellt und aus dem Körper eine Erdscholle gemacht, die im
Laufe eines vergänglichen Lebens ein echtes Fragment der
himmlischen Ewigkeit gefangen hielt. Nun ist die Falle nicht der
Körner, sondern der Geist: Das vom Leben getrennte Denken
schnappt zu und hackt dem Leben die Begierden ab. Der Körper,
seinen Genüssen entrissen und zur Schmach der Arbeit geschleppt,
spricht sein Martyrium heilig. Der denkende Kopf leugnet seine
fleischliche Natur, ohne die er nichts ist, und umgibt sich mit dem
Glanz einer mythischen Krone, in dem sich die ganze Lüge der
verkehrten Welt widerspiegelt.

Der Geist hat den Körper mit einem
„ontologischen“ Leid besudelt, von dem er die Stirn hat zu
behaupten, es würde durch seine ätherischen Ausdünstungen
gelindert. Nachdem das Leben diesseits der vergeistigten Existenz
verdrängt worden ist, läßt es sich nur jenseits des
Todes entdecken.

 

Die Tiere passen sich den natürlichen Verhältnissen
an und die Menschen einem System, das das Lebende entstellt. Deshalb
machen die einen keine Fortschritte, während die anderen
gleichzeitig voran- und zurückschreiten.

Die
Menschen des Überlebens …

Daraus, daß das Tier überlebt,
indem es sich den Umweltbedingungen anpaßt, haben sie
gefolgert, daß es sich anpaßt, um zu überleben. Das
hieße, dem Tier das Denken eines Eroberers und Marktinitiators
zu unterstellen.

Das Tier kennt nur die Sorge darum,
sich zu ernähren, sich zu schützen und seinen Geschlechts-
und Spieltrieb zu befriedigen. Die Schule der Natur führt es in
die Praxis des Verführens, Belauerns, Schutz Suchens und des
Umherschweifens ein. Es erwirbt dabei eine Art hautnahes Wissen über
den Rhythmus der Jahreszeiten, die Tier- und Pflanzenwelt, die Umwelt
und sein Revier; es erhält dadurch bessere Chancen im Kampf, den
es tagaus, tagein und jeden Augenblick für seine Existenz führen
muß.

Die einzige Spezies, die sich anpaßt,
um zu überleben, ist die menschliche. Ihr ganzes Genie hat nur
dazu beigetragen, das Tier zu verunstalten, indem es dem Menschlichen
Gestalt gab, und von einem zufallsbedingten zu einem programmierten
Überleben überzugehen, das oft schlimmer ist als ersteres.

 

… sind
die Menschen der Ökonomie

Die Ausbeutung der Natur durch Ackerbau
und Handel hat zunächst offensichtliche Vorteile gebracht. Sie
hat die Bedrohung beseitigt, die Klimaveränderungen und
Bevölkerungszuwachs für die bisher durch Sammeln und Jagen
garantierten Vorräte darstellten.

Kornspeicher, technische Entwicklungen
und Güterumlauf hätten den guten Ruf ihrer Zivilisation
glaubwürdig erscheinen lassen, hätte der Preis, der dafür
entrichtet werden mußte, nicht das verhängnisvolle Ausmaß
von Krieg, Hungersnöten, Verwüstungen der Ernten und
Knechtung vieler zugunsten einiger erreicht. Um das Unglück voll
zu machen, lief man Gefahr, die natürlichen Vorräte zu
erschöpfen, die man in einen abstrakten Reichtum ohne wirklichen
Gebrauch verwandelt hatte.

Ist es unberechtigt zu meinen, die
Menschheit habe die falsche Entwicklung eingeschlagen und auf ihr
eigentliches Genie verrichtet, sie habe sich in die Abhängigkeit
von einem Überlebenssystem begeben, sie habe aus einem
ökonomischen Denken heraus ihre Animalität verdrängt
und gegen die menschliche Qualität schlechthin verstoßen,
die darin besteht, die Welt nach dem Bild des unersättlichen
Begehrens zu schaffen?

So lautet die jüngste Meinung,
welche die einen tief betrübt und die anderen erfreut. Für
die ersten ist das Spiel aus und verloren; es geht nur noch darum,
zwischen Ekel und Hoffnungslosigkeit hin und her zu gehen, ohne das
Gesicht zu verlieren. Für diejenigen aber, die fühlen, daß
sich ein neues Leben in ihnen regt, ist die letzte Seite des
Archaismus umgeschlagen und die nächste soll mit der Feder jedes
einzelnen Schicksals geschrieben werden. Unter dem äußeren
Schein einer großen Unbekümmertheit schwelt eine
vorbehaltlose Gewalt und während das Gespenst des Krieges und
der herkömmlichen Revolution sich entfernt, lehnt sich die nicht
kontrollierbare Üppigkeit des Lebenden in heimlichem Trotz gegen
die Vorsätze des Todes auf.

 

Sie dachten, sie hätten die Welt zu ihrem Profit
verändert, und nun hat der Profit beide verändert, sie und
die Welt.

Die
Verstümmelung der Geschichte

Sie haben das Reich der Ökonomie
bis an die äußersten Grenzen der Erde getrieben und damit
aus dem Menschen die schönste Errungenschaft der
Unmenschlichkeit gemacht. In dem Moment, da die Warenzivilisation die
Kulturen der Sammler, Hirten und der Symbiose mit der Natur ablöst,
unterbricht sie den Schöpfungsprozeß des Menschen durch
den Menschen. Der Warenzivilisation verdanken wir eine zyklische Jagd
von neun- bis zehntausend Jahren, in der die Aneignung materieller
und geistiger Güter einer Leidenschaft zu leben
hinterherhechelt, diese Leidenschaft verschleißt und zu
erreichen sich verbietet. Ihr zügelloses Rennen geht an dem
einzig wirklich schätzenswerten Fortschritt vorbei: der
gleichzeitigen Ausweitung der Genüsse und der sie verfeinernden
Verhältnisse.

Sie haben die Ware geschaffen, und die
Ware hat sie abgeschafft – das ist ihre ganze Geschichte. Die von
ihnen produzierte Ökonomie hat sie nach ihrem eigenen Bild
reproduziert. Sie haben mittels Repräsentationen gelebt, und die
Repräsentationen haben sich verändert: Sie sind vom
Göttlichen ins Irdische, von den Religionen in die Ideologien,
vom Gepränge in den Ruin übergegangen und haben dann die
Menschen der Ökonomie als Opfer ihrer zerbrochenen
Widerspiegelungen im Stich gelassen. Das ist ihr ganzer Fortschritt.

Sie sind stolz darauf, im 20.
Jahrhundert die letzten Götter abgeworfen zu haben, um den Kult
des Humanismus ins Leben zu rufen. Damit hat die Ware bloß ihre
Verpackung geändert, sie hat ein menschlicheres Aussehen
angenommen. Von nun an garantiert die liebevolle Sorge für Mann,
Frau und Kind ihre Verkaufsförderung viel besser als das
Bajonett des Soldaten oder das Kruzifix des Priesters. Wo die
Schlacht gewonnen ist, muß man nur noch überzeugen.

 

Der Fortschritt

Die Warenzivilisation hat den Menschen
zum homo oeconomicus gemacht und sich leider die Verwandlung zum
Menschlichen erspart. Ihr Triumph ist offenbar, da sie überall
ist, aber ihr Zusammenbruch ist nicht weniger deutlich, da das
Lebende ihr fremd ist und der von ihr gespendete Wohlstand durch
einen ständig zunehmenden Lebensmangel bezahlt werden muß.

Die immer weiter expandierende Ware hat
wie eine Enthüllung gewirkt; sie hat den ursprünglichen
Zwiespalt, in den die Entwicklung getrieben wurde, immer genauer
aufgezeigt; sie hat ihn sogar vor der Nase der Kurzsichtigsten wie
eine Fahne geschwenkt.

Das Drama der Trennung spielt sich
nicht mehr zwischen Himmel und Erde ab, sondern zwischen dem
Lebenswillen jedes Einzelnen und jenem Tod, der ihn beherrscht. In
der Morgendämmerung der Geschichte wie in der alltäglichen
Morgenröte des Lebens hat sich das Menschliche verleugnet; es
verleugnet sich weiterhin als körperliche Wirklichkeit, um sich
als abstrakte Form aufzuspielen, um durch den Geist zu herrschen.

Es kam der schöpferischen
Intelligenz der Menschheit zu, die materia prima der
Animalität zu verwandeln, aber sie hat sich vom Körper
entfernt und göttliche Ungeheuer sowie irdische Zwitterwesen
erzeugt, halb Tier, halb Mensch.

Von den Göttern der Ökonomie
wurden sie dann unter dem Deckmantel des Seelenheils verdammt – so
der besonders exemplarische Gott der christlichen Mythologie, der den
eigenen Sohn kreuzigt, um ihm das höchste Gut zuzusichern. Das,
was jeder in sich tötet und was als grausame Nachahmung eines
Engels wiederaufersteht, ist bloß sein tierisches Fundament,
die Üppigkeit der Grundbedürfnisse, in denen allein der
Wille, über sie hinauszuwachsen, Wurzeln schlagen kann.

Auf halbem Weg zu ihrer Bestimmung sind
die Menschen in die Falle ihrer sozialisierten Animalität
gegangen und steckengeblieben. Ihre Freiheit hat sich die Grenzen
eines Vertrages auferlegt, der den Pegel der verdrängten
Bestialität und ihrer ausgleichenden Abreaktionen regelt.
Verstrickt in der Unbefriedigtheit des unterdrückten Körpers
und den Mißmut eines Geistes, der den Körper nicht völlig
zügeln kann, vegetieren sie freudlos dahin und sinnen darüber
nach, wie sie sich von diesem Dasein durch den Tod befreien könnten,
statt daß sie aus dem Tier die Quelle des sich entwickelnden
Menschlichen machen.

 

Der Ackerbau hält ihre Zivilisation in einem Kreis
der Unbeweglichkeit fest, dessen Radius durch den expandierenden
Handel ständig vergrößert wird.

DER AGRARKREIS

Das Landgut hat sie mit einem Wall
umgeben, der sie zugleich schützt und einschließt. Die
Furche, die das Gebiet umzieht, das sie bebauen und besetzt halten,
schirmt sie ab und umgibt sie mit einer ständigen Gefahr. Sie
mögen die Grenzen noch so sehr erweitern, den nutzbaren Boden
immer tiefer aufgraben, das Dach ihres Hauses bis zur Unendlichkeit
des Himmelsdomes erhöhen – sie sind durch den Aneignungsakt
eines Gottes, eines Herrn, des Geistes, der von ihrem Kopf Besitz
ergreift, für immer in einen schäbigen Raum gezwängt.
Von nun an werden sie sich im Kreise drehen – je nach der Länge
der Kette, die ihnen von dem bewilligt wird, was die Ökonomie
ihrer Funktion und ihre ökonomische Funktion zugleich ist: die
Weiterentwicklung der Bodennutzung und der Güteraustausch.

Wie könnte man irgend etwas Neues
unter der Sonne sehen, wo doch alles im Bauch desselben Zubers
verschmutzt und gewaschen, vermengt und entmischt wird, auch wenn
dieser das Ausmaß eines Dorfes, einer Stadt, eines Staates,
eines Reiches, eines Erdteils, des Planeten oder sogar der Galaxien
hat, die, soweit die Langeweile reicht, durch die gleichbleibende
Sorge kolonisiert werden, Geld zu verdienen, eine Macht zu festigen
und Märkte und Gebiete zu erobern?

 

Das
Grauen vor dem Draußen und dem Drinnen

Jenseits der Grenzen, die das Eigentum
festlegen, beginnt das Land, das keinem gehört, das Land der
unorganisierten Natur, ein wildes und in den Augen der ersten
Ackerbauern feindliches Chaos. Wie gut versteht man, daß die an
den bearbeiteten Boden gefesselte bäuerliche Gemeinschaft sich
in ihrem Schneckenhaus verkriecht und sich im angstvollen Warten auf
Eindringlinge hinter ihren Gräben und Mauern zusammenkauert. Ist
ihre Gegenwart nicht eine Beleidigung und eine Herausforderung
gegenüber der natürlichen Freiheit der Umherschweifenden?

Es gibt keinen einzigen Stein in der
von der Agrargesellschaft errichteten Befestigungsmauer, der nicht
die Nomaden zum Eindringen reizt, die Flutwelle von außen
anzieht und der, durch die Zivilisation des Geistes zementiert, nicht
das Grauen vor der tierischen Barbarei und ihre Verlockung, die vom
Tier herrührende Apokalypse, zu sich herabruft.

War übrigens dieses befestigte
Lager, das den hin und her ziehenden Sammlern und Jägern seine
ungewöhnliche Absperrung entgegensetzte, für die Nomaden
etwas anderes als ein Vorrat, eine Nachernte, die eingeholt werden
konnte? So wurde das Sammeln zum Plündern und die Migranten
wurden zu Enteignern, d.h. zu potentiellen Eigentümern.

Die Horden gerieten über die ihrer
Bewegungsfreiheit entgegenstehenden Hindernisse in Wut; diejenigen,
die der Vernichtung entgingen, eroberten die Dörfer und
schlossen sich ihrerseits dort ein. Das war das Ende der dem
Neolithikum vorausgehenden Kulturen, in denen die Ökonomie noch
nicht uneingeschränkt herrschte.

Die Seßhaftigkeit ließ die
Verhaltensweisen in der Routine der Furche erstarren. Sie hält
die Veränderung für eine Drohung und das Unveränderliche
für eine Sicherheit. Die beruhigende Wiederholung der
jahreszeitlich bedingten Gesten schließt den zum Kreis
gewordenen Lauf der Zeit und bringt ein zyklisches Denken, die
Redundanz des Mythos, hervor.

Was für eine Frustration aber
bedeuten die erzwungene Unbeweglichkeit, das auf das Recht hinein-
und hinauszugehen herabgelassene Fallgitter! Zumal ein zweiter Ring
im Innern entsteht: die unsichtbare Anwesenheit der Gesetze, die die
Herren bewaffnen und die Sklaven machtlos machen, während der
wie eine Festung gepanzerte Körner in der verwelkten und
künstlichen Hülle eines Fötus erstarrt, die ihn
schützt und einschließt. Wie sollte sich nach alledem
jemand über die Aggressivität und die Grausamkeit wundern,
die nach dem einmütigen Zeugnis der Historiker die Entstehung
der neolithischen Dörfer und Stadtstaaten kennzeichnet?

 

Die Natur ist das
Böse

Durch die Nutzung von Boden und
Untergrund ist ein Bollwerk zwischen Natur und Mensch entstanden,
d.h. gegen ihn selbst als ein natürliches, aus einer natürlichen
Umwelt hervorgegangenes Wesen. Die Tradition der Antiphysis hat
keine andere Herkunft.

In der patriarchalischen Gesellschaft
wird der Natur dasselbe Los wie der Frau und der beherrschten Klasse
zuteil. Nur aus der Entfernung ist sie bewundernswert. Schüttelt
sie in der Wut ihrer entfesselten Elemente das Joch ab, das sie
unterdrückt? Dann ist sie eine feindselige, mörderische,
gräßliche Kraft, eine Gefahr für die Zivilisation.
Läßt sie sich vom Pflug aufreißen und vergewaltigen,
von der Rentabilität schwängern und entrechten und vom
Denken unterjochen? Dann verdient sie die Herablassung des Herrn.

Draußen nicht unterworfen und im
Inneren versklavt, muß sie jeden Augenblick von den schützenden
Mauern herab im Auge behalten werden. Der Geist fürchtet sich
vor dem Begehren des Fleisches, der Ausbeuter vor der Revolte der
Ausgebeuteten und der Eigentümer vor der Enteignung.

Da sie auf eine Freiheit verzichtet
haben, die zwar zufallsbedingt war, aber die Gestaltung eines
menschlichen Schicksals und einer vermenschlichten Natur im Keim
enthielt, finden sie nur in der Furcht vor den Göttern
Sicherheit, in einem künstlich verlängerten embryonalen
Schutz und in jenem widernatürlichen Gehege, wo die Ökonomie
sie kastriert und erstickt. Für sie ist der Friede nur ein
Krieg, dem der Atem ausgegangen ist.

Nur Selbsttäuschung läßt
sie glauben, ihre erfinderische Technik mache sie größer.
Mit der Eile des Menschlichen gemessen sind sie nur kleine,
schwächliche Menschen, unfähig, etwas zuwege zu bringen,
das nicht die Unmenschlichkeit und die Denaturierung weiter
vorantreibt – würdige Nacheiferer jener Götter, die sie
selbst gezeugt haben, indem sie Lebensunfähigkeit mit
Herrschaftswahn paarten.

 


Privat oder kollektiv – die Ökonomie entmenschlicht
gleichermaßen

Es gibt keine Absperrung, die nicht zum
Durchbruch einlädt, kein Eigentum, das nicht die Gier der
Ausgeschlossenen aufstachelt, kein Verbot, das nicht zur Übertretung
verleitet. Ihr altes Sprichwort sagt es deutlich: „Grundbesitz
heißt Krieg“.

Sobald das Eigentumsrecht auch nur das
geringste Stück Boden in seine technokratisch-lukrativen Zangen
nimmt, wird die natürliche Kostenlosigkeit zerstückelt und
versteigert. Das Wasser zur Bewässerung, der fruchtbar zu
machende Boden, der Siedlungsraum, das Umherschweifen und sogar die
Luft, alles läßt sich verzinsen, alles muß bezahlt
und wieder zurückgezahlt werden, wobei Haß, Frustration
und Aggressivität den Wuchersitten das Geleit geben.

Und was würde sich ändern,
wäre das Eigentum an Feldern, Fabriken und Produktionsmitteln
eher kollektiv als privat? Würde die natürliche
Kostenlosigkeit, in die Hände aller anstatt einiger gelegt,
nicht durch dieselben Privilegien der Ökonomie verleugnet und
ausgeplündert werden? Wirkt sich etwa unter den Auspizien des
Kollektivismus die Verschmutzung durch Rentabilität weniger als
unter der Herrschaft des Monopolkapitalismus aus?

 

Die
Unbeweglichkeit der Agrarwirtschaft

Die Fundamente ihrer Zivilisation ruhen
auf zwei Pfeilern: Ackerbau und Handel. Dies sind die beiden Pfeiler
eines Tempels, die ständig, wie tief sie auch in der Erde
stecken mögen, die Illusion genährt haben, sie seien aus
einem himmlischen Bauwerk hervorgegangen, dessen Geheimnis erst
später gelüftet wird.

Indem die Furche der Agrarstruktur sich
über Mensch und Gesellschaft wieder schließt, schließt
sie gleichzeitig den Samen einer ständigen Furcht in beiden ein.
Es ist die Furcht, die ausgetretenen Wege zu verlassen, von der
Routine abzukommen, sich über Vorurteile und Bräuche
hinwegzusetzen, sich für die falsche Seite zu entscheiden, sein
Vermögen, seine Stellung, seine Gewohnheiten einzubüßen.

Ein Ruhelager der kränklichen
Unermüdlichkeit tut sich auf, von den Alpträumen der
Unbeweglichkeit geplagt: von den Mythen, den religiösen Dogmen,
den reaktionären Ideologien, der Ablehnung jeglicher Veränderung
und Weiterentwicklung, dem Haß und Schrecken gegenüber dem
Fremden, dem Nationalismus, dem Rassismus, dem bürokratischen
Despotismus, der Grausamkeit des Verbrechens und der Strafe, vom
Fanatismus, von der Besessenheit nach Zerstörung und
Selbstzerstörung.

Dort geht die Bestialität in die
Falle einer gettoisierten Gesellschaft, einer Gesellschaft, die sich
in ihrem fötalen und muskulösen Schutzpanzer so abkapselt,
als ob sie umstellt wäre. Diese starre Gesellschaft, die den
Kult der patriarchalischen Männlichkeit erzeugt, besteht fort
bis in die Modernität solch industrialisierter Länder wie
der stalinistischen UdSSR, dem maoistischen China, dem
nationalsozialistischen Deutschland und den Vereinigten Staaten, in
denen die Stoßkraft von 1789 die Umklammerung des Bewußtseins
und die Fessel der unveränderlichen Verhaltensweisen nicht
aufbrechen konnte.

 

Die
Beweglichkeit der Ware

In demselben Maße, wie die
Ausbeutung des Bodens in der Beständigkeit ewiger Wiederkehr
Wurzeln schlägt, so erzeugt der Handel – das heißt der
geeichte Austausch durch Arbeit produzierter Güter – die
Beweglichkeit: Er leitet die Veränderung ein und führt zur
Öffnung. Er überwindet die vertrauten Mauern und die
bekannten Grenzen, wagt sich in wilde Gebiete vor, erforscht die
unverletzte Natur und siedelt Handelsniederlassungen und Märkte,
diese Brückenköpfe der Zivilisation, in immer weiterer
Entfernung an. Er ist der Arm, den eine kleinmütige
Herrschaftsform, eingezwängt in einer engen, rein
landwirtschaftlichen Ökonomie, nicht nach anderen Territorien
auszustrecken wagen würde. Er ist der erobernde Flügel, der
die ganze Schwere einer eingemauerten Kultur nach anderen Horizonten
verlagert. So sprengt er den Kreis der bäuerlichen
Unveränderlichkeit, ohne ihn abzuschaffen.

Der Handel reißt den Menschen aus
seinem Gehäuse und treibt ihn weiter nach vorne mit der Dynamik
des Nutzens; er stellt ihm ein geräumigeres Haus zur Verfügung
– das zu erobernde Weltall. Seine unersättliche Gier regt ihn
dazu an, immer tiefer in den Untergrund hineinzugraben, um dem Stein,
der Kohle, dem Erz, dem Öl, dem Uran die Quintessenz des Profits
zu entreißen. Er höhlt auch das Innere des Menschen aus,
damit die tiefsten Sphären des Geistes und des Fleisches von
keiner Maschine unberührt bleiben. In seinem Kielwasser
entstehen Wagemut, Erfindungsgeist, Fortschritt und Humanismus.

Selbst für die kühnsten
Fahrten schließt sich der Kreis der Heimreise. Die in See
stechenden Schiffe kehren zum Hafen zurück und das Gesetz des
Gewinns herrscht bei der Ankunft wie bei der Abfahrt. Ob Abenteurer,
Pionier, Forscher, Phantast, Prophet oder Revolutionär, keiner
nimmt einen Weg, wie ungewöhnlich er auch sein mag, der nicht zu
einem Ladentisch führt.

 

DER KREIS DES
HANDELS

Die Warenexpansion hat die menschliche
Hoffnung immer mit aller Kraft und Mühe getragen, um sie genau
dann hinzuwerfen, wenn ihr eigener Nutzen nachließ. Sie kann
noch so sehr die Bresche einer Freiheit in die theokratische, feudale
oder bürokratische Unbeweglichkeit schlagen, man sollte doch
wissen, daß sie schon vor dem möglichen Gebrauch dieser
Freiheit zum eigentlichen Thema der Rentabilität zurückgekehrt
ist.

Und was entdecken diese Leidenschaften,
die durch starre Gesetze, erstickende Traditionen, moralische Strenge
und neurotische Hemmungen unterdrückt und wütend gemacht
wurden, wenn sie über die Mauer springen? Die Pflicht, die neuen
Rechte der Überschreitung zu bezahlen! So läßt die
Ausschweifung dem Puritanismus Gerechtigkeit widerfahren, der
Liberalismus der Tyrannei, die Linke der Rechten, die Revolution dem
Despotismus, der Friede dem Krieg und die Gesundheit der Krankheit.

Man berufe sich hier nicht auf den
Effekt eines angeblichen Naturgesetzes: Nur Effekten kommen hier ins
Spiel. Die Übermacht des Tausches hat seine Marktstruktur den
Verhaltens- und Denkweisen, den Sitten, der ganzen Gesellschaft
aufgezwungen. Es ist heute so augenfällig, daß es keinen
Bereich gibt – Ideologie, Politik, Kunst, Moral, Kultur,
Unterdrückung oder Revolte -, in dem der Bankrott der Ökonomie
nicht einen Kurssturz, einen Rückgang der Werte, eine Ermüdung
von Angebot und Nachfrage, eine Undifferenziertheit zwischen Vorder-
und Rückseite, Modernem und Altem, Mode und Vergessen nach sich
zieht.

 

Das
Ende der apokalyptischen Zeiten

Von Anfang an und bis in die
industrielle Expansion hinein hat das Agrargehege aus dem belagerten
Leben und der belagerten Stadt Wutausbrüche und Ängste
ausgeschwitzt. Tag und Nacht wacht die Apokalypse an den Toren der
Stadt. In jedem Augenblick und aus jeder Richtung können die
Flammen der Zerstörung emporschießen und man glaubt
geradezu eine Art Erleichterung zu spüren, wenn endlich die
Horden der Plünderer, der Erbfeinde, der Aufständischen
losbrechen und wenn der Tod der epidemische, nukleare oder chemische
– auftaucht und sein Versprechen erfüllt.

Es trifft zu, daß sie, die sie in
der Angst vor dem Schwert leben, auch durch das Schwert töten
und durch das Ritual des Opfers Sühne wie Rache besiegeln.
Niemals fällt ihnen etwas anderes als die eigene Spucke aufs
Maul zurück. Das sie verzehrende Feuer ist das Feuer, das sie
selbst entzünden oder welches zumindest durch das mechanische
Heißlaufen des auf die Arbeit beschränkten Lebens in ihnen
und um sie herum entfacht wird.

An den Wendepunkten der Geschichte,
dort, wo die Warenexpansion ihren Anlauf nimmt und die Lethargie der
Agrargesellschaft bricht, blinken die Lichter der Apokalypse in
verstärkter Helligkeit. Die aufeinanderfolgenden
Wirtschaftskrisen und die von ihnen ausgelösten Umwälzungen
haben niemals versäumt, das Lied von der Endzeit anzustimmen;
diese Zeit ist jedoch schon so oft zu Ende gegangen, daß man
heute nichts mehr von ihr erwarten kann, weder Glück noch
Unglück.

Die Apokalypse hat sich in dem
Jahrhundert abgespult, in dem sich unter dem Anschein einer
ökonomischen Krise eigentlich eine Krise der Ökonomie, ein
Zivilisationswechsel abzeichnete. Jetzt regt nicht mehr die Angst vor
der Katastrophe zu Reformen an und führt zu Revolutionen, deren
Scheitern sie programmieren würde. Allmählich lebt ein
Selbstvertrauen wieder auf; als ob all das, was zur Üppigkeit
und Unschuld des Lebenden erwacht, die ungewisse, individuelle und
alltägliche Suche nach uneingeschränktem Genuß auf
seine Seite bringen würde. Die sich vollziehende Verwandlung
wird den überholten Zyklus einer Geschichte hinter sich lassen,
in dessen Verlauf Revolutionen und Repressionen immer nur der Systole
und Diastole der Ware gehorcht haben.

 

Die
Vorgeschichte des Handels

Ackerbau und Handel haben die
Entstehung der Geschichte geleitet. Ihre Vorgeschichte setzt sich
jedoch aus Verhältnissen zusammen, die ihre Entwicklung möglich
– wenn auch nicht notwendig – machten, und aus Lebensweisen, die
durch die Entwicklung so weit in den Bereich des Unmöglichen
zurückgedrängt wurden, daß man sich, will man
Vermutungen über sie anstellen, an die durch die Machtübernahme
der Ökonomie aufgezwungene Umkehrung der Verhaltensweisen
erinnern muß.

Die von den Jägern der mittleren
Steinzeit markierten und abgegrenzten Gebiete weisen schon auf das
Agrargehege hin und lassen immer noch die vorherrschende Animalität
erkennen, sowohl im Erlegen der Beute wie auch in der Sorge, das
eigene Revier abzustecken.

Hingegen besteht ein Wille zur
Humanität in der Kunst, Zusammenstöße zwischen zwei
Gruppen zu vermeiden, die ein und dieselbe wildreiche Gegend
begehren. Bekanntlich bringen die Tischgenossenschaft, die Exogamie
und der Austausch einiger Blutstropfen das unmögliche
Unterfangen zustande, aus zwei menschlichen Wesen und zwei
unterschiedlichen Gemeinschaften derart ein und dasselbe Fleisch zu
machen, daß das dem einen zugefügte Böse auch den
anderen trifft und das von jedem freigebig geübte Gute für
alle zum üppigen Genuß wird.

Die gemeinsam eingenommene Mahlzeit,
die Paarung und die Vermischung des Blutes bewirken in einer Alchimie
des Fleisches, an die sich die Liebenden aller Zeiten erinnern, die
Vereinigung des individuellen und des kollektiven Körpers.
Chylus, Sperma und Lebenssubstanz destillieren die Quintessenz des
Vergnügens, zusammen zu sein, ohne aufzuhören, eigenständig
zu sein.

Wird jemand bestreiten, daß sich
in dem Brauch, Nahrung, Liebe und Blut zu schenken und zu empfangen,
in diesem Reigen des Lebens, eine Entwicklung abzeichnete, in der
nichts die Hervorbringung einer harmonischen, menschlichen
Gesellschaft ausschloß, die ihre schöpferische
Organisation auf die gleiche Art weiterentwickelt hätte, wie das
mineralische, pflanzliche und tierische Reich seine eigene
anpassungsfähige Organisation entwickelt hat? Hat nicht das
kollektive Gedächtnis gerade daraus seine Sehnsucht nach einer
Gesellschaft hervorgeholt, die sich nach dem rhythmischen Atemzug des
Lebens richtet? Eine Gesellschaft, die keinen Zwang nötig hat,
um Blutvergießen zu vermeiden, eine Gesellschaft, in der die
Liebe erlischt und wiedererwacht, ohne Haß und Verachtung zu
säen, eine Gesellschaft, in der das Recht zu essen, zu wohnen,
umherzuschweifen, sich auszudrücken, zu spielen, sich zu treffen
und sich zu liebkosen, nicht unter der Drohung einer ständigen
Erpressung steht?

Der Selbstgenuß und der durch die
anderen gewährte Genuß, die „alchimistische Hochzeit“
mit der Natur, die Jagd nach der Lust im Labyrinth der
auseinanderstrebenden Begierden – das war das in der Morgendämmerung
der Geschichte undeutlich bereitgestellte Projekt. Die Geschichte hat
es den Träumereien preisgegeben, weil sie wahrscheinlich ein
Problem tiefgreifender klimatischer und demographischer Veränderungen
nur innerhalb einer Agrarwirtschaft zu lösen vermochte, die das
Überleben einiger zum Nachteil der meisten sicherte.

Alles, was von diesem Projekt
überdauert hat, besteht aus verschwommenen Versprechungen der
Brüderlichkeit, der Gleichheit, der Großzügigkeit und
der Liebe, die Religion und Philosophie wie Kinderrasseln in ihrem
blutigen Gepäck aufbewahren. Noch immer strahlt jedoch seine
Wärme im Herzen der Kinder und der Liebenden; sogar die Sprache
erinnert sich an ein ursprüngliches Glück, wenn sie hinter
dem eisigsten Wort „Handel“ [frz.: „commerce“:
„avoir commerce avec quelqu’un“ = mit jemandem
(Geschlechts-)Verkehr haben; „étre d’un commerce
agréable“ mit jemandem freundschaftlich verkehren] eine
erotische oder freundschaftliche Beziehung heraufbeschwört.

Was bedeutet das ungewöhnliche
Fortbestehen der Liebe und der Freundschaft in einem Begriff der zur
wenig freundlichen Logik des Prinzips „Geschäft ist
Geschäft“ gehört? Daß die Erinnerung an das
Lebende noch in der Form herumgeistert, die sie ihrer Substanz
entleert hat.

Mit der „neolithischen Revolution“
der Ökonomie weicht das sich rasch vermehrende Leben vor der
sich rasch vermehrenden Ware zurück. Die Symbiose der Lebewesen
und der Dinge, die Durchdringung der verschiedenen Arten werden durch
einen Handel im modernen Sinne des Wortes ersetzt: den
gewinnbringenden Austausch der durch die Arbeit produzierten Güter.

Der Zweikampf, Körper gegen
Körper, bei dem die tierische Gewalt allmählich durch die
Zärtlichkeit ersetzt wurde, verleiht den Sitten nicht mehr jene
Sanftheit und Langsamkeit, in der die Konflikte gelöst wurden.
Von nun an gibt es keine Geste mehr, keinen Gedanken, keine Haltung,
kein Projekt, die nicht in eine buchhalterisch erfaßte
Beziehung treten, in der alles durch Tausch, Geld, Opfer,
Unterwerfung, Belohnung, Strafe, Rache, Kompensation, Abgaben,
Gewissensbisse, Angst, Krankheit, Leid, Abreaktion und Tod bezahlt
werden muß.

Die Leere einer bodenlosen Angst
verzehrt diesen Körper, der von Natur aus so beschaffen ist,
sich jedesmal mit Leben zu füllen, wenn der Genuß ihn mit
Freude erfüllt. Seine Energie erschöpft sich als
Arbeitskraft, seine Substanz sperrt sich in das Gefängnis einer
abstrakten Form, sein Blick wendet sich von ihm ab wie von etwas
Niedrigem und verirrt sich in die unendliche Dummheit himmlischer
Vorschriften.

Die einzelne Person identifiziert sich
mit dem anonymen Preis dessen, was sie produziert und was in ihrem
Namen produziert wird. Abgesehen von einigen Leidenschaften, durch
die sie immer noch mit dem in Not geratenen Leben verklammert ist,
ist sie nur noch eine Ware: Sie besitzt einen Gebrauchswert, der aus
ihr ein knechtisches Werkzeug für die verschiedensten Arbeiten
macht, und einen Tauschwert, durch den sie wie ein Paar Stiefel ge-
und verkauft werden kann. So hat der Handel für die Person die
Stelle der Individualität eingenommen bis in unsere Tage hinein,
in denen die Arbeitslosigkeit sie zum alten Eisen wirft, die
Währungskrise sie abwertet und sie selbst wie durch einen
Zauberschlag auf den Gedanken kommt, ihr Wert sei einzigartig,
unvergleichlich und ohne Preis.

 

Die Arbeit hat den Körper mechanisiert, so wie sie
einer Welt, die sie verändert hat, die Wirklichkeit ihrer
Mechanismen aufgezwungen hat.

DIE ARBEIT

Mit der neolithischen Revolution hat
die Welt eine andere Basis bekommen. Sie entwickelte sich in einer
Symbiose von Natur und Mensch, hat aber das Unterste zuoberst
gekehrt, indem sie zur Grundlage ihres Fortschritts und ihrer
Zivilisation eine spezialisierte Tätigkeit machte, die die
ursprüngliche Einheit zerstört, die Natur durch die
Denaturierung ihrer Mittel erschöpft und ein Zwangssystem
verallgemeinert, das aus dem Menschen einen Sklaven macht. Was für
ein schönes Ergebnis: auf eine Praxis, die dem Tier unzugänglich
ist, stolz zu sein und sich dann den Zugang zur Schöpfung zu
verbieten, die das menschliche Genie schafft!

 

Die
Mechanisierung durch die Ökonomie

Indem die Arbeit an die Stelle des
schöpferischen Potentials tritt, dringt sie mit erschreckend
zersplitternder Kraft in die Entwicklung ein. Unter der Schockwelle
der sich wiederholenden Gesten, der lukrativen Verhaltensweisen, der
sklavischen und tyrannischen Sitten löst sich der Reichtum des
Seins in einen billigen Schund von Ideen und Gegenständen auf,
die durch die Mechanismen des Habens zermalmt und sortiert werden.

Der Zwang, materielle und geistige
Güter zu produzieren und zu konsumieren, verdrängt die
Wirklichkeit der Begierden, verneint sie im Namen einer durch die
Ökonomie geschmiedeten Wirklichkeit. Das, was damit zerbrochen
und zu einem Räderwerk reduziert wird, ist nichts weniger als
ein lebendes Ganzes, in der das mineralische, pflanzliche und
tierische Reich im Tiegel der Natur zusammenschmolzen, um eine neue
Spezies zu zeugen, die ihrerseits zeugungsfähig ist.

Mit zunehmender Genauigkeit zeigt die
Geschichte, daß die Arbeit die Mechanisierung des Individuums
und der Gesellschaft in dem Maße vervollkommnet, wie die Ware
ihre Herrschaft über die Erde und den Körper ausbreitet.

Es steckt etwas Handwerkliches im
ursprünglichen Hämmern des Genusses und in der Orgie, dem
Aufruhr und dem Blutbad, in die er sich gewalttätig ergießt,
sobald die regulierende Arbeit des Königs, des Priesters, des
Beamten, des Plebejers, des Sklaven erlahmt. Es steckt eine
industrielle Universalität in der revolutionären Wut, die
den sich abreagierenden unterdrückten Leidenschaften das
Bewußtsein einer unmittelbar bevorstehenden gesellschaftlichen
Veränderung verleiht. Aber welch eine universale Ernüchterung,
wenn sich herausstellt, daß die Revolutionen nur den Übergang
von einer ökonomischen Stufe zu einer anderen zum Ausdruck
gebracht haben und daß die neuen Freiheiten mitnichten die
Freiheit zu genießen einbeziehen.

Allein die Arbeit, die die Welt
verändert, ist die Triebkraft eines Fortschrittes gewesen, der
überall die Niederlage des Menschlichen und das Bild des eigenen
Sieges verbreitet hat. Seitdem der Zwang zu produzieren sich durch
die Verführung zu konsumieren verlängert hat, ist die
Arbeit aus einem Objekt des Abscheus zu einem Anlaß der
Befriedigung geworden. Ihre Allgegenwart läßt keine Insel
der Natur mehr übrig auf der Erdoberfläche – sogar
Amazonien stirbt – und es gibt keine Leidenschaft in den Tiefen der
menschlichen Seele, die in der Langeweile des Arbeitstaktes nicht zu
Eis erstarrt. Die Ware hat die Lebensenergie der Erde sowie des
Individuums bis zu ihren letzten Grenzen so restlos ausgebeutet, daß
ein großer Schwächezustand den Wald Brocéliande und
das wunderbare Verlangen, dort zu lieben, nur noch in den Tod führen.

Wer darauf beharrt, an einer solchen
Welt teilzuhaben, versinkt in die wunderlichen Angewohnheiten und
Wiederholungen des eigenen Totengeläuts. Wie seine ganze
Existenz ist all sein Reden eine einzige Grabrede. Was beim
menschlichen Schicksal auf dem Spiel steht, befindet sich von nun an
zwischen hingenommenem Tod und zu schaffendem Leben.

 

Die Arbeit trennt den Menschen vom Selbstgenuß –
das ist die Trennung, aus der alle anderen hervorgehen.

Die
Kastration der Begierden

Der Mensch der Begierden ist von dem
Arbeiter, zu dem er geworden ist, aus dem eigenen Körper
vertrieben worden. Die Ökonomie konnte nur dadurch die Macht
ergreifen, daß sie das Leben ökonomisierte, die Energie
der Libido in Arbeitskraft verwandelte und den Genuß und die
natürliche Kostenlosigkeit, in der das Begehren in Erfüllung
geht und ständig wieder erwacht, in Acht und Bann tat.

Die körperlichen Triebe – die
elementaren Bedürfnisse, sich zu ernähren, zu bewegen und
auszudrücken, zu spielen und zu sexueller Lust zu kommen – sind
in einen auf Profit und Macht gerichteten Eroberungskrieg
hineingezwungen worden. Dieser Krieg, obwohl er sie gar nichts
angeht, trifft sie genau in ihrem Willen, ihm zu entkommen.

Dem von seinem Verlangen nach
Vollendung abgeschnittenen Individuum stehen nur noch die vielfachen
Modalitäten seines Todes gegenüber. Die Arbeit ist für
ihn ein bequemer Selbstmord von rein gesellschaftlicher Heuchelei:
Sie beginnt damit, dein Leben das Wesentliche zu nehmen, den Rest
besorgt die Routine. Glaubt ihr, daß so viele Generationen mit
ihrem Willen zur Knechtschaft so viele jahrhundertelange Tyranneien
möglich gemacht hätten, wäre nicht eine unzweideutige
Kastration in der Kindheit vorgenommen worden?

 

Die Arbeitsteilung hat den Herrn und den Sklaven im
Individuum und in der Gesellschaft hervorgebracht.

Die Abstraktion

Die Macht des Himmels, des Herrn und
des Staates beginnt, sobald der Körper dem Diktat der Ökonomie
gehorcht und damit auf die eigenen Genüsse verzichtet.

Die Arbeit, die den Menschen von sich
selbst trennt, halbiert sich ihrerseits, indem sie sich in Kopf- und
Handarbeit spaltet. Dieser Prozeß paßt in die Logik der
Ausbeutung des Bodens und des Untergrunds –

Die Organisation des Pflügens, der
Saat und der Ernte teilt die Zeit in eine Folge von Zwängen, ein
jahreszeitlich bedingter Kalender lenkt die Tätigkeiten der
Gemeinschaft, die Bewässerung setzt das Planen von Kanälen,
die Verteilung des Wassers und die Wetterprognose voraus. Jede
Jahreszeit bringt ihren Teil an Problemen mit sich, die gelöst
werden müssen: Vorbereitung des Bodens, Festigkeit der
Werkstoffe, Gewinnung der Rohstoffe, Verbesserung der Techniken,
Beobachtung der Gestirne, sphärische Geometrie.

Erst wenn man die Dinge von oben
betrachtet, ordnen sie sich nach der größten Effektivität.
So fügen die den Organisatoren eingeräumten und von ihnen
usurpierten Vorrechte den Türmen und Erdhügeln einen
folgenschweren Sinn hinzu, der sie noch bedrückender macht,
indem er ursprüngliche Zweckbauten in Monumente der Tyrannei
umwandelt: Hügelgräber, Mastabas, Pyramiden, Bergfriede.

Die Herstellung von immer mehr
Werkzeugen, die Bearbeitung der Erze, die Urbarmachung der Wälder,
die Vermehrung der spezialisierten Aufgaben – dazu noch die Sorge,
gegen die Habgier des Nachbarn den Ort zu verteidigen, in dem ein
neuer Reichtum blühte -, all das trug dazu bei, in einigen
Köpfen Wissen zu konzentrieren, das aus einer Praxis herrührte,
die zunächst allen gemeinsam war.

Gleich einem Nebel ist das den Händen
der Praktiker allmählich entrissene Wissen von der Erde
aufgestiegen, um sich im Himmel zu verdichten und als Schauer
niederzufallen, als käme es von den Göttern her. Die allen
gemeinsame Erfahrung hat sich abstrakt in einigen Köpfen
zusammengeballt, und diese haben aus ihr ein Geheimnis und eine
Geheimlehre gemacht. Es ist kaum Zeit verstrichen, bis die Weisungen
des Wissens zu Dekreten der Macht wurden.

 

Weltliche
und geistliche Gewalt

Aus der Beherrschung des Raums, der
Zeit, der Gewässer und des Tauschhandels ging die Sippschaft der
Priester und der Könige hervor. Der Blitz der Befehle und der
Donner der Kommandos sind aus einem Jenseits niedergegangen, das im
Diesseits auf das Opfer gründete, das der Körper der Arbeit
bringt, sowie auf die gleichmachende Kraft des Preises. So gelang es
dem universalen Logos eines Zahlungsmittels, das überall im
Umlauf ist und sein Gleichwertigkeitsprinzip aufzwingt, wie durch ein
Wunder zwischen einem Ölfeld und zehntausend daraus zu
vertreibenden Indianern das Zeichen „ist gleich“
anzubringen.

Die Arbeit begründet nicht nur die
irdische Ökonomie, sie spaltet von ihr auch, der eigenen Teilung
entsprechend, eine himmlische Ökonomie ab, einen reinen und
heuchlerischen Bereich des über die Materie herrschenden
Geistes.

An der Spitze der hierarchischen
Pyramide hat Gott den Priesterkönig mit einem Heiligenschein
versehen bis zu dem Abschleifen, das im Jahre 1789 dem archaischen
Weltgebäude durch die ersten Erschütterungen der
industriellen Maschine aufgezwungen wurde.

 

Die
Herabwürdigung der Erde und des Körpers

Während
die Herren sich Vorfahren im Himmel ausdenken, um die Erde im
Namen der Götter ausplündern zu können, krümmt
sich der Körper zusammen und mit ihm die Gemeinschaft, die durch
die Mauern und die Grenzen des Eigentums eingeschlossen wird.

Wie tief haben sie gewagt den Körper
herabzuwürdigen, ohne den der Mensch nicht existieren kann, den
Sitz aller Empfindungen, aller Kenntnisse, aller Genüsse und
aller Schmerzen; diesen Lichtpunkt der greifbaren Wirklichkeiten,
diesen Schmelztiegel, in dem die Alchimie der drei Reiche die
Sensibilität des Kristalls, der Pflanzen und der Tiere in die
menschliche Fähigkeit umwandelt, das große Werk der Natur
zu vollenden!

Sie haben ihn auf zwei funktionelle
Prinzipien, auf zwei übermäßig entwickelte Organe
reduziert: einen befehlenden Kopf und eine gehorchende Hand. Der Rest
hat den kalkulierten Wert von Abfällen auf der Metzgerbank: Das
Herz ist nicht den Nutzlosigkeiten der Liebe, sondern dem Mut der
Waffe und des Werkzeugs vorbehalten. Der Magen, der durch die
Tafelfreuden verdorben werden könnte, ist dazu bestimmt, die
physische Anstrengung zu unterstützen, während die
wollüstige Benutzung des Gechlechts- und Harnorgans, das mit der
Fortpflanzung und der Ausscheidung beauftragt ist, zu Sünde,
Leid und Krankheit führt. Man schätze die den Genüssen
eingeräumte Qualität ab, wenn es, nachdem die Mechanismen
des arbeitenden Körpers ihre Schuldigkeit getan haben, dem durch
die Geschäfte aufgeschobenen Glück frei steht, sich zu
befriedigen.

 

Die Arbeit ist die gewinnbringende Ausbeutung der
irdischen und der menschlichen Natur Die Produktion hat die
Denaturierung zum Preis.

Die Partei des
Todes

Die Arbeit, die auf das Sammeln der
Vorräte folgt, die Erde, Wasser, Wälder, Wind, Sonne, Mond
und Jahreszeiten dem Einfallsreichtum des Menschen anbieten, ersetzt
die symbiotische Beziehung der Menschen zur Natur durch ein
Gewaltverhältnis. Die Umwelt und das aus ihr hervorgegangene
Leben werden auf die Stufe eines eroberten und immer weiter zu
erobernden Landes herabgesetzt. Der Produzent geht mit beiden wie mit
Aufsässigen und heimtückischen Feinden um.

Der Natur war dasselbe Schicksal wie
der Frau bestimmt: Sie wurde als Objekt bewundert und als Subjekt
verachtet. Sie ist vergewaltigt, zerfurcht, verwüstet, durch das
Eigentum zerstückelt, durch das Recht gedemütigt und bis
zur Unfruchtbarkeit ausgelaugt worden. Ist nicht der an das Hin und
Her der Muskeln und den Schwulst des Geistes gewöhnte Körper
der Triumph der Zivilisation über die sogenannten „niedrigen
Instinkte“ – das heißt, die Suche nach der Lust?

Man weiß, wie sehr all die
Tugenden, die das Glück regierten, die Neigung verbreitet haben,
zu zerstören und sich selbst zu zerstören. Wenn die
allumfassende Arbeitsethik die Energie der Libido nicht absorbieren
konnte, schüttete sich der Überschuß in Interessen-
und Machtkonflikten aus, die von den vielen, heiligen Angelegenheiten
von einer Fahne zur anderen herumgetragen wurden. Auch die
menschliche Natur laugt jedoch aus und der Hedonismus, der die
Befriedigung der Begierden auf den Konsum tiefgekühlter Lüste
reduziert, ist nicht von ungefähr der Zeitgenosse der im Sterben
liegenden Wälder, der Flüsse ohne Fische und der nuklearen
Miasmen.

Die Arbeit hat den Menschen von der
Natur und von seiner eigenen Natur so gründlich getrennt, daß
von nun an nichts Lebendes mehr in die Ökonomie investiert
werden kann, ohne die Partei des Todes zu ergreifen. Es ist
verständlich, daß andere Wege sich abzeichnen und daß
die ehemals als irreal abgestempelte Kostenlosigkeit nun die einzige
Wirklichkeit ist, die geschaffen werden muß.

 

 

 

 

 

II. DIE
ENTSTEHUNG DER MENSCHLICHKEIT

Die Herrschaft der Ökonomie hat einst die
symbiotische Entwicklung des Menschen und der Natur zum Stillstand
gebracht. Ihr Sturz belebt heute den Lauf des Lebenden wieder. Auf
die Tyrannei der Arbeit folgt das Primat des Genusses, in dem das
Leben sich herausbildet und fortbesteht.


DAS HERVORTRETEN EINER ANDERSGEARTETEN WIRKLICHKEIT

Was verbunden war, löst sich auf.
Die Komplexität der alten Welt zerfällt in einen Wust von
Wahrheiten, die keinen Widerspruch dulden und über deren
Lächerlichkeit man nur staunen kann. Wie konnte man für so
viele mit Bedeutung aufgeblasene Eitelkeiten leiden, kämpfen und
sterben?

Es ist aus mit den Göttern, mit
der Fatalität, mit den Verordnungen der Natur, der
charakterlichen Determiniertheit und einem blinden, vom Zufall
gelenkten Schicksal.

Von den großen theologischen,
philosophischen und ideologischen Systemen, die das Dasein beherrscht
und zwischen Scylla und Charybdis getrieben haben, wird bald nur noch
das verstaubte Andenken der Gelehrsamkeit übrig bleiben.

Wesen und Dinge klären sich ab,
die Einfachheit erlebt einen ersten blühenden Frühling und
das Alltägliche nimmt das Aussehen einer Landschaft auf einer
neuen Erde an. Wie ausgestorben ist die Nacht des abstrakten
Menschen.

Das Kind wächst am Schnittpunkt
eines neu entstandenen Bewußtseins heran, die ermatteten
Liebenden lernen zusammenzukommen, der Arbeitseifer löst sich
auf und macht die Grenze zwischen dem Begehren und dem Zwang
deutlich, bei dem die Lust verlorengeht. Hin und wieder obsiegt das
Glück, sich selbst zu gehören, über die Langeweile,
nicht sein eigener Herr zu sein.

Hier fängt das Umherirren des
Neuen an, vielleicht sogar seine Verirrungen. Außerhalb des
wissenschaftlichen Sezierens, das es dem aufgeklärten,
getrennten Denken in Einzelteilen vorsetzt, ist das Leben auf der
Erde und im Körper so schlecht bekannt, daß
Hellsichtigkeit und Albernheit Gefahr laufen, sich noch eine Zeitlang
im Herumtasten der Entdeckung und in den Unruhen einer anderen
Wirklichkeit zu verwickeln. Was liegt daran! Wir wollen Geheimnisse,
die keine Abscheulichkeiten enthalten:

 

Die Demokratie

Nichts bürgt sicherer für die
Demokratie und die den Menschenrechten zugrundeliegenden Prinzipien
als die dem Weltmarkt innewohnende Notwendigkeit, irgendwem
irgendetwas zu verkaufen. Daraus folgt, daß die Werte der
Vergangenheit im Takt veralteter Waren verschrottet werden, auch wenn
ihre archaischen Überbleibsel zur Verarbeitung eines
vergänglichen Modernismus verwendet werden.

 

Die Subversion

So verbreitet die Ökonomie besser
und schneller als eine Horde spezialisierter Aufwiegler die
Subversion. Es genügt, einen Blick auf die spektakulären
Auslagen zu werfen, in denen die Gesellschaft die Modelle ihrer
Ehrbarkeit und Niedertracht zur Schau stellt. Dort stehen fast nur
noch verblaßte Exemplare von Königen, Priestern, Päpsten,
Polizisten, Militärs, Adligen zweifelhafter Herkunft, Bourgeois,
Bürokraten, Proletariern, Reichen und Notleidenden, Ausbeutern
und Ausgebeuteten … herum. Es fällt einem schwer zu glauben,
daß noch vor kurzem glühende Gefühle des Hasses und
der Bewunderung um solch groteske Affen herum entstanden sind.
Niemals ist eine Epoche dermaßen zu Preisen ausverkauft worden,
die jeder Konkurrenz spotten.

 

Die
Hellsichtigkeit

In den 60er Jahren war noch eine Spur
von Intelligenz nötig, um den gesellschaftlichen Kontext zu
entziffern. Noch brauchte man Hellsichtigkeit, um die Zeichen des
Bankrotts wahrzunehmen. Dreißig Jahre später erfaßt
man beim ersten Blick von einem Ende des Erdballs zum anderen die
verfallene Bühne, das abgenutzte Spektakel, die lächerlich
gewordene Macht, die ausgefransten Rollen einer zusammengeflickten,
knauserigen Ökonomie. Ungeniertheit und Langeweile lassen den
Vorhang über eine tausendjährige Tragikomödie fallen.

Die Ökonomie hat das Reich
gegründet und zerstört, das die Menschen gleichzeitig mit
dem eigenen Untergang aufgebaut haben. Jeder verläßt den
Umkleideraum ohne brauchbare Verkleidung. Es bleibt nur noch, vor
sich und am besten zu sich hinzugehen, ohne andere Richtschnur als
die in jedem Augenblick aufblitzende Lust.

 

Die Funktionen

Die Vielfalt ihrer Gesellschaftsformen
beruht auf einigen Funktionen, die so offensichtlich allen gemeinsam
sind, daß sie der menschlichen Natur zugeschrieben wurden.
Heute noch findet man kluge Köpfe, die behaupten, die Verlockung
des Geldes, der Machthunger, der Hang zur Zerstörung und
Selbstzerstörung seien ebenso wie die Schaffenskraft
Bestandteile des Menschen. Noch vor kurzem war dies eine einträgliche
Meinung; seit der gemeinsamen Abwertung der materiellen und geistigen
Werte hat sie aber viel an zinsbringendem Interesse eingebüßt.

Nicht wegen der Natur, sondern wegen
der Denaturierung hat sich das Gewicht des Unmenschlichen in der
menschlichen Gesellschaft durchgesetzt. Die Wiederholungsmechanismen
der Hand- und Kopfarbeit, des Tausches durch Angebot und Nachfrage,
der Verdrängung und der Abreaktion der Begierden sind mitten ins
Herz des Lebenden eingedrungen und haben jene Bewegungen, durch
welche die Ökonomie sich der Menschen und ihrer Umwelt
bemächtigt, tief in die Gesten, die Gedanken und die Emotionen
eingegraben.

Die Expansion der Ware hat die
Entfaltung des Lebens unterdrückt. Sie hat ihr keinen anderen
Weg als ein Gespaltensein gelassen, in dem das, was nicht eigentlich
gelebt wird, abstrakt und mittels Rollen gelebt wird; diese sind der
Tribut, den das Menschliche an die unmenschlichen ökonomischen
Funktionen entrichten muß.

 

Die Rollen

Der Lernprozeß der Kinder lenkt
den Drang der Begierden. Weit davon entfernt, sie durch einen Versuch
der Harmonisierung zu verfeinern, in dem die Gefühlsbeziehungen
ausschlaggebend wären, schneidet er aus ihnen eckige, stereotype
Rollen zurecht, Verhaltensweisen, die den Gesetzen des Tausches, der
Ausbeutung und der Konkurrenz unterworfen sind. Die Erziehung reißt
das Kind aus seinen Lüsten, um es in eine Reihe von Gußformen
hineinzupressen, in denen es zur bloßen Repräsentation
seiner selbst wird.

Es gab eine Zeit, in der die Farben und
die Lebhaftigkeit der Rollen ein Ausgleich waren für die
verbotenen Triebe des Körpers, in der die Gewalt der
Ausschweifungen eine Art Befriedigung in der Gier, der Autorität
und dem mit ihnen verbundenen Ansehen entdeckte.

Ob man als Freiherr oder Leibeigener
auf die Welt kam, ob man Kaiser oder Müllmann wurde, zu den
höchsten Würden oder zum Schafott aufstieg – das war nach
der Meinung jener Zeit Teil der Geschichte und des Schicksals,
keineswegs einer siegessicheren Logik, die sich durch Ein- und
Ausschluß weiterentwickelt, das Rentable rettet und den
Verdienstausfall verdammt. Gewiß eine Fatalität, aber eine
wohlüberlegte und berechnete – die Bestimmung einer Praxis, die
weder Göttliches noch Himmlisches an sich hatte.

Denen, die ein in Sünden,
Gewissensbissen, Ängsten und Schuldgefühlen eingezwängtes
Leben führten, erlaubte das gesellschafiliche Spektakel, im
Gepränge und im Schlamm des Ruhms oder der Marter zu glänzen.
Ein Heiliger, ein Gelehrter, ein Wüstling, ein Verbrecher, ein
interessanter Mensch war man aus Verdruß darüber, für
sich allein nichts zu sein. Eine Sammlung frommer Bilder hielt die
Berufung zur Nichtigkeit aufrecht.

Das Leben ist heute kaum reicher
geworden, aber die Rollen sind zu Eintönigkeit und Armut
entartet. Wer würde fortan dem Trommelschlag des militärischen,
religiösen, patriotischen oder revolutionären Ruhmes Folge
leisten? Wer würde, um „Eindruck zu schinden“, die
Charakteruniform anziehen, deren Funktion es ist, die Aufmerksamkeit
zu fesseln, sein Ansehen zur Geltung zu bringen, die Herde zu führen?

Allmählich hat sich der Gedanke
durchgesetzt, daß die Rollen, ob sie nun gut oder schlecht
gespielt werden, aus einem bedingten Reflex, aus einem Speichelfluß
herkommen, der bei jedem Klingelzeichen entsteht. Eine solche
Gewohnheit geht verloren, seitdem das Kind nicht mehr mit einem Hund
und der Hund nicht mehr mit einer Maschine gleichgesetzt wird, und
die Maschine, selbst ein Muster der Warenperfektion, aufgehört
hat, ein Muster menschlicher Perfektion zu sein.

 

Das
Ende der Funktionen und der Rollen

Jahrtausendelang haben sie wie besessen
gerungen, um Wesen und Dinge in eine bestimmte Ordnung zu bringen und
mit einem Etikett zu versehen. Sie suchten von oben nach unten, von
links nach rechts den Platz des Menschen im göttlichen Plan und
haben eigentlich nur die Stelle entdeckt, die auf jeder Stufe des
Warenprozesses dem Produkt und dem Produzenten zugedacht war.

Wie sehr sie auch durch die
Grundmechanismen des Systems konditioniert gewesen sein mögen –
Umwandlung der Lebenskraft in Arbeitskraft, mühselige Teilung in
Geist und Körper, Tausch und Konkurrenzkampf um die Kontrolle
der Märkte – sind sie dennoch niemals reine Produkte der
Ökonomie gewesen, die sie beherrschte. Sie bewahrten die in
ihnen tief verwurzelte Gnade eines nicht auf die Warenlogik und
-ordnung reduzierbaren Lebensgefühls, die sie in flüchtigen
Augenblicken der Liebe, der Großzügigkeit und des
Schaffens genossen, in denen sie von einem plötzlichen Abscheu
gegen die permanente Berechnung der gewöhnlichen Existenz
ergriffen wurden.

Obwohl die Rollen, dank denen sie sich
auf der gesellschaftlichen Bühne halten konnten, auf die
Lernprozeß und Initiation sie geworfen hatten, oft über
ihr Überleben oder ihren Tod entschieden, ist es doch
vorgekommen, daß sie sich an einer Straßenecke, in einem
Salon, beim Hinausgehen aus dem Büro gefragt haben, was sie dort
eigentlich zu suchen hätten. Sie entdeckten in ihrem Körper
einen, der nicht länger ein anderer als sie selbst war, sie
ließen das jämmerliche Possenspiel von Verdienst und
Verfehlung auf sich beruhen und gaben alles auf, um nach einem Glück
zu suchen, das weder dem Geld noch der Macht etwas schuldete.

Das, was gestern nur Wetterleuchten,
flüchtige Umwälzung, Anfall von Verrücktheit oder
Revolte war, bekommt immer häufiger die Gestalt einer
vorhersehbaren Reaktion, seit der Markt der gesellschaftlichen Werte
nach dem Beispiel des Devisenmarktes zusammenbricht und alle Rollen,
welcher Art auch immer, abwertet. Was heißt das Gesicht
verlieren, wenn die Kehrseite genauso viel Wert wie die Vorderseite
hat, und wozu sollte man einer würgenden Autorität, die zur
bloßen Fratze geschrumpft ist, Körper und Geist
ausliefern?

 

Die Authentizität

Weder ist die Authentizität eine
neue Wirklichkeit noch ist Kleist eine Ausnahme, wenn er behauptete,
er sei nur in ihrer Gesellschaft glücklich, da er bei ihr ganz
und gar echt sein dürfte. Das Neue ist die Schärfe, mit der
die Authentizität die gesellschaftliche Lüge zersetzte und
die typisierten Figuren verfallen läßt, mit denen jeder
sich von Kind an identifizieren mußte.

 

Das Ende der Stars

Heutzutage genügen einige Monate,
damit Ruf und Verruf der Stars zu- oder abnehmen, egal ob ihr Ansehen
mit der Kunst, der Politik, dem Verbrechen oder dem mondänen
Leben verbunden ist. Noch vor kurzem waren mehrere Jahre, manchmal
sogar Jahrzehnte dazu nötig. Kaum ist er aufgeflammt, erlischt
heute der Ruhm.

Zu der Zeit, als das Ansehen sich lange
hielt, nahm die Öffentlichkeit das Glänzen eines Namens
wahr, ohne sich um die Beleuchtung und den technischen Aufwand zu
kümmern. Die vielen dunklen Lebensläufe gaben einer kleinen
Anzahl von Leuten Glanz, die sich andernfalls nicht durch ihre
besonderen Fähigkeiten hervorgetan hätten. Die
Prachtentfaltung eines Monarchen, das Redetalent eines Führers,
die Beliebtheit eines Autors stellten die Kunstgriffe einer
Inszenierung in den Schatten, die dem kleinen Menschen der Macht eine
künstliche Größe verlieh.

 

Die
Medieninflation

Ich behaupte nicht, die Begabung
aufzutreten sei verlorengegangen. Es gibt in unseren Tagen
ausgezeichnete Könner in der Kunst, das Volk zu betrügen,
aber weniger Volk, das sich hintergehen läßt, und weniger
Mittel, um große Verführungen durchzusetzen. Denn trotz
der beunruhigenden Faszination der Bilder beißt sich die Lüge
nicht länger mit gleicher Schärfe ein. Auge, Ohr,
Geschmacks- und Tastsinn, Denken gleiten über eine Fülle
von Klischees ohne Qualität hinweg, die ungeeignet sind, sie
lange festzuhalten.

Der Überproduktion unnützer
Güter – welche die Panik der Ware und deren Krebsbildungsprozeß
kennzeichnet – entspricht ein Wust von Informationen, der die
Verdauung entmutigt, den Konsumenten anekelt und das Interesse
erschöpft. Da wird der Appetit, der eine unverdauliche Fadheit
ablehnt, für einen anderen, kräftigeren Hunger wach.

Während die Enthirnungsmaschine,
deren Schaltungen durch die rasende Beschleunigung des Spektakels
blockiert werden, langsam implodiert, lebt ihre schädliche
Wirkung auf dem paradoxen Umweg über diejenigen fort, die sie
bekämpfen. Die Angst, die sie bei Leuten aufrechterhält,
deren kritischer Verstand allzuoft als Beschwörung und
Rechtfertigung für die eigene Furcht vor dem Genuß dient,
läßt den Koloß größer erscheinen und
unterschätzt die Zerbrechlichkeit seiner tönernen Füße.
Von der bedrängenden Dummheit verfolgt, setzen sie ihre ganze
Klugheit ein, um deren Schläge genauso dumm abzufangen. Ihr
Spott bedeckt den hoffnungslos nackten König mit einem letzten
Kleid aus Lügen. Damit wird, besser als durch die Medienmacher
von Abstraktionen, Ideologien, Illusionen und religiösen und
mystischen Eruktationen, jenem Haufen veralteter Werte Gewicht
verliehen, auf die der Zusammenbruch der Warenzivilisation sich
reduzieren läßt, wohingegen die überall zum Vorschein
kommende Heftigkeit des Lebensdrangs von ihnen als Belanglosigkeit
abgetan wird.

 

Die Dualität
der Rollen

Das Spektakel muß die Schrumpfung
des sozialen Marktes hinnehmen, auf dem die Rollen zu einem von der
Macht festgesetzten Preis verramscht werden. Bei den Hanswurstiaden
in den Parlamenten, den Gerichtssälen, den Konzilen oder den
Staatsräten weckt nur noch das, was sich hinter den Kulissen
abspielt, die Neugier.

Wie kann man nur eine einzige Rolle
ernst nehmen, wenn sie paarweise vor einem stehen, so aufgestellt,
daß sie sich gegenseitig zur Geltung bringen, und als
auswechselbare Wahrheiten zusammen verkauft werden – gut und
schlecht, glanzvoll und schäbig, weich und hart, Richter und
Schuldiger, Polizist und Mörder, Staatsterrorist und
Privatterrorist, Priester und Philosoph, Reaktionär und
Fortschrittler, Ausbeuter und Ausgebeuteter?

 

Der Lebensstil

Der Blick des Lebens nimmt wieder die
Farbe der Ewigkeit auf, wenn er plötzlich in Raum und Zeit das A
und O des Todes betrachtet: die Sintflut der Warenexpansion, die von
einem Ozean übler Geschäftemacherei in den Abgrund
gerissene Erde, die Strudel, in denen Generationen genauso schnell
aufeinanderfolgen, dahintreiben und untergehen, wie ein Stück
Geld verdient und wieder ausgegeben wird. Der ständigen
Katastrophe der Geschichte konnten nur einige wenige Gipfel
standhalten, auf welche die nicht reduzierbaren Fermente des
Menschlichen, die die Qualität des Seins in sich tragen –
Kindheit, Liebe und Schöpfungskraft – geflüchtet sind.

Der Zyklus der unaufhörlichen
Apokalypsen kommt mit dem Ende der Ökonomie zum Abschluß.
Das Rad des Glücks und des Unglücks, das sich von einem
Jahrhundert zum anderen immer in derselben Furche von Kriegen,
Krankheiten, Armut, Leid und vom bitteren kommenden Tag drehte,
zerbricht. Diejenigen, die meinen, die Welt würde zusammen mit
dem Rad zerbrechen, haben vielleicht recht, aber dieses Recht wird
ihnen von der großen Müdigkeit diktiert, die sie in die
Partei des Todes treibt.

Für denjenigen, der sich über
das Verschwinden der Fahnen, der geistigen Vorbilder und der
vorgegebenen Rollen freut, ist jetzt die Zeit der Authentizität
und eines Lebensstils gekommen, bei dem die Menschen wieder zu sich
selbst, zu ihrem ersehnten Lebensgenuß kommen.

Auf die Gewalt der Ablehnung folgt ein
dolce stil nuovo, um in den Willen zum Leben eine zähe
Energie zu investieren – nicht mehr diejenige der Hoffnungslosigkeit
und der Unbefriedigtheit, sondern diejenige des Genusses und der
Unersättlichkeit. Langsam gibt er die Verhaltensweisen der
Charakterstörungen,

die mechanischen Gesten, die
neurotische Unwissenheit und die aggressive Bitterkeit auf, die die
Unterwerfung des Lebens unter die Ökonomie kennzeichnen. Er
entfernt sich so weit wie möglich von den Gewöhnungen, in
denen der Tausch über das Geschenk siegt, die Macht über
die Zuneigung, die Abreaktion über die Verfeinerung der Lüste,
das Schuldgefühl über das Gefühl der Unschuld und die
Strafe über die Richtigstellung der Fehler. Und wenn der neue
Lebensstil diese Verhaltensweisen für archaisch hält,
verwirft er sie aber nicht im Namen eines getrennten Denkens, einer
intellektuellen Voreingenommenheit oder einer Moral, da er auf diese
Weise keineswegs mit ihnen fertig werden, sondern nur ihre Brut
fortpflanzen würde. Er weist sie von sich, weil sie ihn
langweilen und seine Lust stören, weil es ganz einfach Besseres
zu erleben gibt.

 


Das Leben soll gespielt und nicht repräsentiert werden

Die Entwicklung des Kindes bringt
ständig neue Gewißheiten, weil sie die Wurzel einer
Menschheit ist, die sich aus der Animalität löst und noch
nicht der Herrschaft des Unmenschlichen unterliegt.

Auf der Schwelle einer Schule, in der
es immer schwieriger wird, das vom Leben getrennte Denken zu lehren,
wächst das Zögern des Kindes weiter. Es drückt die
Weigerung aus, eine Laufbahn einzuschlagen, die aus seinen Vorfahren
kränkliche, von verwachsenen Begierden gepeinigte und vom
alltäglichen Tod geschundene Wesen gemacht hat, die in einer
Parodie des Glücks ihre letzte Rolle spielen.

Die Haltung des Kindes gegenüber
den Rollen entsteht nicht aus der von den Erwachsenen geübten
Kritik, die über das Negative so gut aufgeklärt sind, daß
sie davon nicht loskommen. Es ist in der Tat leicht, diejenigen zu
verspotten, die es einem Gott, einem Potentaten, einem Parlamentarier
oder einem Gewerkschaftsfunktionär überlassen, für ihr
Glück zu sorgen, aber sind die Spötter eigentlich durch
sich selbst besser vertreten? Drückt das Bild, das sie mit
größter Mühe von sich selbst geben, nicht die
Verleugnung der eigenen Authentizität aus? Enthält es nicht
im Keim die allgemeine Lüge des Repräsentativ- und
Wahlsystems? Und ist es eigentlich nicht so, daß sie durchaus
einen gewissen Einfluß auf ihre Umgebung erstreben, um diese
aufzufordern, sie zu wählen?

Die Kinder erliegen einer solchen Falle
erst spät. Wie ein Spiel verstehen sie zunächst die Rollen,
die die Erwachsenen mit unerschütterlichem Ernst auf sich
nehmen. Sie finden gleiches Vergnügen daran, sich mit dem
Polizisten oder mit dem Räuber zu identifizieren. Gänzlich
ungezwungen wechseln sie vom Richter zum Schuldigen, vom Arzt zum
Kranken, vom Starken zum Schwachen, vom Herrn zum Sklaven, vom Guten
zum Bösen. Das Verwandlungs- und Verkleidungsspiel, sogar das
Spiel des angeblich verlogenen Fabulierens gehören einem
symbiotischen Terrain an, auf dem Menschen und Dinge durch die
Bewegung eines gemeinsamen Lebens miteinander verbunden werden.

Je mehr das Spiel erstarrt und die
Gesten im mechanischen Ballett des Geldes und des sozialen Aufstiegs
verkümmern, desto dringender wird das Kind aufgefordert, sich
ein Image auszudenken und unter einen Firmennamen zu schlüpfen.
So ziehen sich die vergnüglichen Verwandlungen in die
Wirklichkeit von Traumbildern zurück, und der Jugendliche, der
über die Wahl und die Orientierung, die ihm durch die
Forderungen der Ökonomie aufgezwungen werden, Bescheid weiß,
bewahrt den Eindruck im Herzen, er habe die falsche Tür geöffnet
und alle anderen wären vorzuziehen gewesen.

Der Zwang und die Langeweile, sich
zugleich als interessant und interessiert zur Schau zu stellen – wie
die Schüler sagen: „Alles nur Mache!“ -, enthüllen
heute ihre endgültige Nutzlosigkeit im Bankrott des
gesellschaftlichen Marktes und seiner traditionellen Werte. Erneut
identifiziert sich die Rückkehr zur Kindheit mit der Versuchung,
in der Vielheit der Begierden und der Einheit des Lebens, in den
menschlichen Verwandlungen der neuerschaffenen Natur wieder zu sich
selbst zu kommen.

 

Es gibt keinen Bereich, in dem die Autorität nicht
verfällt und das Ende aller Mächte ankündigt, die aus
der Ausbeutung der Natur hervorgegangen sind.

DAS ENDE
DER HIERARCHISCHEN MACHT

Der Unglaube hat die Priester der
Ehrfurcht und der Macht beraubt, die ihnen durch ihr Amt verliehen
wurde. Von nun an gehört Gott zur archäologischen
Ausgrabung und das gelegentliche Gezeter an dieser Stätte wird
am Bankrott (endlich!) des religiösen Unternehmens nichts ändern
können.

In
e
inigen giftigen Gegenden der Dritten Welt vegetieren die
letzten Tyrannen. Allmählich begräbt ein allgemeiner Verruf
die militärischen Diktaturen unter dem Misthaufen der
Vergangenheit; besser als der bissigste Antimilitarismus läßt
er die Uniform der Armeen aller Kontinente und aller Parteien einen
muffigen Todesgestank ausdünsten.

Nichts ist tröstlicher als zu
hören, wie die Mülleimer der Geschichte über der
Herrschaft der lebendigen Götter, der Retter des Volkes, der von
der Vorsehung gesandten Berühmtheiten und der charismatischen
Auserwählten zuklappen. Dem 20. Jahrhundert muß Dank
gesagt werden, daß es die eiserne Hand ausgerenkt hat, die so
lange das Proletariat, die Frau, das Kind, den Körper; das Tier
und die Natur in Abhängigkeit gehalten hat. Eine glückliche
Zeit, in der die Staats- und Familienoberhäupter, die Cliquen-,
Gruppen- und Unternehmensleiter wie welkes Laub von ihrem Prestige
abfallen und im Sog der Lächerlichkeit umherwirbeln, bis sie
sich in der allgemeinen Gleichgültigkeit verlieren!

Der Wille zur Macht ernährt nur
noch zahnlose Raubtiere, da er ihnen nichts Festes mehr zum Beißen
anbieten kann. Zwar wirft die Epoche weiterhin ihre Ladung
autoritärer Figuren auf den Markt, aber mehr aus Stumpfheit als
aus Überzeugung. Die in ihrem Gefühlsleben Beschädigten
mögen sich noch so sehr unter dem Gütezeichen des feurigen
Blicks, des stählernen Charakters und der männlichen
Kinnlade zur Schau stellen, die Umgebung macht ihr Saatgut der
Bitterkeit, der Aggressivität und des Todes unfruchtbar. Da
stehen sie nun und sind der Gründe beraubt, auf denen ihr Recht
und ihre Hoffnung geruht haben – das Versprechen eines starken
Staates, eines Finanzimperiums, einer nationalen oder proletarischen
Revolution. Von nun an wird ihnen die Bürgschaft für den
Erfolg verweigert.

In wessen Namen wollen sie jetzt
regieren, da die Ökonomie sie wie Bauern auf dem Schachbrett
regiert? Nachdem Könige, Königinnen, Türme und
Springer auf dem Brett der alten Welt verloren gegangen sind, bleibt
nur noch das Fußvolk übrig, um von einem Feld ins nächste
zu springen. Werden sie ein Spiel weiterspielen, das sie nicht mehr
lenken, und zu welchem Sieg? Etwa um die Geschäfte, den Staat,
das Geld, das Vertrauen wiederherzustellen? Ach was! Die Dinge sind
so weit gediehen, daß die Feder der Lüge zerbricht, sobald
sie aufgezogen wird.

Die Männer der Macht haben jenen
Roßtäuscherglauben verloren, der die Königreiche und
die Republiken gemacht hat. Hätten sie nur das alte Vertrauen in
den Handlungsreisenden behalten, der von Tür zu Tür ging,
um seine Handfeger zu verkaufen, dann hätten sie auch genug
abgefeimte Phantasie bewahrt, um den Erhängten abzuhängen
und ihm einen neuen Strick zu verkaufen. Aber nein! Sie kommen kaum
auf die Idee, von den Alarmsirenen zu profitieren, die auf die
Gefährdung der Erde hinweisen. Sie denken nicht daran, die
wankenden Monopole der traditionellen Industrie zu untergraben, in
die Ökologie zu investieren, die gesundheitsschädlichen
Betriebe niederzureißen, das schön abzubauen, was häßlich
aufgebaut wurde, zu entgiften und zu entnuklearisieren, die sanften
Energien dienstbar zu machen, kleine regionale Produktionseinheiten
auf internationaler Ebene zusammenzuschließen, rentable
Selbstverwaltungsformen zu propagieren – kurz, gemäß der
Konstante ihrer Geschichte zu handeln: d.h. der ökonomischen
Umsetzung der revolutionären Ideen. Es sieht übrigens so
aus als ob der geistige Zustand der Geschäftsleute unter der
fallenden Tendenz ihrer Machtquote leiden würde. Haben sie es
vielleicht wie ein persönliches Trauma empfunden, daß der
Waffenhandel unter dem schrittweisen Aussterben der lokalen Kriege
leidet? Immerhin – sie haben nichts Besseres gefunden, um den
Gesetzen der Konkurrenz zu gehorchen, als auf dem Kampfplatz der
Börse miteinander zu rivalisieren. Dort zu schwarzen und weißen
Rittern geschlagen, parodieren sie Turniere, Überfälle und
Plünderungen. Es ist ein wunderliches Schauspiel zu sehen, wie
ein Geschlecht von besessenen Finanzleuten Zahlenreihen und Bündel
von Scheinen von einem Ende des Aktionärstisches zum anderen
schiebt, während ganze Sektoren der Industrie und der
Landwirtschaft zugrundegerichtet werden.

In seinem höchsten Stadium fällt
der Kapitalismus in die Kindheit zurück: eine Kindheit, aus der
das Leben herausgerissen wurde, was man gewöhnlich Verkalkung
nennt. In der gleichen Zeit, in der ihre Mechanismen im Bewußtsein
des individuellen Körpers auftreten, erreicht die Ökonomie
den Punkt ihrer reinen Abstraktion. Ihr Verblassen geht so weit, daß
sie sich der eigenen Substanz entleert: der Fabriken und der Märkte
als ihrer materiellen Form. Welcher Wille zur Macht könnte gegen
eine solche Muskelerschlaffung ankommen?

 


Die fallende Kurve der ökonomischen Offensive

Überall hat die Wut, sich einen
Knochen anzueignen, um ihn entweder abzunagen oder weiterzuverkaufen,
den Willen zur Macht genährt. Auch der schwächste Mensch
beteuerte, er habe ein Stück Brot, eine Frau, einen Hund, eine
Art Ansehen in Besitz genommen. Ein solcher Zug konnte der Natur des
Menschen nur zugeschrieben werden, indem man sie mit einem
Charakterpanzer versah. Heute ist der Taschenspielertrick um so
offenkundiger, als es auf der Erde, nachdem die Ware fast alles
erobert hat, nur noch die Redundanz einer Ökonomie ohne Gebrauch
gibt und ein Leben, das den menschlichen Gebrauch seiner Natur
entdeckt. Es gibt keinen Kontinent, auf dem die Ware nicht ihre
Modernität vorantreibt. Der Konsumzwang verbreitet die
Demokratie mit derselben Schnelligkeit wie die Marktforschungen, und
der Friede des Tauschhandels läßt das Gespenst der Kriege
und sogar des sozialen Krieges, mindestens in seiner archaischen
Form, nach und nach verschwinden. Der Konflikt, der die ausgebeutete
und die ausbeutende Klasse Jahrhunderte hindurch gegeneinander
geführt hat, leidet jeden Tag mehr unter den Auswirkungen der
Entwertung der Macht. Unterdrückung und Forderung erlahmen in
der nostalgischen Parodie einstiger Kämpfe.

Sogar die alte Vorherrschaft des
Geistes über den Körper lockert ihren Griff. Hat der
technokratische Markt es nicht unternommen, indem er den Verkauf des
Computers fördert, aus dem Werkzeug ein Gehirn und aus dem
Gehirn ein Werkzeug zu machen? So führt die Kybernetik das
Programm aus, das durch die Logik der

Ware für den Menschen vorbereitet
wurde: ein Körper und ein Geist, in einer Maschine egalitär
vereinigt.

Wer gerät in Ekstase über das
Wunder des in den Dienst der Ökonomie gestellten menschlichen
Genies: ein Körper aus Muskeln ohne libidinöse Energie, und
ein Denken, das Millionen von Kenntnissen verschlingt, die es nur
mittels einer binären Logik bearbeiten kann – das heißt,
mittels einer der Ratte unterlegenen Intelligenz? Das Wunder liegt
anderswo.

 

Die
Herrschaft des Tauschwertes

Der Computer als Aushängeschild
für den Wohltätigkeitsladen, in dem der Mensch zur reinen
Abstraktion tendiert – da haben wir also eine Welt, in der der
Gebrauchswert von einem nutzlosen technischen Kleingerät zum
andern abnimmt, in der die wirklich nützlichen Güter
zusammen mit den Kühen, den Schnecken, den Pilzen und den
Wäldern verschwinden und die Rohstoffindustrien im Namen der
internationalen Rentabilität zerschlagen werden.

Dagegen tendiert der Tauschwert zum
Absoluten. Der Profit und sein verächtliches Unwissen um den
Menschen und die Natur bestimmen das Schicksal der Erde. Eine rasende
Intellektualisierung reduziert den Abstand zwischen Hand- und
Kopfarbeit. Dabei gewinnt nicht die Intelligenz des Lebenden, sondern
die Undifferenziertheit von Menschen und Gesten, die täglich dem
Reflex einer zur Erzeugung des Nichts programmierten Arbeit
unterworfen sind; damit wird die Übereinstimmung nicht mit dem,
was lebt, sondern mit einer Gesellschaft garantiert, in der alles,
was sich bewegt, mechanisch und in Börsenwerten quantifizierbar
ist. Soweit die Warenperspektive. Die hierarchische Pyramide mag noch
so sehr zusammensacken und die Macht zerbröckeln, das Gefühl,
daß auf dieser Welt der Mensch zum Objekt erstarrt, wird weiter
diejenigen passiv in den Tod treiben, die nicht sehen, wie stark eine
neue Gewalt unter den verfaulenden herkömmlichen Kämpfen
schwelt; wie stark der Antagonismus zwischen Ausbeuter und
Ausgebeutetem die Kräfte zermürbt hat, da er heute einen
beiden Parteien gemeinsamen Nenner an den Tag bringt: die lukrative
Ausbeutung des Lebens.

Der entfesselte Wille zum Leben wird im
Verhältnis zur aufständischen Wut dasselbe sein wie heute
die Überschwenglichkeit des Kindes zum Stampfen des Greises …

 

Die Organisation

Niemals verfügte die Macht über
so große Mittel, um ihre Herrschaft aufzuzwingen, und niemals
ist ihr so wenig Stärke übriggeblieben, um sie anzuwenden.

Die Politik der Götter war
unergründlich. Die ideologische Inbrunst fegte alle Zweifel und
Bedenken hinweg. Es mußte dazu kommen, daß die
Forderungen des Marktes die bürokratische Tyrannei als letztes
Überbleibsel der Agrarstruktur unter der unwiderruflichen
Anklage der „ungenügenden Rentabilität“
verurteilten, damit nichts die abschaltbaren Kreise der
informatisierten Ökonomie mehr verbirgt.

Sicherlich hatte bereits die
sowjetische Bürokratie die Absurdität von Plänen
greifbar gemacht, die genauso perfekt auf dem Papier ausgearbeitet
wie völlig unbrauchbar waren. Der Zusammenbruch des
bürokratischen Glacis führt den Beweis dessen konkret zu
Ende, was die hierarchische Macht immer gewesen ist: ein Versuch, das
Lebende zu organisieren, indem man es seiner Substanz zum Profit der
Ökonomie entleert.

Der Abstand, der den himmlischen Geist
von der irdischen Materie trennte, liegt heute zwischen der Faust,
die sich um die notwendige Arbeit schließt, und der Hand, die
sich der Lust zu lieben und zu schaffen öffnet.

 

Die
Verwaltung des Bankrotts

Worauf beschränken sich nun die
letzten, tatsächlich vorhandenen, wenn auch nicht wirksamen
Formen der Macht? Auf die Wissenschaft des Managements. Nur
sie ist in unmittelbarem Kontakt mit der Ökonomie, seitdem diese
sich ihres politischen Ungeziefers – Könige, Kirchenfürsten,
Staatsoberhäupter und Parteiführer – entledigt und die
sichtbaren Schaltungen ihres Großcomputers auf dem ganzen
Erdball verbreitet hat.

Welches ist die am meisten geschätzte
Qualität bei den Politikern, jetzt, da sie zu Gepäckträgern
der Geschäftsleute geworden sind? Was verschafft ihnen die
größte Geltung bei den Wählern? Die persönliche
Ausstrahlung? Die Kompromißlosigkeit? Die eiserne Faust? Die
Verführungskraft? Die Intelligenz? Nicht im geringsten! Das
einzige, was zählt, ist ihr Sinn für Verwaltung.

Eine schöne Logik! Die Epoche
verlangt umso eifriger nach guten Verwaltern, als es nur noch
Konkurse zu verwalten gibt.

Vor dreißig Jahren riefen die
Revolutionäre, die den Kopf der Bürokraten forderten, nach
der Bildung neuer Organisationen, die die Anstifter der Mißwirtschaft
liquidieren und den Triumph einer selbstverwalteten Ordnung
herbeiführen sollten. Die Haut der Bürokraten haben sie
zwar gekriegt, aber um sich selbst damit einzukleiden.

Die Mauern der bürokratischen
Hochburg und der östlichen Reiche sind nicht unter dem Ansturm
der revolutionären Freiheit zusammengebrochen, sondern unter dem
Druck der Ware, die mit soviel Transparenz freien Durchgang
verlangte, daß dieses Wort selbst als verantwortlich für
die Abschaffung des eisernen Vorhangs angesehen wird.

Die Veteranen des Jahres 1968 haben
wenig Verständnis für die damals zum Ausdruck gebrachte
Ablehnung des Überlebens gezeigt und sich dann ihre Tressen in
der forschen Armee der neuen Verwalter verdient. Da der ökonomische
Zusammenbruch sich ganz gut selbst verwaltet, haben sie genügend
Muße, das Bestmögliche im Interesse des Volkes zu tun,
indem sie im Interesse der Ökonomie handeln. Sie bringen Ordnung
in die Niederlage und Würde in die wilde Flucht. Immer sind aus
jungen Wölfen in kurzer Zeit recht schöne Schafe geworden.

 

Das Gefühl, die Ökonomie habe dem Lebenden
widerrechtlich die Souveränität entrissen, verleiht dem
Willen zum Leben zum erstenmal in der Geschichte das Bewußtsein,
daß jetzt die eigene Souveränität geschaffen werden
muß.

Die Rückkehr
zum Konkreten

Der Werdegang der Ware ist jene Macht
der Verhältnisse gewesen, die überall das Schicksal des
Einzelnen belastet haben. Ihre Universalität hat im Körper
von immerhin einzigartigen Individuen eine Reihe von Funktionen und
Rollen materialisiert und aus Menschen, die überzeugt waren,
gemäß dem Geist, der Kultur oder der Ideologie zu handeln,
die sie selbst gewählt hatten, kaum voneinander zu
unterscheidende Hampelmänner gemacht. Die Rückkehr zum
Konkreten entlarvt den Betrug des abstrakten Menschen, des im Namen
des Menschen aus sich selbst herausgerissenen Menschen.

Heute ist die Trennung von Erlebtem und
gesellschaftlichem Markt, der ersteres zu beherrschen beansprucht, so
spürbar geworden, daß sie das Engagement für jede
denkbare Laufbahn sehr unsicher macht, sogar schon für die
sogenannte „gesellschaftliche Verantwortung“. Warum sollte
ich einen Vertrag mit einer Gesellschaft eingehen, die dem Leben so
entgegengesetzt ist, daß das bloße Überleben der
Erde davon bedroht wird? Ist nicht jeder Gehorsam gegenüber
einer Welt, die sich selbst zerstört, ein Akt der
Selbstzerstörung?

Die Trümmer, die die Menschen der
Ökonomie mit einer Hand zusammentragen und mit der anderen
notdürftig zurechtbasteln, gehen mich nichts an, es sei denn
durch den Umweg, den sie mir aufzwingen. Es ist nicht leicht zu
leben, und noch weniger leicht, die Lust dazu zu bewahren diese
ständige Anstrengung befreit mich von allen anderen.

 

Dem Aufstieg des Lebenden steht nur noch die Passivität
im Wege, die diejenigen weiter knien läßt, die die Macht
nicht mehr dazu zwingen kann.


Der Zerfall aller Mechanismen, die auf das Lebende geklebt sind

Die Macht hat jene erhabene und
erschreckende Ausstrahlung eingebüßt, die sie so furchtbar
nah und fern zugleich machte: nah durch die ständigen
Erforschungen und ihre Polizeikontrolle für Länder und
Köpfe; fern durch die unerreichbare Erneuerung, die niemals das
Messer anhält, das die Kehle des Tyrannen durchschneidet.

Seitdem die öffentliche Meinung
den Zusammenbruch der verschiedenen Autoritätsformen zur
Kenntnis nimmt, wird die Mischung aus Furcht, Haß, Respekt und
Verachtung, die Chorhemden, Abzeichen, Stiefel und Uniformen
verbreiteten, zunächst durch Gelächter und Gespött
beschworen, um sich bald darauf in eine belustigte Gleichgültigkeit
aufzulösen.

Wer das Bedürfnis spürt,
andere zu regieren, kann weder lieben noch geliebt werden. Das, was
an Prestige gewonnen wird, geht an Liebesfähigkeit verloren. Und
wie abhängig wird man von den Mechanismen der Rollen und der
Funktionen! Die fixe Idee, herrschen, zwingen, siegen, unterwerfen zu
müssen, macht aus dem Körper eine bloße Zentrale von
Steuerhebeln. Gesten, Muskeln, Blicke und Gedanken folgen einer
Pendelbewegung. Denjenigen, den man nicht ausschließen kann,
muß man durch Gunstbeweise, Schmeicheleien, Kompromisse oder
Bündnisse für sich gewinnen, während man jeden, der
sich nicht durch Zwang, Vertrag und Verführung hat kaufen
lassen, mit Anmaßung, Unverschämtheit und keinen
Widerspruch duldenden Begründungen vernichtet. Ein glückliches
Leben, das seine Lust und seine Würze aus einer Glanzbürste
und einem Striegel zieht!

Je mehr das Mechanische das Lebende in
seine Gewalt bringt, desto mehr hungert die Frustration nach
aggressiven Kompensationen. Als die patriarchalische Macht und die
unbestrittene Mode der autoritären Verhaltensweisen den
Funktionen und Rollen mächtige Mittel verliehen, wurde jener
Herrschaftswahn Charisma, Verantwortung oder Pflichtgefühl
genannt, der heute in das Gebiet der Neurose und der Lächerlichkeit
fällt. Denjenigen, die das Zeug zu einem Chef haben, bleibt zu
wenig davon übrig, um ihre funktionelle Ohnmacht und ihre
Unfähigkeit zu leben anständig einkleiden zu können.

Es ist eine bemerkenswerte Dummheit des
angeblich subversiven Terrorismus, nicht verstanden zu haben, daß
die Kreaturen der Macht so weit geschwächt sind, daß sie
eine kräftige Stärkung durch das Interesse erhalten, das
ihnen durch eine Mord- oder Verunglimpfungskampagne zuteil wird. Ein
Zeichen der Zeit: damals hat Caserios Namen denjenigen des
belanglosen, von ihm ins Jenseits beförderten Präsidenten
in den Schatten gestellt, während heute der wenig rühmliche
Aldo Moro im Gedächtnis über seinen farblosen Mörder
siegt. Ob sich duckende, bissige Hunde oder Kläffer der Ordnung
alle sind aus demselben Zwinger. Diejenigen, die immer noch kämpfen,
um zu sterben, bekommen die Friedhöfe, die sie verdienen.

Wer entschlossen ist, seinen Begierden
gemäß zu leben, entzieht sich jedem Zugriff. Er hat weder
Rolle noch Funktion noch Ansehen, weder Reichtum noch Armut, weder
Charakter noch Zustand, durch die er zu packen oder zu fangen wäre.
Und muß er der Arbeit und dem Geld wie jeder andere Tribut
zollen, dann läßt er sich nicht wirklich auf sie ein, da
er sich anderswo einläßt, wo er Besseres zu tun hat.

Für den Maulhelden gibt es nichts
Bedrückenderes, als plötzlich gewahr zu werden, daß
er keinen Gegner hat, daß er sich allein im Ring der Konkurrenz
und der Polemik herumschlägt und daß es ihm allein
zusteht, sich selbst Achtung und Verachtung zu gönnen.

Der Spiegel, in dem der Machtmensch dem
Publikum ein bewundernswertes Bild zu liefern wußte, ist
zerbrochen. Wenn es schon einmal vorkommt, daß er sich
verstohlen darin betrachtet, so sieht er nunmehr auf den ersten Blick
die betrübliche Nichtigkeit so vieler Bemühungen, die
gräßliche Leere eines dem Schein geopferten Lebens.

Sich niemals dorthin begeben, wo die
außer Atem geratene Macht ihre letzten Befehle hinschleudert,
heißt denjenigen stehen lassen, der dich erniedrigen und
zermalmen wollte, Auge in Auge mit seinem schlimmsten Feind: sich
selbst.

Die Kunst, sich selbst zu gehören,
dringt nicht in den Raum der anderen vor; sie nimmt eine andere Ebene
des Daseins ein, in der es nicht an Raum fehlt. Sie läßt
den Vorkämpfern des autoritären Verhaltens die Wahl, auf
die eine oder die andere Art zu verschwinden: ihre Zerstörung
als lebende Wesen zu vollenden oder Rollen und Funktionen zu
zerstören, um mit dem Leben anzufangen.

 


Schluß mit dem Triumphgeschrei und dem Wettkampf

Sich jeden Augenblick Zeit nehmen, um
zu spüren, daß man lebt, heißt, von den miteinander
verbundenen Rechten und Pflichten des Gehorchens und des Befehlens
befreit sein. Wer es lernt, jedes alltägliche Vergnügen,
wie gering es auch sein mag, zu ergreifen, der schafft sich nach und
nach einen Lebensraum, in dem er rückhaltlos sich selbst gehören
und vorbehaltlos wahr sein kann; dort wird die Ausübung des
Begehrens zu einer solchen Leidenschaft, daß das lästige
Dazwischentreten einer Sache oder Person sofort an Gewicht,
Wichtigkeit und Sinn verliert.

Das Gefühl der Fülle ist kein
Zustand, sondern ein Werden, kein Betrachten, sondern ein Schaffen.
Das Spiel von Begehren und Genuß setzt eine Perspektive voraus,
in der die Kriterien der Warenwelt und deren zwingende Gründe
nicht in Betracht kommen. Es gibt da eine undeutliche Grenze, die
durch ein sinnliches Wissen an gewissen Zeichen erkennbar sein
sollte. Als einziges Beispiel möchte ich die Unschuld der
glücklichen Kindheit anführen, die das Gesicht der
Liebenden im Augenblick der Liebe erleuchtet, wohingegen die
Autoritätsanfälle, denen sie erliegen, ihren Zügen die
schmerzhafte Verkrampfung des Kindes einprägen, das in seinem
Bedürfnis nach Zärtlichkeit frustriert wird und sich durch
das Gezeter seiner tyrannischen Launen rächt.

Glücklich sein heißt auch,
sich nicht darum kümmern, es mehr oder weniger als ein anderer
zu sein, noch darum, den Beweis zu erbringen oder das Geständnis
abzulegen, man sei es tatsächlich. Das Glück wird schal,
sobald es sich Geltung verschaffen muß. Man braucht dem Gebot
„Nur im Verborgenen lebt es sich gut“ nur den verängstigten
Kleinmut wegzunehmen, der seine treibende Kraft ist, um seine tiefere
Bedeutung zu finden: Nur zu seinem Nachteil stellt sich der Genuß
zur Schau und das Glück schlägt in sein Gegenteil um,
sobald die Überheblichkeit sich seiner bemächtigt. Die
Eitelkeit ist eine Authentizität, die sich gurgelnd entleert.
Nicht das Lebende, nur dessen abgestorbene Hülle widmet sich dem
Ruhm. Die Lust, die sich nicht kostenlos anbietet, ist eine Ware aus
dem Supermarkt.

Sich lieben, heißt nicht, sich
bewundern. Ich habe weder mit einer Waage, die Werte vergleicht,
etwas zu tun, noch mit den Mechanismen der Konkurrenz, wo die
Beziehungen zwischen den Menschen vom Handel mit den Dingen
beherrscht werden.

Wie kann man Vergnügen daran
finden, sich selbst zu gehören, wenn man jeden Augenblick aufs
Podest klettern und sich daran festklammern muß, um nicht
hinuntergeworfen zu werden?

Die Lächerlichkeit, in die der
Geist des Wettbewerbs durch die regelmäßige Schrumpfung
der Märkte hineingezogen wird, macht das Leitmotiv der
herkömmlichen Erziehung – „Der Beste soll gewinnen!“ –
nur noch unsinniger und widerwärtigen Siege braucht das Kind
weder über sich selbst noch über die anderen: Es sind doch
nur Niederlagen, die seiner Fähigkeit zu lieben und geliebt zu
werden schmerzlich beigebracht werden, sie flößen ihm
Angst ein zu genießen, da der Genuß in einer
Gesellschaft, in der alles gewogen, gekauft, geliehen, zurückgegeben
und bezahlt werden muß, durch seine natürliche
Kostenlosigkeit eine Schwäche und eine Schuld ist. Wie eine
tüchtige Frau einmal sagte: „Man darf keine Liebe machen,
wenn man Geschäfte macht – sonst verliert man die Kampflust.“

 

Angst und Aggressivität nehmen mit dem Preis ab,
den die Gesellschaft für Verbote und deren Überschreitung
festsetzt.

DAS
ENDE DES RICHTERS UND DES SCHULDIGEN

Durch den Freihandel werden die alten
Schutzwälle der Agrarstruktur vollends niedergerissen und jede
Bresche bringt eine neue Idee der Öffnung und der Freiheit in
Mode.

Die archaischen Gesellschaften umgaben
ihre Felder, ihre Güter, ihre Städte, ihre Nationen mit
schützenden und zugleich unterdrückenden Mauern. Die
moderne Warengesellschaft hat es unternommen, sie zu schleifen.

Die Städte haben ihre Ringmauern
verloren und die Grenzen verblassen langsam. Sind also nun die
letzten blutigen Seiten des Epos der Ware umgeschlagen?

Der erste Weltkrieg und das
Wiederaufflammen seiner schlecht gelöschten Glut im Jahre 1940
scheinen das letzte Toben des Protektionismus zu kennzeichnen, dieses
Rückschritts des Handelsgeistes zur Agrarmentalität.

Der turbulente Übergang vom
Privat- zum Staatskapitalismus hat den Aufbau und den Zusammenbruch
der totalitären Festungen des Nationalsozialismus und des
Bolschewismus erlebt.

Die heutigen Straßen, wie sehr
sie immer noch mit Illusionen vernebelt sein mögen, durchziehen
Europa in größerer Freiheit. Eine gebührend
anerkannte Nachlässigkeit verspottet die alten Verbote und die
nach altem Brauch gegen sie verstoßende Gewalt.

 

Der Friede des
Tausches

Ein immer weitgehender gemeinsamer und
allgemeiner Markt rühmt die Freiheiten eines Handels, der keine
Richtung und keinen Gegenstand ausschließt und sozusagen den
Meinungen und dem Gewissen der Menschen seine Aufgeschlossenheit
verleiht. Ein Friede des Tausches erfüllt allmählich die
gesellschaftlichen und internationalen Beziehungen, beseitigt wie es
gerade kommt die Zusammenstöße zwischen den Völkern
und die Revolutionen nach altem Muster, indem er den Fisch der
Revolte im Wasserglas des Palavers ertränkt.

Alles schwimmt in einer scheinbaren
Verbindung von sich derart auflösenden Interessen, daß sie
sogar den Gedanken entmutigen, man könne noch um ihre
Verteidigung oder ihre Forderung kämpfen.

Das, was sich eigentlich in dieser
hochindustrialisierten Gemeinschaft verkörpert, in der das
Waffengetöse vor dem Dialog und der chauvinistische Arschwisch
vor der hygienischen Fahne des Roten Kreuzes zurückweicht, ist
der Triumph der Warenuniversalität, das Reich des Tauschwertes,
der Triumph des glücklichen Denkens, das über ein nicht
vorhandenes Glück herrscht.

Jene Transparenz, auf die sie stolz
sind, ist nicht die Transparenz des Menschlichen, sondern diejenige
der Mechanismen, die das Menschliche denaturieren. Gestern noch hätte
ich einen solchen Betrug entlarvt, um die Schmach noch schmachvoller
zu machen; da er sich aber heute selbst entlarvt, freue ich mich
vielmehr, daß er in jedem einzelnen die Triebkraft des Lebenden
und den ökonomischen Reflex, der diese Triebkraft tötet,
direkt gegenüberstellt.

 

Das, was sie „Laxheit“ nennen, ist die
Herabsetzung der Verbotsschwelle unter dem Druck eines hedonistischen
Marktes, der die Überschreitung legalisiert.

Wie
der Preis der Sünde demokratisch wurde

Eine unsittliche Handlung, die Macht
und Profit verschafft, ist keine Unsittlichkeit, sondern ein
einträgliches Geschäft. Niemals hat die Ökonomie etwas
vernachlässigt, wovon sie sich einen materiellen und geistigen
Nutzen erhofft hat.

War die Religion nicht eigentlich das
erste Unternehmen, das mit der abgefeimten Behandlung der Verdrängung
und der Abreaktion der Triebe gedeihen konnte? Sind die natürlichen
Freiheiten einmal den Anforderungen der täglichen Arbeit
unterworfen, dann ist es eine Sünde, ihnen nachzugeben – eine
Sünde gegen den Geist der Ökonomie. Sehr früh hat der
Priester es verstanden, sich zum Kontrolleur und Buchhalter der
„menschlichen Schwäche“ zu machen. Er lauert auf den
Rückfall des Menschen in die Animalität und stellt sich am
Ausgang auf, um den Preis der Buße und der Erlösung
auszuhandeln. Wen wundert es, wenn die Römische Kirche, die die
Krämertugenden des Römischen Reiches geerbt hat, dermaßen
die Fehlbarkeit des von Versuchungen heimgesuchten Menschen betont?
Je mehr der Sünder erliegt, desto besser bezahlt er die Gebühr,
die ihm das Seelenheil gewährt, mit Geld, Gehorsam und ergebenem
Schwachsinn. Leider sind die religiösen Angelegenheiten, seit
die irdische Ökonomie die himmlische verschlungen hat, in
profane Hände gefallen, die sich weniger um geistliche Hilfe als
um geldwirtschaftliche Wirklichkeit kümmern. Es hat genügt,
daß die Lust in die Demokratie der Supermärkte eindringt,
damit asketische Erlösungsformeln, bei denen man blechen und
sich gleichzeitig an die Brust schlagen mußte, außer
Gebrauch kommen.

Nicht die wissenschaftliche Vernunft
hat den religiösen Obskurantismus hinweggefegt, sondern das
keinen Widerspruch duldende Recht des Umsatzes. Es ist befugt, alles
zu bevorzugen, mit Ausnahme der Kostenlosigkeit. Es stellt ein in
konsumierbare Waren zerlegtes und für jeden erschwingliches
Glück zum Verkauf Es hat für eine Befriedigung zu niedrigen
Preisen ein ganzes Sortiment von Wünschen erdacht, die künstlich
einer blendenden Technik des Wohlbefindens nachgebildet sind. Es hat
den Triumph der automatisierten Autonomie programmiert: Sexshops,
Quickdinners, Vibratoren, Peepshows, Fernsehapparate,
Kontakt-Videoclips, soziale, kulturelle und psychologische
Selbstbedienung.

Entscheiden wollen, ob dies gut oder
schlecht sei, hieße vergeblich streiten, da das Leben anderswo
ist. Sicher ist, daß die alte Tyrannei von Altar und Pflug in
Europa durch eine formale und kommerzielle Freiheit verdrängt
wurde, die den Warenhumanismus zu einem hohen Entwicklungsgrad
geführt hat, nämlich zu einer Auffassung, die dem Menschen
dieselben Rechte wie einem Wertgegenstand zugesteht, nicht mehr und
nicht weniger. Das ist viel, wenn man an so viele geopferte
Generationen denkt und an die unzähligen Menschenleben, die
verkürzt wurden, weil sie weniger als eine taube Nuß wert
waren. Das ist andererseits zu wenig für denjenigen, der meint,
sein Leben sei einmalig und könne weder bezahlt noch getauscht
werden.

In der Folge sind jedoch viele Ängste,
Frustrationen, aggressive und tückische Verhaltensweisen dabei
auszusterben. Die hedonistische Kundschaft, offen und beinahe
staatlicherseits animiert, im Vorbeigehen skrupellos und schamlos die
Schüssel zu ergreifen, die mit Erotik, quantifizierter
Leidenschaft und informatisierten Bekanntschaften gefüllt ist,
lernt, die Ängste und Schuldgefühle abzuschütteln, mit
denen der religiöse und moralische Wundbrand die geringsten
Befriedigungen unlängst noch geschwärzt hat.

Allerdings müssen diese
Freiheiten, die nur Freiheiten des Marktes sind, bezahlt werden. Die
meisten Überschreitungen genießen eine offizielle
Anerkennung, es genügt, die Rechnung zu begleichen.

Dennoch ist die Angst zu genießen
nicht verschwunden, sie wurde bloß auf die Zahlungsbilanz
verwiesen, während die Strenge der Verbote gleichzeitig
nachließ, damit man sie ratenweise überschreiten kann.
Letzten Endes taucht die absolute Steuer immer auf, die nicht zu
tilgende Schuld eines Lebens, das so lange ökonomisiert wird,
bis ihm nur noch der Tod in den Knochen steckt.

 

Je weniger sie das Bedürfnis spüren, sich
gegen sich selbst zu schützen, desto mehr kommen sie ohne den
Schutz der anderen und gegen die anderen aus.

Die Öffnung

Die Mauern der Hochburgen, hinter denen
sich Individuen und Völker so lange verschanzten, sind
vollgesogen mit Angst und Vertrauen. Das Schicksal der Nationen, der
Städte und der Menschen lavierte zwischen Zutrauen und Argwohn,
Ehrlichkeit und Lüge, Verrat und Treue. Die Menschen der
Ökonomie haben List und Unruhe, die bei den Tieren als
Dauerzustand herrschen, in sich selbst und in ihre Gesellschaften
eingeschlossen.

Nun unterscheidet sich die Bedrohung,
die sie dem außerhalb der Schutzwälle stehenden Fremden
zuschreiben, nicht wesentlich von jener; die sie im Innersten spüren:
jene Bewegung des Körpers zum Genuß hin, die unterdrückt
wird, weil sie die Zivilisation der Arbeit bedroht.

Der Schutz der Götter und der
Herren, den sie durch ihre Schreie und ihre Opfer herbeiriefen, war
niemals etwas anderes als ein Schutz gegen sich selbst, gegen das
natürliche Verlangen. Ein‘ feste Burg ist unser Gott!

Die Sintflut der Ware hat die Mauern
der Agrarmentalität und des Protektionismus dem Erdboden
gleichgemacht; sogar der Charakterpanzer zeigt Risse und öffnet
sich. Wir wissen zwar, daß ein anderer Kreis sich bildet, um
das Reich der Ware an seinen neuen Grenzen zu schützen, die
Angst hat jedoch für einige Zeit ihre Umklammerung gelockert.

Immer wieder hat alles, was sich
verschließt, nur die Dinge auf Kosten der Menschen geschützt.
Es gibt weder eine Familie noch eine Gesellschaft, die nicht nach Art
einer Mafia funktioniert: Immer geht es darum, die Angst vor dem,
„was passieren kann“, zu verbreiten, um mit mütterlicher
Fürsorge das Schutzmittel gegen die Gefahren zu verkaufen, die
auf das Kind, den Bürger, die Nation lauern.

Die meisten Tyranneien haben mit einer
Verbesserung der allgemeinen Lage angefangen, um auf die übliche
Herrschaft einer schützenden Macht und einer geschützten
Dummheit hinauszulaufen. Dieses Phänomen wird heute besser
wahrgenommen, weil einerseits der Schutz, der von der Ökonomie
gegen die vermeintliche Feindlichkeit der Natur gewährt wird,
immer verdächtiger erscheint. Andererseits zeigt ein besseres
Wissen vom Kind, wie die Liebe, die seine Autonomie zu stärken
half, sich allmählich ökonomisch gestaltet: Sie wird
gegen Zinsen ausgeliehen, gegen Fügsamkeit gewährt und
verwandelt die schützende Fürsorge in eine Neurose der
Macht.

Wenn das Feilschen um Gefühle die
kostenlose Liebe dem Gesetz von Angebot und Nachfrage unterwirft,
reproduziert die Trennung von Genuß und Arbeit im Kind den
Ursprung der hierarchisierten Macht.

 

Das Schwinden
der Angst

Solange die Macht der Könige und
der Republiken ihr Ansehen bewahren konnte, waren das Überleben
des Menschengeschlechts und die Sicherheit des Daseins nützliche
Vorwände, um eine Angst zu verbreiten, die der Staatskasse
Steuern und Unterwerfung eintrug. Von nun an fällt die Saat der
Angst auf einen unfruchtbaren Boden; sie gedeiht für die Dauer
einer Pressekampagne und stirbt dann ab.

Schaut euch die Verwirrung im großen
Gruselkabinett der Armeen an! Sie stehen da und haben keinen Krieg
vorzubereiten, keinen Aufstand niederzuschlagen und nicht einmal
einen Generalstreik zu brechen. Sie sind darauf beschränkt, als
Schaufenster eines Rüstungsmarktes zu dienen, der durch den
Mangel an ernsthaften Konflikten immer mehr bedroht wird, und ihre
Abschreckungskraft schreckt nicht einmal mehr vor der Lächerlichkeit
ab.

Mitunter verfällt sogar die
Polizei darauf, den Todesgeruch zu vertreiben, mit dem die Militärs
der entwaffneten Menge das Gefühl von Sicherheit zu geben
wissen.

Die Vorstellung, daß Verbrecher
und Polizist zwei einander ergänzende und austauschbare, auf
demselben Willen zur Unterdrückung zugeschnittene Rollen sind,
hat nicht wenig dazu beigetragen, den einen wie den anderen von dem
Haß und der Bewunderung zu säubern, die sie sich von ihren
jeweiligen Anhängern und Gegnern zugezogen hatten. Der Kurs der
Mörder von Tyrannen, Ministern, Bullen und Militärs, denen
die Fraktion der Aufsässigen gestern noch Beifall spendete, ist
in dem Maße gefallen, wie die Vorstellung, die man von ihnen
hatte, mit der ihrer Opfer verschmolz. Sie wurden nicht nur
verdächtigt, in diesem oder jenem Regime der Zwangsfreiheit nach
dem Amt zu streben, das sie eben vakant gemacht hatten – nein, der
Mordreflex ist es, der mißfällt: Sie haben dieselbe
Verachtung für das Leben wie diejenigen, die ihnen
gegenüberstehen.

Man muß sich selbst abgetötet
haben, um den Tod des Nächsten zu fordern. Vor allem dann, wenn
das allgegenwärtige Dahinsterben der Epoche einen solchen Grad
der Macht und der Schwäche zugleich erreicht, daß das
Leben sich überall im Bewußtsein und den Verhaltensweisen
als die einzige wahrhaft menschliche Wirklichkeit ausbreitet – als
die einzige Wirklichkeit, die einen Gebrauchswert hat.

Ich will damit aber nicht gesagt haben,
daß ich, der ich nach der Beseitigung der Macht, der Armee und
der Polizei in all ihren Erscheinungsformen trachte, deren
Verschwinden wie durch einen Zauberschlag vor mir sehe. Ich weiß
wohl, daß das Reich der Ökonomie bei seinem Zusammenbruch
diejenigen mitzureißen droht, die sich aus Gewöhnung und
einer gewissen Müdigkeit, „anderswo zu suchen“, an die
brüchigen Wirklichkeiten der alten Welt klammern. Das, was
seinem Ende entgegengeht, läßt immer die Gespenster der
Vergangenheit wiederaufleben und die Wahl eines nahen Todes mag über
die Anstrengungen siegen, die die Wiederherstellung eines Willens zum
Leben erfordert.

Ich will jedoch auf die neue Unschuld
setzen und keinen Tag vergehen lassen, ohne mich ihr, besonnen oder
verrückt, zu widmen; dabei räume ich ein, daß ich
mich mit Zeichen zufrieden gebe, die meine Überzeugung – oft zu
Recht, manchmal auch zu Unrecht – bekräftigen. So ist es mir
nicht gleichgültig, daß die EItern sich mit der Kindheit
vertraut machen und daß die Gründe des Herzens sich hier
und dort gegen den Geschäftssinn durchsetzen. Mit Vergnügen
höre ich die Stimmen, die die Chefs ablehnen und die Autonomie
in Konflikten fordern, die nach alter Sitte von
Gewerkschaftsbürokraten kontrolliert werden; sogar die noch
ungewohnten Stimmen, die sich aus den Reihen des Richterstandes und
der Polizei erheben, um das Amt zu entmilitarisieren und dem
Verbrecher nicht mehr die Strafe, sondern irgendein Verfahren
vorzuschlagen, im Sinne des Lebenden das zu verbessern, was aus
Unkenntnis und Verachtung des Lebens begangen wurde.

Nicht durch Spott, sondern durch das
Wörtlichnehmen wird man verhindern können, daß die
Aufrufe des Menschlichen zu einem abstrakten Diskurs werden und sich
durch die Tatsachen verleugnet sehen.

 


Gegen den Rückgriff auf die Angst in der Ökologie

Die Angst dringt in dem Augenblick in
das Herz des Menschen ein, wenn er daran gehindert wird, zu sich
selbst zu kommen. Damit meine ich, daß er die
schreckenerregende Tierwelt nur verläßt, um dem Schrecken
eines gesellschaftlichen Dschungels zu verfallen, in dem es ein
Verbrechen ist, sich frei und großmütig, der menschlichen
Natur entsprechend, zu verhalten.

Indem sie das Überleben der ganzen
Erde bedroht, löst die Ökonomie eine wesentliche Angst aus.
Während sie sich einerseits als Garant des Wohlstands ausgibt,
hält sie andererseits all jene in ihrer Falle gefangen, die
versuchen, einen anderen Weg zu wählen, sei es die
Unabhängigkeit des Kindes oder die Förderung natürlicher
Energien.

Als ökonomisches Argument besteht
die Angst darin, Türen und Fenster zu verriegeln, während
der Feind schon im Hause steht. Sie macht die Gefahr größer
unter dem Vorwand, vor ihr zu schützen. Furcht vor einer zur
Wüste gemachten Erde, vor einer systematisch ermordeten Natur
einzujagen – ist dies nicht noch einmal eine Art, sich in dem Kreis
einzumauern, den die allumfassende Ware verschmutzt hat, um darin
zugrunde zu gehen?

Indem die Warenexpansion die
Schutzwälle der Agrargesellschaft zerstört hat, um sie
weiter weg an den Grenzen der Rentabilität wiederaufzubauen, hat
sie die Herde der Ängste an der Trennungslinie zwischen einer im
Sterben liegenden Welt und einer zu neuem Leben zu erweckenden Natur
wieder zusammengetrieben.

Das Bedrohliche an der Angst vor dem
Tod, welche die Menschen bis in ihre selbstmörderischen
Kühnheiten hinein verdummt, ist die Tatsache, daß sie
ursprünglich eine Angst vor dem Leben ist. Entschlafen, die
Schwelle des Todes überschreiten, das gehört so sehr der
Logik der Dinge an, daß die Menschen, reduziert auf die
Gegenstände, die sie produzieren, paradoxerweise mehr Sicherheit
und Zuversicht darin finden als in dem Entschluß, mit dem Leben
anzufangen und sich von den eigenen Genüssen leiten zu lassen.

Die Angst vor einer ökologischen
Apokalypse vertuscht die Chance, die sich der Natur und der
menschlichen Natur bietet.

 


Natürliche Angst, denaturierte Angst und menschliche Behandlung
der Angst

Der Angst wie der Krankheit ist
gemeinsam, daß beide der Sprache des Körpers angehören.
Die Angst warnt den Körper vor den Gefahren, denen er ausgesetzt
ist. Ist es nicht ein sonderbares Verhalten, ihre Ursache und ihre
Wirkungen durch die wilde Flucht – oder jene Mut genannte Flucht nach
vorn – zu vergrößern, anstatt sich gegen die angekündigten
Risiken schützen zu lernen? Diejenigen, die einen vertrauten und
liebevollen Umgang mit wilden Tieren pflegen, wissen, wie sehr eine
Reaktion der Furcht den Schrecken und folglich die Aggressivität
des Tieres verstärkt, auf das sie gestoßen sind. Spricht
man es dagegen ruhig und mit der Stimme des Herzens an, so wird das
Tier besänftigt und die Unruhe, die bei dieser traditionell
durch Mißverständnis und Verachtung geprägten
Begegnung entsteht, läßt nach.

Das ist Orpheus‘ Geheimnis: Die Poesie
ist die Sprache der Gefühle, sie stellt die Harmonie her, da sie
die elementaren Rhythmen, die das Herz der Natur schlagen lassen,
aufnimmt und sich zu eigen macht.

Dies ist das Geheimnis, das denen
zugänglich ist, die sich heute mit Kindern vertraut machen,
diesen kleinen, der Humanisierung entgegengehenden Tieren, die bisher
nur die Herrschaft des Jägers und des Gejagten, des Bändigers
und des Gebändigten, des Knüppel- und des Prankenhiebes
erlebt haben.

Das Ende des Feilschens um Gefühle
– d.h. der ökonomisierten, unter die Vormundschaft der Ökonomie
gestellten Liebe – hat einige Aussicht, jene Angst im Bauch
auszurotten, die von der Wiege bis zur Bahre am Leben nagt, seit die
tierischen Triebe unterdrückt statt menschlich verfeinert
werden.

Die Furcht besiegen heißt, sie
noch anerkennen und dann austreiben, indem man sie auf die anderen
projiziert. Es geht aber vielmehr darum, ihre neurotische Verankerung
aufzuheben – im Körper die Angst auszumerzen, die aus den
Wechselfällen der Liebe und der Verleugnung des Genusses
entsteht.

Man weiß nun, wie weitgehend die
Furcht die Gefahr hervorruft, vergrößert und angesichts
der Machtlosigkeit und der Schwäche anlockt, in die sie jeden
führt, als stieße sie ihn in die nächtlichen
Schrecken der frühen Kindheit zurück. Fürwahr ein
schönes Wissen, alles über den Blitz und seine Wirkungen zu
kennen, und auf dem Gebiet der existentiellen Angst immer noch unter
einen Baum zu laufen, um sich vor dem Gewitter zu schützen.

Die Angst wird mit der Abhängigkeit,
die sie übermäßig wachsen läßt,
verschwinden, weil die Macht damit auf ihre Rechnung kommt. Nur die
Autonomie, die der Kindheit bei der Verfeinerung ihrer Genüsse
teilweise angeboten wird, kann die Furcht auf ein Signal reduzieren,
das zuerst vom Willen zum Leben und nicht mehr vom Todesreflex
wahrgenommen wird.

 

Handel und Industrie haben der im Schnellverfahren
tätigen Justiz der Agrargesellschaften eine menschliche Form
verliehen.

Die Justiz

Nachdem die Menschen der Ökonomie
ihr privates und öffentliches Leben von einem System abhängig
gemacht haben, in dem alles bezahlt wird, wäre es überaus
erstaunlich, wenn sie ihre Bräuche, ihre Gedanken und ihre
Gesten außerhalb der Bilanz von Kredit und Mißkredit, von
Aktiva und Passiva, außerhalb einer Buchführung von
Verdienst und Verfehlung entwickeln könnten.

Ihre Auffassung von Justiz geht ganz im
Prinzip der Tauschbeziehungen auf.

 

Justiz und Willkür

Der Kampf der Gerechtigkeit gegen die
Willkür folgt den Spuren des Guerillakrieges, der vom bewußten,
aufgeklärten Handel immer gegen die fortschrittsfeindlichen
Mächte von Grund und Boden geführt worden ist.

Die Laune der Tyrannen, die
ausgeklügelte Grausamkeit der Foltern, die Unbarmherzigkeit der
Strafen, die Herrschaft der Ungerechtigkeit drücken im Blutopfer
der Vergeltung ihr Siegel auf die Geschichte der Gesellschaften, in
denen die Landwirtschaft vorherrscht oder weiterlebt. Die
orientalischen Gewaltherrschaften, die Feudalsysteme, die modernen
Diktaturen, welche die Rückkehr zum ländlichen Leben
rühmen, die unter dem Mangel an „Lebensraum“ leidenden
protektionistischen Systeme, die starr im archaistischen Denken
steckenden Bauerngemeinschaften – all das, was die
Belagerungspsychose einer ganzen Nation, die Identifizierung mit
einem Gebiet, die Abkapselung im Eigentumsrecht und der
Charakterpanzer an Frustrationen und Ängsten, an Wut und
fanatischem Haß erzeugen, hat sich von einem Jahrhundert zum
anderen in einer Welle von Massakern, Holocausts, Völkermorden,
Autodafés, Pogromen, Racheakten und alltäglichen
Greueltaten entleert.

Dagegen gibt es keine „vom
strahlenden Glanz des Handels umgebene und von den Palmwedeln der
Industrie gekrönte“ Epoche, die gegen die Rituale
massenhafter Sühne nicht einem rationalen Bemühen zum Sieg
verholfen hat, mit dem menschlichen Kapital sparsam zu sein – nicht
um die menschliche Natur, sondern um die Kraft zu schonen, die die
Arbeit aus ihr schöpft, um den Fortschritt der Ware zu sichern.
Die Justiz wird mit dem Aufstieg des Humanismus humaner, und der
Humanismus ist die Kunst, den Menschen zu ökonomisieren, um aus
ihm einen dauerhaften Profit zu ziehen.

 

Die
Ökonomie erspart die Unterdrückung

Wenn der Zug der Justizgreuel samt
Folterungen und Hinrichtungen sich langsam entfernt, verdanken wir
das mehr der Herrschaft der Rentabilität als dem wirksamen
Einfluß empfindsamer Seelen.

Warum sollte man Tausende von
Aufständischen niederschießen, wenn es zur
Wiederherstellung der Ordnung genügt, zehn Menschen an die Wand
zu stellen? Die aufgeklärte Justiz straft wie die Mafia nur mit
Bedauern, d.h. im höheren Interesse der Geschäfte.

Überdies wird dem Schuldigen eine
sorgfältigere Behandlung zuteil, seitdem die Arbeit für die
Konsumtion die Arbeit für die Produktion überlagert. Die
Peitsche der Notwendigkeit schlägt weniger zu, sie hält
vielmehr das Zuckerbrot der Verführung bereit. Seit das
Neonlicht der Supermärkte sicherer als das Bajonett in die
Fabrik führt, gibt sich die Justiz wie ein Kundendienst oder
eine Rechtsabteilung.

Der Schuldige ist ein Kunde, der gegen
die bei seiner Geburt zwangsweise eingegangenen Verpflichtungen
verstoßen hat, und dem nun Zahlungserleichterungen eingeräumt
werden. Das dem Tausch innewohnende Schuldgefühl hat seine
Dramatisierung und sogar jene Unwürdigkeit eingebüßt,
die man damals bei der Vorstellung empfand, man wäre seine
Schuld gegenüber Gott, dem König, der Sache, der Ehre und
sonstigen Lappalien nie genug losgeworden. Mag der himmlische Pomp
von Opfer und Erlösung noch so sehr das prunkhafte Possenspiel
der Gerichte mit Hermelin und Purpur färben – trotzdem gewinnt
das Gefühl die Oberhand, die Justizmaschinerie sei nichts mehr
und nichts weniger als eine Registrierkasse, an der die Schuld mit
Geldstrafen und Gefängnisraten beglichen wird, so wie die
Lohnarbeit die Rechnung für die konsumierbaren Lüste
bezahlt.

Im Vergleich zu den Ländern, wo
Gulags und kirchliche Verliese in Gebrauch waren, und im Hinblick auf
die Epochen der Verbrennungsöfen und der Scheiterhaufen ist der
Fortschritt offenkundig. Wie kann man sich jedoch mit einer
demokratischen Justiz zufriedengeben, die jede Hoffnung auf Milde
unter der stillschweigenden Bedingung erlaubt, daß man sich
schuldig fühlt? Die Unmenschlichkeit ist so eingerichtet, daß
die errungenen Vorteile die Nachteile, die beseitigt wurden, fast
immer unvorteilhaft ersetzen. So sieht man, wie die Menschen der
Ökonomie in dem Maße, wie die Justiz ihre Strenge mildert,
sich selbst für Fehler strafen, die sie sich insgeheim zur Last
legen, und das Schafott durch Selbstmord, die Folter durch Krankheit,
den Pranger durch Angst ersetzen.

 

Die humanistische Justiz ist durch den Fortschritt vom
Recht des Sündenbocks zum Recht der Vergeltung entstanden.

 

Die Tauschbeziehung ist darin eine
Stütze der Zivilisation, daß sie das Recht des Stärkeren
auf die gewinnbringende Ausbeutung des Schwächeren beschränkt.
Die dem Sklaven eingeräumte Überlebenszeit geht niemals
über die Dauer des Profits hinaus, den er seinem Herrn sichert.

Die Allgegenwart des Tausches ist jenes
Gespenst der immanenten Gerechtigkeit, das zwischen dem schlimmsten
aller Tyrannen und dem bedeutungslosesten seiner Untertanen
auftaucht, um das Übermaß an Macht und das Übermaß
an Unwürdigkeit zu mildern. Das, was sie der Nachsicht der
Götter und der Gnade der Fürsten zugeschrieben haben,
gehörte der gemäßigten Ökonomie an. Die
Geschichte der menschlichen Emanzipation hat niemals Freiheiten
bestätigt, die nicht Quellen vergrößerter Einkünfte
gewesen sind. Die Justiz hat sich zusammen mit dem Preis der Waren
demokratisiert.

 

Die
Segnungen der Warenexpansion

Der Widerspruch zwischen dem Archaismus
des Ackerbaus und der Modernität der Warenexpansion beherrscht
die Entwicklung einer etwa zehntausendjährigen Zivilisation.

Die bäuerliche Gemeinschaft steht
im Herzen der ursprünglichen Aufopferung wie im Herzen eines
Wirbelsturms. Der Verzicht auf sich selbst – ohne den die Arbeit die
natürliche Materie nicht ausbeuten könnte, um aus ihr einen
Gegenstand des Tausches herauszuholen – hat niemals aufgehört,
um sich herum eine Zerstörungswut zu verbreiten, die sich im
selben Maßstab steigert wie das Verbot, das gegen das Verlangen
ausgesprochen wird, zu schaffen und sich selbst zu schaffen.

Das Gold, die Gedanken, das Brot, der
Wein gehören dem Handel der Menschen und der Dinge an, der sie
verteilt. Sie sind vorher am eigenen Leib durch die tägliche
Kastration der Begierden, durch die auf unmittelbaren Nutzen
gerichtete Folterung der Natur bezahlt worden. Ist von einer solchen
Behandlung zu erwarten, daß sie zur Liebe, zur Zärtlichkeit
und zur Großzügigkeit anregt? Macht sie nicht im Gegenteil
klar, warum Männer und Frauen, deren Wesen so schmerzhaft
angegriffen wird, das Unbefriedigtsein, zu dem sie ihre Arbeit
verdammt, durch ein Sühneopfer, durch einen Sündenbock zu
befriedigen trachten? Ist es verwunderlich, wenn diejenigen, die mit
Warnschüssen und der Peitsche der Predigt zur Ordnung gerufen
und zur Angst vor dem Genuß getrieben werden, steinigen,
lynchen, foltern und sich dem Rassismus, Mißhandlungen und
Ausgrenzungen jeglicher Art hingeben, wenn der Stachel der Strenge,
des Verdienstausfalls, des gefährdeten Vaterlandes, der
bedrohten Vorrechte sie im Gechlecht sticht?

Wer entrüstet sich über solch
einen Zustand der Grausamkeit, der Barbarei und des Obskurantismus?
Die Männer des einträglichen Dialogs, der rentablen
Aufgeschlossenheit, die Männer der Modernität. Mehr als die
Großzügigkeit bestimmt der Profit, daß
Kriegsgefangene gegen Lösegeld ausgetauscht oder als Sklaven
verkauft und nicht bis zum letzten gefoltert werden, indem man die
auf sie ausgestellten Wechsel der Rache einlöst. Gerade hier hat
der Humanismus seinen Ursprung.

Im Vergleich zum blinden Opfer des
Sündenbocks und der besiegten Völker kennzeichnen die
Gesetze der Vergeltung und die absolute Gerechtigkeit des „Auge
um Auge, Zahn um Zahn“ den Fortschritt des rationalen Tausches
gegenüber der brutalen Kompensation der Abreaktion. Im Gegensatz
zur agrarischen Unbeweglichkeit gehört es zur Logik des
Tausches, sich zu weniger primitiven Formen weiterzuentwickeln, für
die das Geld ein Prinzip universaler Vernunft, ein Eichmaß der
Aktiva und Passiva, eine behördlich anerkannte Waage wird, auf
der das Für und Wider abgewogen wird.

Dem Blutbad als Sühne ist die
Justiz abgeneigt, weil sie darin nur eine sinnlose Verschwendung
entdecken kann. Ist es nicht geradezu amüsant, wenn die Sprache
der Kriminologie den Mord, der viel einbringt, als interessant und
eigennützig, den mit dürftigem Ertrag als gemein und jenen
als willkürlich bezeichnet – mit dem diesem Wort innewohnenden
Abscheu -, durch den sich der Täter für die eigenen
Frustrationen und Demütigungen bei einem Schwächeren
schadlos hält, als wäre er bei der irrationalen und
tierischen Form des Tausches stehengeblieben?

 

Lob des Humanismus

Die Humanisten machen es sich zur
Pflicht, das Grundprinzip des Tausches, das Prinzip der
Denaturierung, zu ignorieren: die notwendige Umwandlung der
Lebenskraft in Arbeitskraft. Dagegen sind sie unermüdlich auf
dem Gebiet der Bequemlichkeiten und der Erleichterungen, die durch
den Handel und seine Philosophie im Laufe der Jahrhunderte in die
unmenschliche Aufopferung des Menschen zugunsten der Ökonomie
eingeführt worden sind.

Durchdrungen von dem Licht, das die
universale Ware in alle Ecken der Welt trägt, preisen sie
allenthalben die Größe und die Vortrefflichkeit des
Menschen, der an ihrer Vervollkommnung arbeitet. In einem gewissen
Sinne – d.h. in ihrem – sind sie nicht im Unrecht.

Unbestreitbar hat die Idee eines für
alle angemessenen Profits die Errungenschaften der demokratischen
Rechte gefestigt, sein Gesetz dem Recht des Stärkeren
aufgezwungen, die Ungerechtigkeiten und die Unzufriedenheiten
gemildert und den Frieden in die gesellschaftlichen Wirren
divergierender Interessen zurückgebracht. Wer sollte sich über
die Freiheiten beklagen, in deren Schatten es erlaubt ist, ohne allzu
große Furcht zu lieben, zu trinken, zu essen, zu sprechen, zu
denken, seine Meinung zu äußern, den Ort zu wechseln, zu
atmen? Weiß ich nicht selbst zur Genüge, daß ich
sonst nicht schreiben könnte, ohne der Gefahr der Zensur und des
Scheiterhaufens ausgesetzt zu sein?

Ich spotte nicht über das, was
innerhalb ihrer Begrenzungen erlaubt ist, ich lehne nur ihre Grenzen
ab, die nicht diejenigen des Menschlichen, sondern die des Lukrativen
sind. Ich werfe ihnen vor, allem Anschein zum Trotz weder gegeben
noch erworben zu sein, sondern im Verwirklichungsprozeß der
Ökonomie zu entstehen, sich zu gestalten und sich aufzuzwingen.
Ich nehme es diesen Freiheiten übel, niemals über den
freien Güterverkehr hinauszugehen, sondern sich auf das Recht zu
beschränken, zu verkaufen, zu kaufen und gemäß
Angebot und Nachfrage Dienst zu tun. Wer zugibt, daß man für
derartige Gefälligkeiten bezahlen muß, erkennt auch, wie
bald sie sich als solche verleugnen.

Nicht ohne Betrug lassen sich die in
den autoritären und bürokratischen Verhaltensweisen
enthaltene Politik des Sündenbocks sowie der Fremdenhaß,
der Rassismus, das Sektierertum mißbilligen, wenn man es nicht
der Mühe wert hält, die ökonomische Herrschaft zu
brechen, die das Begehren an seiner Wurzel bricht. Solange diese
Wunde des Seins, die Wunde des geschundenen Genusses, nicht heilt,
läßt die große Beschwörung des Todes die Tränen
und das Blut, die von jedem vergossen werden, über die anderen
kommen. Hütet euch zu vergessen, daß es in dem festlichen
Palast, in dem die Menschenrechte von der üppigen Geselligkeit
der Ware gefeiert werden, einen Keller gibt, der jederzeit als
Gaskammer benutzt werden kann.

 

Der Tod ist die wahre egalitäre Justiz, so wie die
Ware das Ende des Menschen ist, der sie erzeugt. Das, was lebt,
entgeht dem Gerechten wie dem Ungerechten, weil es der Ökonomie
entgeht.

Der
Kampf gegen die Ungerechtigkeit

Der Kampf gegen die Ungerechtigkeit hat
aufgehört, das zu verheimlichen, was er immer gewesen ist: die
Eroberung einer Ware durch die Menschen, die ihrerseits durch die
Ware erobert werden, und der Ersatz der lebenden Wirklichkeit, die
die Ware aufbraucht, durch eine menschliche Form – eine
Abstraktion.

Soll ich mit Forderungen bewaffnet auf
die Straße gehen? Wozu? Um Rechte zu verlangen, die mir zum
Preis eines neuen Verzichts zugestanden werden, mich auf meine Kosten
bereichern und mir ein ärmeres Leben hinterlassen?

Jahrhundertelang haben die Leute für
die Gleichheit gekämpft, und sie werden sich heute bewußt,
daß die einzig wirkliche Gleichheit in der allen aufgezwungenen
Pflicht besteht, sich aufzuopfern, um zu arbeiten – für nichts
oder für fast nichts zu arbeiten, da Hab und Gut vom Untergang
bedroht sind, die Macht lächerlich macht und das Überleben
nur Langeweile ist.

Mich geht nur die Schaffung einer Welt
etwas an, in der man nicht mehr bezahlen muß.

 

Die Arbeit und
der Tod

Früher trösteten sie sich
über die qualvolle Ungerechtigkeit hinweg, indem sie sich auf
den für alle – ob reich oder arm, groß oder klein,
glücklich oder unglücklich, mächtig oder elend –
bestehenden Zwang zu sterben beriefen. Durch den Tod ging der Traum
einer egalitären Justiz in Erfüllung.

Da die Arbeit jetzt als alltäglicher,
allumfassender Verlust des Lebens empfunden wird, scheint zwischen
der Gleichheit vor dem Tod und dem gleichen Zwang, jeden Tag zu
opfern, nur der Unterschied zwischen Barzahlung und Zahlungsaufschub
zu bestehen. In der heutigen, für den Euphemismus so günstigen
Zeit, bedeutet Aufschub sogar Erleichterung.

Ihre Gerechtigkeit fällt in den
Bereich der Euthanasie, bei der die gerechte Verteilung von Rechten
und Pflichten wie eine tödliche, nach und nach injizierte Dosis
wirkt. Und welch sozusagen „kosmischer“ Trost liegt in dem
Gefühl, daß die Ware, dieses tote Ding, dieser am Lebenden
saugende Vampir, gleichzeitig alle Arten und die sie bisher
ernährende Erde umklammert und auslöscht!

 

Die
Selbstbestrafung

In mancher Hinsicht ist es ein Vorteil,
jetzt allein mit dem Schatten des Todes dazustehen, der weder in Gott
noch in den Parzen, noch gar in einem natürlichen Gesetz seinen
Ursprung hat, sondern in einem durch die ökonomische
Notwendigkeit bedingten Reflex. Dies stellt einen Glücksfall
dar, den man nutzen sollte.

Tatsächlich darf man wohl zwischen
jenen Gesten unterscheiden, die das Leben aus Routine demütigen,
und jenen, die sich bemühen, es neu zu beleben. Aber wieviel
Hartnäckigkeit braucht man dazu! Und wie viele werden aufrichtig
genug sein, sich einzugestehen, daß sie meistens das Urteil
über sich selbst vollstrecken, das die Selbsttötung
vorsieht und das zu unterschreiben eine lächerliche
Geschäftigkeit inmitten der Eitelkeit von Menschen und Dingen
einlädt.

Manch einer, der gegen Folter und
Todesstrafe kämpft, stellt eines Morgens fest, daß er
niemals aufgehört hat, sich auf dem Schafott des eigenen
Schuldgefühls unter großen Schmerzen zu quälen. Und
ein anderer, der zur Abschaffung der Gefängnisse aufruft, hat
nie damit Schluß gemacht, sich in den Niederungen des eigenen
Charakterpanzers einzusperren.

Seitdem die Ökonomie ihre Essenz
von der himmlischen Transzendenz in die irdische Immanenz
zurückgeholt hat, verwirklicht sie diese so gut, daß sie
in der ökonomisierten Existenz jedes einzelnen konkret wird.
Dadurch wird das Bewußtsein heller und die Wahl klarer.
Entweder muß man, wenn man sich als Richter, als Schuldiger
oder Henker fühlt, den Herzinfarkt, den Krebs, die Thrombose
oder den Unfall heimlich und wie die Verkündigung einer Strafe
programmieren, oder man muß jede Lust an sich reißen, um
sich eine Unschuld anzumaßen, die nichts und niemandem
Rechenschaft schuldet.

 

Jede Justiz
ist schuldig

Die Menschen der Ökonomie können
sich auf nichts anderes berufen als auf jene immanente Gerechtigkeit,
die sich vorbereitet, sie in der Endzeit der Erde, die den Zustand
der reinen Ware erreicht, zu ökonomisieren. Ihr werdet sie
leicht erkennen.

Sie sind vor Angst und Unterdrückung
so sehr in die Knie gegangen, daß sie sich nur noch aufrichten
können, um die anderen in die Knie zu zwingen, ihnen das eigene
Unglück zur Last zu legen und sie mit derselben Strafe zu
belegen, die sie sich selbst den ganzen Tag über auferlegen. Die
Berufung zum Opfer lebt davon, die anderen zu opfern.

Sie büßen, also urteilen
sie. Ihr Urteil fordert, daß die Agonie, die sie sich selbst
aufbürden, über die ganze Welt kommt. Deswegen grinsen sie,
wenn der Tod die gezinkten Karten von Tschernobyl oder von Aids aus
dem Ärmel zieht. Alle Alarmrufe sind ihnen recht, die dem
Gerücht vom Jüngsten Gericht schrille Töne hinzufügen.
Wenn sie die Luftverschmutzung aufdecken, dann um noch einmal die
Atmosphäre der Schuld, in der sie vegetieren, zu belüften.

Unter der Gleichgültigkeit des
Geschäftsmannes und der Empörung des Aufständischen
sickert derselbe Geruch nach verachteter Existenz und nach
abgestorbenem Leben durch. Die Partei des Todes hat die größte
Achtung vor dem Unglück, da es, um sich noch größere
Schicksalsschläge zuzuziehen, nichts Besseres gibt, als sich
damit abzufinden, kleinere zu ertragen. Zwangsläufig geschieht
nur diejenige Zwangsläufigkeit, für die wir uns selbst
anfällig gemacht haben.

 

Gegen den
Antiterrorismus

Es gibt eine Verurteilung des
Terrorismus, die genauso widerwärtig ist wie der Terrorismus
selbst. Damit soll nicht der gewöhnliche Zynismus des Staates
beschuldigt werden, der den Frieden rühmt und Waffen verkauft,
wenn er nicht gerade im Namen der Sicherheit und der öffentlichen
Ordnung einen Schüler umbringt. Die Staatsschergen wissen zu
sehr um die von ihnen angewandte Gewalt, um sich aufrichtig empören
zu können, wenn ein Killer, der sich um die Armee verdient
gemacht hat, einen General abknallt, dessen Beruf immerhin darin
besteht, mit kalkuliertem Vergeltungsrisiko zu morden.

Nein, ich denke an das Heuchlerische
und Durchtriebene, das in der Mißbilligung der meisten steckt.
Denn sollte es da etwas zu verurteilen geben, so ist schließlich
nur schwer zu verstehen, warum die Schmach nicht sowohl die
Privatterroristen als auch den Staatsterrorismus, der die Terroristen
sozusagen in Konkurrenz erzeugt, trifft.

In wessen Namen will man die Rechte,
die der Staat sich dem Bürger gegenüber anmaßt –
Recht auf Schafott, Gefängnis, Geldstrafe, Registrierung,
Beschlagnahme, Kontrolle, Zwangsvollstreckung, Entlohnung -, jenen
embryonalen Staaten verweigern, wie sie Drogenlobbies,
Interessenverbände, Privatmilizen, Mafia, angeblich
revolutionäre Faktionen, terroristische Sturmabteilungen,
einzelne Geschäftemacher des Verbrechens und des Ressentiments
sind? Etwa im Namen des Schutzes, den der Staat als Gegenleistung
gewährt? Leider ist dieser Schutz auch das Produkt, was die
Konkurrenten anbieten, und ihre Erpressung hat meistens nur den
Nachteil, die vom Staat legal praktizierte Erpressung illegal zu
ergänzen.

Es liegt mir nichts daran, in Kreisen
zu verkehren, die besser darauf vorbereitet sind, einander zu
massakrieren, als den Städten und Wäldern Leben zu spenden.
Die Frage verdient jedoch gestellt zu werden: Wer sind eigentlich
jene edlen Geister, die Bombenleger und Schußwaffenideologen
hassen? Meistens Haus- und Familienterroristen, kopf- und planlose
Todesbringer, Angstverbreiter und Erpresser, die Liebe schenken und
verweigern, um Macht herauszuschlagen und die
Unabhängigkeitsanwandlungen ihrer Angehörigen zu ersticken.
Unter der Fahne des Humanismus sind diese Leute aus dem gleichen
Charakterholz geschnitzt wie die Übeltäter der illegalen
Macht.

 

Gegen den
Terrorismus

In ihrer unmenschlichen Allmacht haben
die Staaten der Vergangenheit Helden hervorgebracht, die, indem sie
es wagten, sich allein gegen den Leviathan aufzulehnen, vom Glanz
einer unterdrückten Menschheit wie von einem schwarzen Licht
umgeben waren.

Coeurderoy, Ravachol, Henry, Vaillant,
Caserio, Bonnot, Soudy, Raymond-la Science, Libertad, Mecislas
Charrier, Pauwels, Marius Jacob (der niemals getötet hat),
Sabate, Capdevila und so viele andere – ich habe die Bewunderung
abgelegt, die ich für euch empfand, und meine Zuneigung ist
dadurch größer geworden, da ich einsehe, wie sehr es um
den bloßen Schutz eines Lebens ging, wenn ihr das euch an die
Kehle gesetzte Messer in die entgegengesetzte Richtung zurückgestoßen
habt.

Es stimmt heute in dem überstürzten
Verfall jeder Form von Autorität nicht mehr, daß die Last
der Knechtschaft und der Erniedrigung dem sich aufbäumenden
Leben die Waffen des Todes in die Hand gibt. Dagegen sehe ich wohl,
bis zu welchem Punkt der selbstmörderische Reflex und die
Pflicht, für diese oder jene Sache zugrunde zu gehen, einem
zunehmend in Mißkredit geratenen Staat neuen Kredit geben und
das verblaßte Wappen der Macht wieder vergolden. Eine
Untersuchung, inwieweit der Terrorismus die letzten kraftlosen
Ideologien mit den Gewehrläufen aufgesammelt hat, würde
übrigens genügen, um zu erkennen, womit man es zu tun hat.
Sexismus, Rassismus, Marxismus, Sektierertum, Nationalismus,
Mystizismus, Autoritarismus und Geschäftemacherei bieten ein
ziemlich gutes Abbild dessen, was auf der Bühne des politischen
Theaters noch übrigbleibt; es genügt, den Schaulustigen die
jeweilige Melodie vorzupfeifen, damit die Komödianten der
Ordnung einen Anschein von Überzeugung wiederfinden.

Die europäischen Staaten hat schon
das Unglück ereilt, eine Armee am Hals zu haben, die durch den
Mangel an Kriegen und Aufständen zur Arbeitslosigkeit verurteilt
ist – was sollen sie mit ihrer Justiz, ihren Richtern, ihrer Polizei
und ihrer Bürokratie anfangen, wenn der politische Terrorismus
und das gemeinrechtliche Verbrechen verlorengehen?

Immer fand die Unterdrückung ihre
Nahrung in der allen gemeinsamen Neigung, sich selbst zu
unterdrücken, aus der die Regierungen ihre Stärke schöpfen.
Gerade in dem Augenblick, da der Kurs des Schuldgefühls fällt,
ziehen selbstmörderische Aktivisten ein System des Weltgerichts
aus seiner Lethargie: Man tötet die anderen und tötet
gleichzeitig sich selbst. Cui prodest?

Niederzuwerfen was von selbst
zusammenstürzt, heißt, der eigenen Agonie inmitten der
Ruinen ein Bett anbieten. Laßt die Toten zusammen mit den Toten
den Kult des Kadavers in jener Ablehnung des Lebens feiern, die den
Geist aller Religionen ausmacht.

 

Die neue Unschuld hebt das Schuldgefühl durch die
Herrschaft des Lebenden auf

Das Leben vor
allen Dingen

Der alte Ruf „Tod den Ausbeutern!“
hallt nicht länger durch die Städte, weil er einem anderen
Ruf Platz macht, der der Kindheit und einer ungetrübteren
Leidenschaft entsprungen ist: „Das Leben vor
allen
Dingen!“
Möge er sich verbreiten, und zwar nicht in den Köpfen,
sondern in den Herzen – dann braucht ihr euch nicht länger
Sorgen über die Teilnahmslosigkeit zu machen, in der all die
archaischen Formen von Gehorsam und Ungehorsam steckenbleiben.

Die Freude darüber, der ständigen
Erneuerung der Natur anzugehören, ist das beste Mittel gegen den
alltäglichen Zwang der Ausbeutung und der Denaturierung. Dies
ist die Zeit der Unschuld, in der das Kind sich selbst entdeckt,
bevor die Erziehung die Lust des Erwachens mit der Pflicht zur Arbeit
bezahlen läßt. Dort liegt das Geheimnis, das die Kette der
Gewissensbisse, Opfer, Krankheiten, Frustrationen und Aggressivität
auflöst, die Glied für Glied durch den Freihandel der
Schuldgefühle geschmiedet wird.

 

Die Milde

Aus welchem Beweggrund wurde der
Gnadenakt vollzogen, den die Hagiographen diesem oder jenem
Potentaten, Monarchen, General oder Staatsmann zuschreiben? Dem
erwarteten geistigen Profit, dem moralischen Ertrag, der in ihrem
System des Mehrwerts im selben Verhältnis steht wie die Macht
zum Geld. Es mag vorgekommen sein, daß sich in die kalte
Berechnung eine wahre Großmütigkeit, eine Anwandlung
authentischer Kostenlosigkeit eingeschlichen hat, als ob der Hauch
des Menschlichen nur auf einen Riß im Panzer der Autorität
gewartet hätte, um wieder Atem holen zu können.

Nun ist der Riß zusammen mit der
Zerschlagung der Autorität immer deutlicher geworden. Der Preis
der Vergebung ist zusammen mit dem Preis der Beleidigung gesunken, so
daß die Ergüsse der natürlichen Großmütigkeit
immer öfter von den Aufrechnungen der Vorfahren befreit sind.
Daß man sich weniger darum kümmert, eine Bezahlung als
Gegenleistung zu bekommen, ist auch ein Zeichen dafür, daß
der Begriff der Belohnung und der Bestrafung nach und nach vor dem
Überschwang der Zärtlichkeit, der Zuneigung und der Liebe
zurückweicht.

Wer es lernt, die Gabe zur Liebe und
zur Liebenswürdigkeit nur sich selbst zu verdanken, der braucht
nicht länger von irgendeiner Seite oder von irgendwem Gnade zu
erwarten.

 

Gegen die Strafe

Die Strafe schreckt nicht vom
Verbrechen ab, sie spornt dazu an. Sie schafft ein gegenseitiges
Überbieten, bei dem der Schuldige Gericht über die anderen
hält, so wie die anderen später über ihn. Handelt der
Verbrecher nicht wie ein unerbittlicher Richter? Er verurteilt,
bestraft, begnadigt oder richtet sein Opfer hin, ohne vom Gesetz
einer allgemeingültigen Gerechtigkeit abzuweichen. Sein
Verbrechen macht aus ihm einen Lohnempfänger, und er weiß,
daß er die entsprechende Steuer bezahlt, falls er gefaßt
wird.

So ist die unabwendbare Logik des
Tausches beschaffen, sie wiederholt sich endlos. Dennoch ist dies
kein menschliches Gesetz, sondern nur das Gesetz einer Ökonomie,
in der alles bezahlt werden muß.

Die Gewalt, die Vergewaltigung und das
Attentat verdammen und sich auf eine Legalität berufen, die
tötet, gefangennimmt, vergewaltigt und mißhandelt, heißt,
sich auf die Unmenschlichkeit eines Marktes namens Justiz einlassen
und sich mit einem heimlichen Gefühl der Rache in das Verhalten
eines Richters und eines Verbrechers fügen.

Wie sehr ich auch gezwungen sein mag zu
arbeiten, um zu überleben, und in diesem Fall auch mit Gewalt zu
reagieren, um mich zu wehren – es kommt nicht in Frage, irgendwelche
Drohungen hinzunehmen -, wird mich doch keiner dazu bringen, in den
Wert der Arbeit oder in die Berechtigung der Vergeltung
einzuwilligen. Eine Zivilisation, die für sich in Anspruch
nimmt, ihre eigene Menschlichkeit zu schaffen, verleugnet sich
selbst, wenn sie nicht alles aufbietet, um den Zyklus von Verbrechen
und Strafe zu unterbrechen und der Justiz ein Ende zu setzen.

Mag ich zu bestimmten Stunden des Tages
und der Nacht noch so sehr in ein Spiel hineingezogen werden, dessen
Regeln der allumfassenden Ware angehören, so habe ich doch nicht
selbst die Wahl zum Mitspielen getroffen; ich kümmere mich nicht
darum, zu gewinnen oder zu verlieren, ich möchte einzig und
allein aus dem Spiel ausscheiden. Wer beim Pflücken der
zufälligen Lüste die ausgetretenen Pfade der
Selbstbestrafung und ihrer Exorzismen meidet, schert sich nicht
darum, zu verurteilen oder verurteilt zu werden.

 

Das
Schuldgefühl nährt die Gewalt

Es sollte von nun an keine Schuldigen
mehr geben, sondern nur noch Irrtümer, da es keinen Irrtum gibt,
der nicht seine Berichtigung enthält. Selbst die am wenigsten
wiedergutzumachende kriminelle Tat, der Mord, hat mehr Chancen, durch
eine Haltung aus den Sitten zu verschwinden, die dem Leben –
angefangen mit dem des Mörders selbst – den Vorzug gibt, als
durch das Fortbestehen des schmierigen Schattens der Strafe, der
Erlösung und der Sühne.

Verwendet ebensoviel Energie auf die
Beseitigung des Schuldgefühls wie auf dessen Erhaltung, so
werdet ihr die rohe oder heimtückische Gewalt des Todes sicherer
zum Zurückweichen bringen als durch ihre Unterdrückung!
Diese Gewalt ist eine bloße Umkehrung des Willens zum Leben,
sie ist nicht mit der menschlichen Natur, sondern mit deren
Denaturierung verwandt. Sie hat keinen Anteil an der Schaffung des
Menschen, sondern am System der verallgemeinerten Ausbeutung, das
durch den Vorrang der Arbeit vor dem Genuß erzwungen wird.

 

Die
Abschaffung der Gefängnisse

Die widerwärtige Herrschaft der
Gefängnisse wird erst enden, wenn jeder gelernt hat, sich selbst
nicht mehr in einem Verhalten einzuschließen, das von den
ökonomischen Reflexen des Profits und des Tausches durchdrungen
und gestaltet wird.

Je weniger sich die Animalität
hinter den Gitterstäben des Charakters einschließt und mit
fortwährenden Frustrationen wütet, desto weiter öffnet
sie die Tore des Genusses für fortschreitende Verfeinerungen;
umso scheußlicher erscheint es allen, Verurteilte in Kerkern
verkommen zu lassen, die dort nicht ihrer Übeltaten wegen
schmoren, sondern weil sie die Dämonen beschwören, die die
anständigen Leute in sich selbst begraben.

Was den Fortschritt betrifft, den der
Humanismus sich herbeiwünscht, so ist er wirklich zum Schaudern.
Sollten die Gefängnisse verschwinden, ohne daß der Genuß
wieder zu seinen Rechten kommt, dann werden sie nur psychiatrischen
Freiluftanstalten Platz machen, passend zu den Therapien, die die zur
täglichen Arbeit Verurteilten gegen die Gewalt der Frustrationen
unempfindlich machen.

Ist es nicht an der Zeit, es sich in
der Eigenliebe so bequem zu machen, daß jeder, dem es gelingt,
sich aus tiefstem Herzen viel Glück zu wünschen, sich zu
den anderen gerade durch das Glück hingezogen fühlt, das
ihnen zufällt, und daß er sie wegen der Liebe liebt, die
sie sich selbst gönnen?

Ich ertrage es nicht, auf Grund der
Rolle, der Funktion, des Charakters oder des Momentanen angesprochen
zu werden, die mich in den festgelegten Grenzen dessen einsperren,
was ich nicht bin. Auf welche Begegnung kann ich an einem Ort hoffen,
wo der Zwang, auf Repräsentation bedacht zu sein, verhindert,
daß ich jemals dort bin?

Mir kommt es allein auf die Gegenwart
des Lebenden an, wohin alle Freiheiten streben, die kein
Urteilsspruch in Haft zu nehmen vermag.

 

Das Lösen
der inneren Fesseln

Die ohne Antwort gebliebenen Fragen
sind meistens Knoten, die am besten die Zeit lösen kann: Nachdem
sie durch die Verdrehungen einer verkehrten Welt
durcheinandergebracht wurden, werden sie in dem Augenblick wieder
aufgelöst, da das Lebende sich zurechtmacht.

Wie das Unlösbare einer Logik
folgt, die nur im Tod ihre letzte Lösung findet, so gibt es für
jede Frage einen unerhörten Nachklang, den das Gefühl der
Freude und des Glücks mit sich bringt. In diesem Sinne ist
nichts bedeutsamer als ein zärtlicher Blick, die Tasse Kaffee am
Morgen, ein Trio von Boccherini, eine Arie von Mozart, ein durch das
Laub dringender Sonnenstrahl, die flüchtige Berührung einer
geliebten Hand oder der odor amoris, der vielsagender als
Liebesworte ist. Gerade hier kommen so viele Begierden, die durch die
Umstände, die ihrer Erfüllung entgegenstanden, entmutigt
wurden, wieder zu Kräften. Gerade hier ermahnen sie sich, dem
Verzicht nicht nachzugehen und immer weiter zu begehren, und befreien
die durch den täglichen, unentwirrbaren Selbstzweifel gestellten
Fragen von der verdrehten Bitterkeit und Unzufriedenheit.

Die Lust bricht die lineare Zeit, in
der das Leben im Rhythmus der Ökonomie gemäß der
Kette des Tausches und der Ratenzahlungen der immanenten Justiz
verfließt. Das, was aus Zwang und Not fällig wird, kann
nur der kostenlose Genuß verstehen und es untrennbar damit
verändern.

Die Lust ist die Quelle eines
unerschütterlichen Selbstvertrauens, das genaue Gegenteil des
Glaubens an einen Gott oder an eine Sache, d.h. an die Ökonomie,
welche die Welt lenkt. Ein erfülltes Begehren erzeugt zehn
andere mit demselben Glücksversprechen. Deshalb findet der
glückliche Mensch in sich keinen Grund, den Tod oder die
Bestrafung irgendeines anderen zu wünschen.

 


Gegen den Respekt, den man dem Leben schuldet

Wollt ihr, daß das Leben weiter
verachtet wird? Dann erzwingt den Respekt vor ihm! Ist nicht das alte
Gebot „Du sollst nicht töten!“ der Gedenkstein aller
Massengräber?

Immer wenn der Erwachsene sich als
autoritärer Lehrmeister des Kindes aufspielt, überträgt
er das eigene Unverständnis auf das Kind. Als Beweis sei hier
nur jene so lange als Wesenszug der Kindheit betrachtete Grausamkeit
angeführt, die niemals etwas anderes als die Wirkung einer
bestimmten Erziehung gewesen ist.

Das Verhalten eines zweijährigen
Kindes als Sadismus zu bezeichnen, wenn es aus eigenem Antrieb eine
Ameisenstraße zertritt, gehört zu den Abwegigkeiten eines
so weit vom Lebenden getrennten Denkens, daß es den Stempel des
Todes gerade dort sieht, wo das Leben tastend nach seinem ungewissen
Weg sucht.

Indem das Kind die hin und her
laufenden Insekten zertritt, macht es sich eigentlich mit dem
Geheimnis von Bewegung und Bewegungslosigkeit vertraut. Unter seinem
Fuß hält die sich fortbewegende Kolonne an und erstarrt zu
einer punktierten Linie. Derselbe spielerische Weg zur Erkenntnis
reizt es, die Katze am Schwanz zu packen oder die Blätter einer
Pflanze abzureißen. Wozu dann der einstimmige Tadel, die Flut
der Vorwürfe und die betrübte Empörung? Sie bewirken
die Verwandlung einer Erfahrung, der nur das Urteilsvermögen
fehlte, in einen Zustand des Unbehagens, wo das Schuldgefühl
sich zusammen mit dem heimlichen Reiz des Verbotes einschleicht.

Die Lust an einer unschuldigen
Entdeckung läßt das Kind plötzlich unter einem
mißbilligenden Medusenblick erstarren. Man hört gerade in
dem Augenblick auf, es liebzuhaben, in dem neue Beobachtungen Liebe
gebraucht hätten, um interpretiert zu werden und in ein
breiteres Wissen einzugehen. Die plötzliche Unterdrückung
bringt einen Reflex der Übertretung in Gang, die Lust wird auf
der Leimrute der Angst gefangen und ein weiterer Stein kommt zur
neurotischen Festung der nächsten Jahre hinzu, in der die
Genüsse sich einschließen werden, um sich selbst zu
quälen, zu zerstören und negativ zu befriedigen. Dort fängt
der gewöhnliche Sadismus an.

Immer schreibt die Kaufmannslogik der
Konkurrenz all dem Klugheit zu, was das Gegenteil einer etablierten
Dummheit zu sein behauptet, wo es in seiner Modernität doch
dieselbe, bloß umgekehrte Dummheit darstellt. So ist durch die
Tatsache, daß das autoritäre, unterdrückende
Verhalten der Erwachsenen unaufrichtige und verschlossene Kinder
hervorbringt, eine Zeitlang die Theorie des „Gewährenlassens“
in Mode gekommen, die die amerikanische Pädiatrie erfolgreich
unter das Volk brachte: Als ob die dem Kind gewährte Freiheit,
sich abzureagieren, indem es Tiere quält, nicht einschlösse,
daß es gleichzeitig die Auswirkung des Schuldgefühls und
der elterlichen Frustration erleidet. Allerdings diente eine
freimütige und notwendige Grausamkeit sehr wohl den Absichten
einer Generation, die damit beschäftigt war auszuprobieren, wie
sich Napalmbomben auf das Vorrücken der vietnamesischen Ameisen
auswirkten. Jedes Mal, wenn ein soziales Verhalten mit Hilfe der
Natur gerechtfertigt werden soll, veranschaulichen seltsamerweise
Beispiele aus dem Pflanzen- und Tierreich die Aneignung, das Gesetz
des Stärkeren oder den Konkurrenzkampf – alles recht nützliche
Dinge für die Ökonomie.

Wenn der experimentierende Umgang mit
Menschen und Dingen das Risiko der Grausamkeit enthält, gehört
es dann nicht zum Wesen einer menschlichen Erziehung, dem
vorzubeugen? Es ist weder notwendig, einen Menschen aus dem Fenster
des fünften Stocks zu stürzen, um das Vorhandensein der
Schwerkraft zu beweisen, noch muß man einen töten, um
Bewegung und Unbeweglichkeit zu erklären.

Genau wie die Jagd mit der Kamera vom
Töten entbindet und das Vergnügen steigert, durch die
Wälder zu laufen, sich auf die Lauer zu legen und einen
Augenblick des Lebens festzuhalten, genauso verbreitet sich nach und
nach ein Bewußtsein des Lebenden. Es knüpft ein feines
Netz stillen Einverständnisses zwischen dem Selbstgenuß
und der Pflanze, dem Kristall, dem Tier, der Linie einer Landschaft,
der Form einer Wolke, dem mit handwerklichem Können geschaffenen
Gegenstand.

Das Kind, das eine Schale aus feinstem
Kristall zu Boden wirft, erlebt die Grenzen eines bestimmten
Materials und die Grenzen einer ihm zugesicherten Liebe. Kommt zur
Feststellung der Zerbrechlichkeit die scharfe Rüge hinzu, öffnet
sie weniger die Türen der Erkenntnis als diejenigen der Angst
und der krankhaften Lust zu zerstören, um die Aufmerksamkeit auf
sich zu lenken.

Dagegen erzeugt das vom Kind leicht
wahrnehmbare Gefühl, es habe ungeschickt, aber nicht schuldhaft
gehandelt und dürfe sich weiter in der Sympathie geborgen
fühlen, jenes Verständnis, das eigentlich das menschliche
Verständnis schlechthin ist. Die Qualität des Glases, seine
Form, sein Licht, das geheime Leben – vom Vergnügen, es zu
benutzen, immer wieder erneuert verdeutlichen eine Gegenwart, die die
Allgegenwart des Lebenden ist: eine Allgegenwart, die einst von
Göttern, Himmel, Geist und Intellekt usurpiert worden ist.

 

Eine doppelte Entwicklung kündigt das Ende des
morbiden Paares an, das Arzt und Kranker bilden. Einerseits nimmt der
Kranke wahr daß er Arzt ist, ohne es zu wissen; andererseits,
daß er genauso wie der Arzt ein Lebender ist, der Angst vor dem
Leben hat.

DER NIEDERGANG
DER MEDIZIN

Niemals zuvor hat die Medizin ihre
Macht so überlegen dem Tod und dem Leiden aufgezwungen, und
niemals zuvor erschienen ihre Bemühungen gegenüber dem
Stempel der unheilbaren Krankheit so vergeblich, mit dem der
Überlebensschmerz den Körper entwertet.

Die Wahrheit ist, daß die Medizin
alles außer dem Wesentlichen – der Müdigkeit, immer und
überall arbeiten zu müssen – besiegen kann. Was für
eine Verurteilung stellt der Krebs dar, bei dem die durch den
Schatten des Todes panisch gewordenen Zellen in einer übertriebenen,
selbstmörderischen Lebensreaktion wuchern! Und was für eine
Herausforderung ist Aids, das dem Triumph der Immunhygiene den
absoluten Zusammenbruch der Immunität des Organismus
entgegenstellt!

Die Medizin ist ein Abbild der
Warenzivilisation. Auf ihrem Höhepunkt angelangt, läßt
sie die Fanfaren des Wohllebens an allen Ecken und Enden jener Welt
erklingen, in der die Arten verschwinden, die Luft durch chemische
und nukleare Verseuchung vergiftet wird und Düngemittel den
Boden unter dem Vorwand, ihn zu verbessern, unfruchtbar machen.

 

Macht und
Ohnmacht der Medizin

Nachdem die Medizin den Gipfel der
Wirksamkeit und der Wirkungslosigkeit erreicht hat, fällt sie
von ihrem hohen essentiellen Anspruch herab, um sich in einer
existenziellen Wirklichkeit wieder aufzurappeln: der krankhaften
Beziehung des Einzelnen zu sich selbst.

Das 19. Jahrhundert hatte die Kunst des
Kurpfuschers zur Wissenschaft vom Menschen erhoben und damit weniger
den Fortschritt des Wissens als einen Quotenanstieg auf dem Markt des
menschlichen Fachwissens anerkannt.

In den Zeiten, wo tausend Menschen
nicht einmal einen Sargnagel wert waren, ging der Ruf des Arztes kaum
über den des Barbiers, des Quacksalbers und des Henkers hinaus.
Erst als die knauserige Moral der kapitalistischen Entwicklung das
menschliche Wesen mit derselben Aufmerksamkeit wie ein Geldstück
zu betrachten anfing, konnte der mit Hochschuljargon polierte
Knocheneinrenker es zum Status eines Technikers der mühseligen
Wirksamkeit bringen und auf Geheiß der beschleunigten
Industrialisierung zum Spezialisten des arbeitenden Körpers
werden. Während der aus den Bergarbeitersiedlungen
herausgepreßte Mehrwert den Fortschritt der Forschung bezahlt,
stellt sich deutlich heraus, daß der bevorzugte Gegenstand der
ehrwürdigsten Wissenschaft im allgemeinen die Maschine ist und
im besonderen die Mechanik des Menschen, die jene so nützlich
verlängert.

Man stelle sich die Beliebtheit der
Medizin vor, als sich aus der Produktions- eine Konsumtionsmaschine
abspaltete und die pharmazeutische Industrie die Gesundheitsfürsorge
demokratisierte, nachdem sie im Proletariat einen breiten
potentiellen Markt entdeckt hatte.

Der lediglich in hohem Ansehen stehende
Arzt wird von nun an unentbehrlich. Seine Funktion wird zum
Wohlbefinden aller bürokratisiert, seine bisher karitative
Aufgabe wird sozialistisch. Er ist in einer Gesundheitsbehörde
aktiv, die als „Sozialversicherung“ darüber wacht, daß
diejenigen, die Tag für Tag immer mehr am eigenen Tod arbeiten,
nicht ohne Arznei bleiben.

Doch schon zeichnet sich der Niedergang
ab. Die bürokratische Routine, die Macht der pharmazeutischen
Monopole, die Zersplitterung der spezialisierten Therapien fallen mit
einem übertriebenen Gesundheitsschutz zusammen, der im Gegensatz
zum Unbehagen in der Kultur steht. Gegenüber einer
Arzneimittelkunde, die den Magen heilt, indem sie den Nieren schadet,
und an derselben industriellen Macht teilhat, die Erde und Menschen
denaturiert, verstärkt sich das Mißtrauen.

Hinzu kommt noch der Bankrott des
Staates als Schutzmacht, der unfähig ist, noch länger jene
Sozialversicherung zu garantieren, die das Proletariat in den
hochentwickelten Warengesellschaften zu seinen Errungenschaften
zählte.

Kurz gesagt, Verdrossenheit dringt
immer weiter auf den Markt von Tod und Krankheit vor, und die
öffentliche Meinung schwankt zwischen Besorgnis und
Erleichterung bei der Vorstellung, er könne verschwinden: Sie
ähnelt einem Rekonvaleszenten, dem versichert wird, er könne
ohne Krücken gehen, und der es nicht zu glauben wagt.

 

Die parallele
Medizin

Der Zusammenbruch des herkömmlichen
medizinischen Marktes hat nicht versäumt, die Entwicklung eines
Parallelmarktes zu fördern. So wie die am Rande sich
entwickelnden „sanften“ Industrien lüstern nach dem
Markt der immer mehr in Verruf kommenden „harten“
Industrien schielen, so wimmelt es von Alternativmedizinen, die sich
anschicken, die immer umstritteneren chirurgischen und chemischen
Therapien zu verdrängen.

Das schon seit den sechziger Jahren
vorhersehbare Phänomen fügt sich in eine Warenlogik ein,
die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts allgemein bewußt
wurde: die Verschiebung von der rasenden Produktion auf die
beschleunigte Konsumtion, den Übergang von der Autorität
zur Verführung, von der Tyrannei zur Laxheit, vom Dogmatismus
zur Öffnung, von der teuer zu büßenden Übertretung
zum billigen Hedonismus.

Meistens sind die Krankheiten eine Art
von Arbeitsunfall. Sobald der Körper nur noch widerwillig, bei
jeder Witterung und auf jedem Gelände wie eine Produktions- und
Konsumtionsmaschine funktioniert, stockt er, blockiert und frißt
sich fest. Er flieht aus dem Streß des Arbeitstakts und einer
ihm plötzlich unsinnig erscheinenden Geschäftigkeit und
sucht Zuflucht, Erholung, Betäubung oder Vergessen im Schnupfen,
im Infarkt, im Knochenbruch, in der Hemiplegie und im Krebs.
Paradoxerweise ist in der Medizin der Eingriff ebenso unentbehrlich
wie schädlich. Sie repariert die Maschine für neue
Leistungen auf der Strecke der Rentabilität, wo das automatische
Verhalten den Niedergang des Lebens mit sich bringt.

Obwohl die sanfte Medizin sich in
dieselbe lukrative Tradition wie ihre Gegenspielerin stellt, öffnet
sie einer Kostenlosigkeit die Tür, die sie eines Tages absetzen
wird. Dies gilt übrigens auch für die Techniken, die sich
vom Reichtum der Sonne, der Pflanzen, des Bodens, des Windes und des
Meeres neue Energien erhoffen.

Der Widerspruch, an dem sie festhalten,
indem sie für eine anderswo geforderte natürliche
Kostenlosigkeit bezahlt werden wollen, wirkt aufschlußreich. Er
unterstreicht die krankhafte Dualität des Gesunden und des
Ungesunden, er zeigt konkret, wie derjenige, der die Gesundheit will,
auch die Krankheit will.

In ihrem Vorhaben, die Verhaltensweisen
wieder natürlich zu machen, haben die gewaltlosen Heilverfahren
die Meinung verbreitet, jeder sei selbst die Quelle seiner Vitalität
und seiner Kraftlosigkeit und greife bewußt und unbewußt
– jedenfalls mehr, als er zuzugeben angeleitet wurde – in den
Konflikt ein, dessen ständiges Übungsgelände und
Schlachtfeld sein Körper ist.

Wo die klassische Medizin die schwere
Artillerie einsetzt, um die Krankheit zu zermalmen – und sollte der
Kranke dabei zugrunde gehen -, fordert die Guerillataktik der sanften
Medizin ein Mitbemühen des Patienten am Heilverfahren. Sie
bringt ihn dazu, zu kämpfen, um gesund zu werden, und zeigt ihm,
daß er dem Äskulapstab ähnelt, an dem sich die beiden
Schlangen der Gesundheit und der Krankheit emporranken.

Während der Arzt immer weniger an
die Medizin glaubt, gelangt der Patient zu der Meinung, er sei fähig,
seine Beschwerden zu beenden und sich selbst zu behandeln, indem er
den Heilkundigen – mit oder ohne Diplom – nur als Placebo oder als
Schutzmittel gegen den Zweifel benutzt, der aller vernünftigen
Einsicht nach seine Erfolgsaussichten verschleiern kann.

Ob das Leben damit einen guten Tausch
macht, bleibt ganz unsicher. Sein eigener Arzt werden, heißt
das nicht einfach, seine Krankheit verwalten lernen? Seinen Tee
zusammenbrauen, das tariflich geregelte Sortiment an biologisch
reinen Produkten kaufen, sich einer Diät unterziehen und des
Alkohols enthalten – das macht aus dem Gesundheitsapostel den
aufgeklärten Konsumenten einer latenten Morbidität. Man
wähnt, bei der Autonomie des Individuums angelangt zu sein, und
man endet bei der Selbstverwaltung der eigenen Gefängnisse.

 

Die Sprache des
Körpers

Derjenige, der den Pakt mit dem
täglichen Tod wie ein Verhängnis annimmt, kann mitnichten
sicher sein, daß die chemische Medizin nicht genau so viel,
wenn nicht mehr als die Pflanzenheilkunde taugt. Für einen an
Gewalt und Vergewaltigung gewöhnten Patienten hat der vom Arzt
versetzte Faustschlag mehr Aussichten zu überzeugen und zu
heilen als die süßlich-weiche Annäherungsmethode der
neuen Praktiker.

Außerdem ist die Sache schon im
voraus abgemacht, sobald der Erwachsene sich der Medizin wie der
Brust seiner Mutter oder dem männlichen Schutz seines Vaters
zuwendet, sobald er darauf verzichtet, seine Untersuchung auf den
Spuren der entstehenden Krankheit allein durchzuführen und die
Sprache des Körpers mit der liebevollen Aufmerksamkeit eines
Grammatikers abzuhorchen. Ist es nicht die Hauptsache, man verleiht
solchen Fragen wie: „Warum bin ich dabei, krank zu werden?“
oder „Warum das Herz und nicht die Nieren, warum gerade dieser
Schmerz, diese besondere Erkrankung?“ eine eher
spielerische als dramatische Wendung? [Das französische Wort
„affection“ (Erkrankung) bezeichnet bemerkenswerterweise
einmal das „Übel“, ein andermal die „Liebe“,
so als ob es zugleich das von der Abwesenheit der Liebe herrührende
Übel und die Liebe, die vor dem Übel schützt,
enthielte.]

Es wäre eine nützliche Übung
für den Scharfsinn, Wortschatz und Satzbau zu entdecken, durch
die der Körper sich ausdrückt, solange er sprechen darf.
Wenn wir wenig Interesse an seinen Äußerungen des
Wohlbefindens zeigen, ist er dann nicht gezwungen vor Schmerzen zu
schreien, um sich Gehör zu verschaffen? Was ist der Sinn eines
beginnenden Rheumatismus, einer Migräne, eines pochenden
Schmerzes, der Verrenkung und der Übelkeit? Warum diese
Ungeschicklichkeiten, bei denen wir Gegenstände zerbrechen, als
ob etwas in uns sich verknotet hätte und zu zerspringen droht?
Jeder soll seine eigene Antwort finden, da jeder Körper seine
eigene Sprache spricht, auch wenn der Konflikt überall derselbe
ist: In ihm stehen sich der Wille zum Leben und der ihn verneinende
Todesreflex gegenüber.

 

Die Angst vor dem Tod ist nur die gewöhnliche
Verkleidung der Angst vor dem Leben. Der ganze Nutzen der Medizin
besteht darin, die eine abzuschwächen, indem sie die andere
verschlimmert.

Die Geburt
des Krankhaften

Mit welcher Anteilnahme und mit welcher
Inbrunst nehmen die Menschen der Ökonomie manchmal im stillen
die Krankheit auf, in der Überzeugung, sie seien dazu geboren,
ein paar vergängliche Momente des Glücks mit jahrelangem
Unglück zu bezahlen! Die Lebenslust ist derart durch Arbeit und
Feilschen entwertet worden, daß sie selten den Kopf zur Tür
hereinsteckt, ohne einen Reflex des Todes und des Scheiterns
auszulösen.

Am Anfang war das Spiel, und dann wurde
das Spiel zum Drama. Wenn es darum geht, sich der Schule oder einer
lästigen Arbeit zu entziehen, Liebkosungen zu erschleichen, die
ihm seiner Meinung nach vorenthalten werden, glänzt das Kind in
der Kunst, krank zu sein – mit derselben Virtuosität wie ein
Schachmeister. Diese keineswegs vorgetäuschten, sondern
gespielten Krankheiten bestehen dann so lange, bis die gefühlvolle
Aufmerksamkeit sie beendet, wenn sie sich nur mit der wünschenswerten
Klugheit darum bemüht.

Es wird Tag für Tag soviel Energie
in die selbstmörderische Resignation investiert, daß die
Gewohnheit, sich den Tod in den Kopf zu setzen, nur noch auf ein
Zeichen der Müdigkeit und der Verwirrung wartet, um den
Betroffenen in der schützenden Krankheit zu verpuppen und seine
Regression in den zarten Zustand der Kindheit mit irgendeinem
Gebrechen zu rechtfertigen.

Nur eine vergnügte Hellsichtigkeit
scheint imstande zu sein, einer so unglückseligen Disposition
ein Ende zu setzen und die morbide dramatische Überspanntheit
der ersten Beschwerden lächerlich zu machen. Um von der
fröhlichen Wissenschaft begnadet zu sein, muß man sich
allerdings auf einen nicht zu unterdrückenden Willen zum Leben
stützen, ohne den die Einsicht in die Gründe nur ein Witz
des Verurteilten am Fuß der Guillotine ist. Wir leben doch in
einem ständigen paradoxen Zustand: Wir schüren den Haß,
um geliebt zu werden, wir halten verbissen daran fest, ein Leben zu
verlieren, dessen Niedergang alle unsere Gesten beweinen, und wir
betrachten die Erschöpfung durch die Arbeit als notwendig,
während uns die Anstrengung zum Genuß wertlos erscheint.
Wie nah steht uns, trotz all der Verschwörungen und Verhexungen
der Krankheit und der Langeweile, die Schöpfung des Lebenden!
Wie sehr besitzt ein Augenblick der Liebe und der Freude
uneingeschränkte Macht: Indem er den ungesunden Dunst auflöst,
an dem Gefallen zu finden wir uns gewöhnt haben, kann er den
sich am Morgen abzeichnenden Krebs wie in einem Spiel, dessen Regeln
nicht mehr gelten, am Abend zunichte machen.

Stellen uns nicht die Augenblicke – und
seien sie noch so außergewöhnlich -, in denen wir uns
selbst gehören, mehr Wissen und Klugheit bereit als all die
Therapien, die die Heilkraft aus einem unheilbaren Lebensschmerz
züchten?

 

Die Drogen

Nachdem die Kriege, die Unruhen und die
Revolutionen, die dem tief verwurzelten Todeskult als Vorwand und
Notbehelf dienten, seltener geworden sind, bleibt nur noch der Kampf
eines jeden gegen sich selbst als ultima ratio, um der
Lebensverweigerung Nahrung zu geben. Aus diesem Konflikt
herauszukommen, ist heute leichter als in vergangenen Zeiten, in
denen er sich inmitten der gewaltigen Feuersbrünste zwischen den
Nationen und den sozialen Klassen heimtückisch klein machte. Mit
einer Einschränkung: man unterschätze nicht, wie weit der
Waffenmarkt vor dem Drogenmarkt zurückgewichen ist – was nicht
nur Heroin und Kokain betrifft, sondern mehr noch die Medikamente,
deren ganz offizieller Dealer der Apotheker ist. In vieler Hinsicht
hat die todbringende Propaganda nur ihr Wirkungsfeld verlagert – eher
nach links.

 

Die Entwertung
des Leids

Der kleiner werdende Kredit, der heute
dem Schmerz gewährt wird, zählt gewiß zu den
beruhigenden Zeichen unserer Epoche. Es wurde Zeit, daß er
allmählich die verruchte Bedeutung der Erlösung einbüßt.
Der aus dem Sortiment der positiven Werte vertriebene Schmerz
stachelt weniger zu Mitleid und hilfsbereiter Linderung an, als daß
er zur Entscheidung führt, willentlich Schluß mit seinem
Wehklagen zu machen und ihn auszurotten, noch bevor er durch
Gewöhnung wie eine Droge wirkt.

Wie vielen Generationen hat nicht der
Schmerz mit seinen Jeremiaden die Nerven aufgerieben? Spielte er doch
im Gefolge des Neides, des Strebertums und des Aufstiegs das
Klageweib, hielt sich für den Kummer schadlos, indem er ihn den
anderen aufdrängte, verdarb die Eßkultur durch das
Magengeschwür und erklärte den Dorn zum Glanzstück des
Rosenstocks.

Für seine Frömmler und
Zuhälter gibt es keinen Erfolg, kein Prestige und keine Macht
mehr. Die Arbeit heiligt nicht mehr den Idioten, der sich ihr voll
und ganz hingibt, und wenn es immer noch vorkommen kann, daß
ein Unglücksfall, eine Krankheit oder ein Mißgeschick
jemandem Geltung verschaffen, so ist dies nur noch ein lächerlicher
Witz, wie man ihn in den Melodramen der Vergangenheit findet.

Selbstverständlich fällt die
Entwertung des Schmerzes mit dem Verfall der Funktion zusammen, die
ihm in der Ökonomie zugeteilt war. Die Ideologie eines den
Göttern, dem Staat und der Moral nützlichen und angenehmen
Leidens paßte mit der unerläßlichen
Selbstaufopferung auf dem Altar der Produktion aufs beste zusammen.
Dagegen hat eine entschieden gegensätzliche Ideologie den
Konsumzwang verführerisch herausgeputzt. Der asketischen
Beschwörung: „Gebt euch Mühe – nichts ist ohne Schmerz
zu bekommen!“ folgte das muntere: „Macht euch das
Vergnügen!“ Um die Ersatzmittel des Vergnügens zu
verkaufen, schien es nicht allzu leichtfertig, der Angst, der
Bitterkeit und Unbefriedigtheit, die die Rechnung der merkantilen
Lust verdoppeln, die Maske des Lächelns zu verleihen.

Nur allzu lange ist das natürliche
Leid – so wie es aus der Dialektik des Lebens mit ihrer vom Zufall
abhängigen Verteilung von Lust und Unlust hervorgeht – mit dem
denaturierten Leid verwechselt worden, das durch das Verbot des
Genusses, durch die Reduktionsmechanismen der Arbeit, durch das dem
Tausch innewohnende Schuldgefühl und jene Perspektive ausgelöst
wird, die Wesen und Dinge in eine Linie bringt, indem sie den Tod als
Konvergenzpunkt nimmt.

Wenn es stimmt, daß die Krankheit
die durch die Frustration im Körper geschaffene Leere ausfüllt
– daß sie die Kehrseite eines Gefühls der Fülle ist
-, so bedeutet das auch, daß der Genuß das absolute
Schutzmittel gegen die Angst, die krankhaften Zustände und das
vorzeitige Sterben ist.

 

Die Heilkraft
des Genusses

Ich halte folgende Beobachtung einer
Kinderärztin für beispielhaft: Um den durch das Wechseln
eines Verbandes verursachten Schmerz zu lindern, streichelte sich ein
sechsjähriges Mädchen die Brüste und entdeckte dabei
die schmerzstillende Kraft des Lustgefühls. Durch dieses
Benehmen, das sie für obszön hielt, peinlich berührt,
verlangte die Mutter, das Mädchen solle aufhören. Es ehrt
die Ärztin, daß sie sich der mütterlichen
Zurechtweisung widersetzte und die Berechtigung eines solchen
Verhaltens erklärte.

Der Genuß vertreibt den Schmerz –
dies ist eine offenkundige Tatsache, die es verdient, die Grundlagen
der wissenschaftlichen Forschung zu verändern. Wenn man annimmt,
daß der Patient, der sich heftig gegen den ihn quälenden
Schmerz auflehnt – und zwar noch bevor dieser ihn überwältigt
-, seine Genesungschancen um 70% erhöht, so wird man zugeben,
daß eine bestimmte Geistesverwirrung darin liegt, den
umgekehrten Weg zu gehen. Dieser Weg geht eigentlich von einem
krankhaften Zustand aus, in dem der vom Leben ferngehaltene Genuß
– ob man es will oder nicht – seine Befriedigung im Leid, im Opfer
und im Tod sucht und dabei vorgibt, eine wie auch immer geartete
Gesundheit wiederherzustellen.

Wann endlich wollt ihr der
sadomasochistischen Schule, der vom Geist gelenkten Erziehung, der
Einführung in die Zwangsarbeit und jenem Lernprozeß
kündigen, dessen Fortschritt auch derjenige des Gefühlsmangels
ist, so daß der klügste Therapeut selbst noch nicht weiß,
wie sehr die eigenen Krankheiten die Wahl einer Sehnsucht sind?

 

Der
Wille zum Leben und sein Bewußtsein

Auf einem Gebiet, dessen Kontrolle die
Medizin sich durch Mißbrauch vorbehalten hat, würde das
Wissen darin bestehen, den Dialog mit dem Körper zu führen.
Es scheint, daß die Krankheit dort spricht, wo das Begehren zum
Schweigen und zur Selbstverleugnung gezwungen wurde. Es bleibt jedem
überlassen zu entdecken, wo und wie eine entstehende Wollust in
einer Ecke zusammengekauert und zu schmerzhaften Knoten geschrumpft
ist, so daß die Medizin keine andere Wahl hat, als zu
schneiden, da sie die Zustimmung des Körpers nicht erlangen
kann.

Doch aus dem getrennten Denken, wie
hellsichtig es auch die Spalte erkennen mag, in der das festgeklemmte
Begehren weint, wird niemals die Fähigkeit entstehen, das
Gleichgewicht des Lebens im Körper wiederherzustellen. Nur die
Leidenschaft für das Lebende und die Eigenliebe können den
Zweifel und die Angst überwinden, die von Kindheit an ins Herz
geträufelt wurden. Nur die Leidenschaft, die sich aufmerksam
jeder Lust des Tages und der Nacht widmet, kann die primären
Triebe in jene Verfeinerung der Begierden umwandeln, welche die
einzige Substanz des Menschlichen ist.

Ein neues Bewußtsein entdeckt
seine Praxis. Immer weniger glaubt der Arzt an die Medizin, immer
mehr ahnt der Kranke in seinem Leiden die Folge täglicher
Verstöße gegen die Lebenslust; der Körper seinerseits
lehnt allmählich seinen herkömmlichen Status als
Produktions- und Konsumtionsmaschine ab, in der die Leidenschaften im
Trichter der Verdrängung und der Abreaktion zerrieben werden.
Der Körper als Arbeitsstätte hat ausgespielt. Kein Leid
läßt sich rechtfertigen, da kein Genuß einen
Verzicht verlangt. Eine lebende Ganzheit entdeckt die Kraft des
Schaffens und des Sichselbstschaffens. Die Träume der Erde und
des Körpers sind dieselben, sie zeigen, wie eine erwünschte
Wirklichkeit den Göttern der Macht und des Geldes entrissen
wird, in der das Leid, die Krankheit, das Verbot und der
gesellschaftlich finanzierte Tod kein Bürgerrecht mehr haben.

 

Das getrennte Denken hat immer nur die Intelligenz des
sich selbst verneinenden Lebens produziert


VON DER INTELLEKTUELLEN ARBEIT ZUR FRÖHLICHEN WISSENSCHAFT

Der gemeinsame Triumph von Physik,
Chemie, Medizin, Mathematik, Raumfahrt, Biologie, Architektur,
Psychologie und Soziologie hat mehr Unterdrückung und Geld
gebracht als Glück. Die Wissenschaften haben den Wohlstand
innerhalb der Grenzen von Angebot und Nachfrage in alle Welt
verbreitet und die menschliche Tätigkeit auf eine Tätigkeit
des Marktes reduziert.

Indem sie den Fortschritt und seine
Kehrseite anklagen, wollen uns diejenigen foppen, die stolz darauf
sind, die Natur bis hin zum Atom auszubeuten und zu vergewaltigen,
diejenigen, die aus einem Kern des Lebens eine Energie des Todes
gewinnen, die sich als sehr nützlich erweist, Hütten zu
beleuchten und den durch radioaktive Verseuchung verbreiteten Krebs
zu heilen. Welche Wohltat kann man von einem Fortschritt erhoffen,
der von einem auf der Ausplünderung des Lebenden gegründeten
Warenprozeß bestimmt wird?

 


Eine Wissenschaft der Ausbeutung von Mensch und Natur

Wie kann man sich mit einem Frieden
zufrieden geben, der den Krieg nur unter der Bedingung fernhält,
daß er die Handelsinteressen besser zufriedenstellt? Wie kann
man sich mit einem friedlichen Wissen begnügen, das in sein
Gegenteil umschlägt, sobald es irgendeinen Profit wittert? Und
vor allem, wie kann man es dulden, daß die erfinderische
Kreativität zusammen mit der Lust durch das Fallbeil der
Rentabilität getötet wird? Von den verschleißfreien
Glühbirnen bis zu den kostenlosen Energien sind unzählige
Patente, die dem Erfinder zwecks Zunichtemachung abgekauft werden,
nur der sichtbare Teil eines Terrors, der über ein Wissen
aufrechterhalten wird, das zwar nicht geheim ist, aber der geheimen
Wirklichkeit der Begierden innewohnt. Muß es so sein, daß
die Schöpfung auf der Suche nach ihren Dichtern immer wieder nur
auf die Taschenrechner stößt, die Preise anzeigen?

 

Die
gefälschte Wirklichkeit

Die Ökonomie hat die gesamte
Wirklichkeit gemäß ihrer Perspektive eingerichtet. Sie
konnte zwar dem Auge, dem Denken, den Gesten, dem Wort und den
Empfindungen ihre besondere Richtung aufzwingen, aber ihre Macht ist
nicht derart absolut, daß sie uns daran hindert, den
ungeschändeten, ihrem Medusenblick entzogenen Teil der Natur
wahrzunehmen.

Eine Wirklichkeit wurde als die einzig
bestehende ausgegeben, während sie doch in ihrer dürftigen
materiellen und geistigen Dualität nur jene Wirklichkeit ist,
die die zur Ausbeutung der Natur notwendige Arbeit bis in die
mechanische Konditionierung des Körpers hinein fabriziert. Ihre
Unmenschlichkeit mußte sich auf empörende Art von den
humanistischen Ansprüchen, die sie hervorbringt, abheben, damit
die Leute sich heute endlich von einem abstrakten Wissen abwenden und
anfangen, über ihre Begierden zu diskutieren. Die Erde und mein
Leben sind mir Stunde für Stunde viel zu wichtig, um mich noch
mit Spekulationen zu beschäftigen, die die Welt dahin führen,
wohin ich sie nicht geführt haben möchte. Die echte, noch
zu schaffende Wissenschaft ist die des Selbstgenusses – hic, nunc
et semper.

 


Die Mauer des getrennten Denkens oder die Verzweiflung der
Wissenschaften

Das Wissen wurde vom Leben getrennt wie
der Produzent von seinen Begierden, der Geist vom Körper und die
Kopfarbeit von der Handarbeit. Das Denken hatte nur noch das Denken
und den abstrakten Menschen zu kennen, eine leere Form also, in die
das konkrete Individuum nur dann eingehen kann, wenn es sich
entleert.

Das Denken des ökonomischen
Zeitalters dreht sich seit zehn Jahrtausenden in dem Kreis, in dem es
eingemauert ist und mit dem es die Wirklichkeit der Begierden und der
natürlichen Kostenlosigkeit umgibt.

Ein Denken, das das Leben ausschließt
und verneint, kommt nur vorwärts, indem es sich selbst verneint
und ausschließt. Die Universalbibliothek der Ideen hat ihre
Vielfalt auf eine ständige Banalität gegründet, in der
sich das Alte als das Moderne und der kritische Geist als neuer
Konformismus verkleiden.

Als rebellische Dienerin der Theologie
hat die Philosophie einen Angriff gegen sie geführt, der die
Vorrangstellung der irdischen Ökonomie vor ihrer himmlischen
Darstellung zum Ausdruck bringt. Ähnlich offenbaren der Verfall
des Heiligen und der Sieg der entheiligten Werte das Ende der
Agrarstruktur und die Eroberung der Welt durch die Warenmodernität.
Nichts ändert sich wirklich außer der Form einer stets
unveränderlichen Unterdrückung.

Jedesmal, wenn der Intellektualismus
Licht auf das Projekt einer menschlichen Befreiung warf, hat er es
sofort wieder verdunkelt, indem er für den Geist und gegen das
Chaos der Materie – wohlgemerkt gegen die körperlichen Triebe –
Partei ergriff. Von Anfang an hat die Ernüchterung alle Vorhaben
der Entmystifizierung zum Straucheln gebracht; sie ahnten, daß
der Abbau einer Lüge nur geschah, um eine andere aufzubauen.

Es ist das Drama des getrennten
Denkens, ohne den Körper nichts zu sein und ihn so zu behandeln,
als ob er etwas sei, was keinen Wert habe. Bekanntlich konnte die
Religion das letzte Wort gegen die sie verdrängende Philosophie
noch lange Zeit gerade dort behaupten, wo die Ideen ihre Unfähigkeit,
das Leben zu verändern, zugeben mußten. Dort brachte sie
die Angst vor dem Tod und den Trost zu sterben als letzte Wahrheit
zusammen.

Das Gefühl, daß ein Leben zu
schaffen sei, ist der Philosophie, den Ideologien und den
Wissenschaften genau so fremd wie der Theologie geblieben. Man
versteht, warum die Intelligenz so oft in der Feststellung des
Scheiterns geglänzt hat: Indem der Denker die Menschen und die
Dinge erklärte, beschwor er das eigene, hoffnungslos
unerforschte, weil nicht auf den Begriff reduzierbare Leben. Die
Fabel über die Götter, den Himmel und den reinen Geist ist
gewissenhafter untersucht worden als das Dasein der von der Erde
stammenden Menschen. Es gibt kein Geheimnis des Lebens, wohl aber ein
sorgfältig gehütetes Geheimnis über die Arbeit, die
das Leben verneint und in eine Nacht zurückdrängt, in der
die Triebe sich zu grauenerregenden Ungeheuern aufwerfen.

Gewiß sollte man sich heute über
eine Erkenntnis freuen, die stärker auf Natur und Körper
bedacht ist. Aber wenn so viel Wissen auch dem Leben sehr nützlich
sein mag, wird es doch auf dem Weg jedes einzelnen, sein Schicksal zu
schaffen, nicht weiter benutzt. Es bleibt in den Händen von
Leuten, die sich eher um Prestige und Geschäftemacherei kümmern,
als daß sie sich für die Alchimie der ursprünglichen
Libido und die Verwandlung der menschlichen Bedürfnisse
begeistern.

Es ist erfreulich, daß der
Zusammenbruch der Macht eine Demokratisierung des Wissens nach sich
zieht. Gewiß wird die Kultur scheibchenweise und per
Sonderangebot abgesetzt, wobei man von einer beliebten Idee ganz
richtig sagt, sie sei ein „Kassenschlager“. Allerdings hat
das, was bezahlt werden muß, nur einen geringen Anteil an den
Momenten des Glücks, die man sich selbst schafft.

Was für ein Reichtum hingegen in
der Rumpelkammer der Wissenschaften und den Lagerhallen des
getrennten Denkens! Welch leidenschaftliche Neugier wird eines Tages
von dem angehäuften Kram Besitz ergreifen, um ihn auf dem Weg zu
den eigenen Lüsten einzubeziehen und zu benutzen!

 

Die Inflation des abstrakten Wissens gibt weder dem
Gelehrten recht, der alles über die Welt und nichts über
sich selbst weiß, noch dem Unwissenden, der, da er alles von
seinen Begierden zu lernen hat, sich nur weiterbildet indem er sie
unterdrückt.

Die
Allergie gegen ein gewisses Wissen

Man konnte in den achtziger Jahren
sehen, wie neue Generationen sich einer Art von Unwissenheit und
Unbildung rühmten, was streng von Intellektuellen getadelt
wurde, die in ihrer unerschütterlichen publizistischen
Gelehrsamkeit verankert waren. War das nicht die Ablehnung eines
Wissens, das, seines Gebrauchswertes beraubt, als Tauschwährung
für müßige Autoritäts- und Profitgeschäfte
diente? Wenn es schon widerlich war, Kenntnisse erwerben zu müssen,
um zu Geld und Würden zu gelangen, dann kam zur Verachtung noch
die Lächerlichkeit hinzu, sobald die Belohnung selbst nicht mehr
sicher noch anerkannt war.

Wie bedauerlich es auch gewesen sein
mag, für die Unwissenheit Partei ergriffen zu haben, so wurde in
diesem Fall doch die Ablehnung eines von außen aufgezwungenen
Wissens klargemacht, das im Namen unfehlbarer Päpste – Marx,
Freud und tutti quanti – voller Erbarmen verteilt wurde. Es war ohne
Zweifel auch eine Absage an die ökonomischen Kriterien, die die
Kenntnisse gemäß der Nachfrage des Stellenmarktes und
mithin gemäß der sklavischen Haltung bewerten, zu der die
Schaffenskraft sich erniedrigt, wenn sie sich der Arbeit unterwirft.

Jeder nimmt jetzt deutlich wahr, bis zu
welchem Punkt die Kenntnisse in ein System sozialer Integration
eingegliedert sind, in dem alles aus Pflicht und nichts aus Lust
unternommen wird. Wenn die Schüler so mühsam lernen und
Peitsche, Verwünschung, Flehen und Verlockung dazu nötig
sind, so kommt das daher, daß es zwischen den Anforderungen der
Arbeit und der Anstrengung, die durch eine wache, spielerische und
bezauberte Neugier hervorgerufen wird, nichts Gemeinsames gibt.
Solange die Wissenschaft ihren Lernprozeß auf die lukrative
Moral der Arbeit und nicht auf den Genuß gründet, aus dem
das Schaffen entspringt, wird das Kind, das aus Sand, Steinen,
Brettern, Schachteln und Träumen prächtige Paläste
errichtet, selbst aus dem reichsten Material der Erwachsenenwelt nur
Städte und Siedlungen bauen, die wie Kasernen, Fabriken und
Sterbeanstalten aussehen. Gerade den Kindern, diesen dem Leben am
nächsten stehenden Wesen, ein abstraktes Wissen aufzuzwingen,
ist keineswegs eine der geringsten Verirrungen der Erziehung. Soll
man sich dann noch wundern, wenn die Schule, von der allgemein
angenommen wird, sie mache aus ihnen Menschen, vorzeitig gealterte
Kümmerlinge hervorbringt, die sich zwar in den Wissenschaften
auskennen, aber nicht wissen, was sie wirklich wollen und wünschen?

 

Das
Wissen zum Leben zurückführen

Unaufhörlich hat die
Warenexpansion die Wege des Wissens geebnet, und dennoch haben die
meisten wissenschaftlichen Kühnheiten mit dem gesunden
Menschenverstand gemein, daß sie selten über den Rand des
Ladentisches hinausgehen. Das Wissen hat die Einheit des Weltalls
wiederhergestellt, indem es ferne Länder entdeckte und den
Makrokosmos sowie den Mikrokosmos enthüllte. Diese Einheit hat
aber an der religiösen Lüge teil, welche die Erde gewaltsam
mit dem Himmel vereinigt und sich an die Stelle der
Grundübereinstimmung von Leben und Natur setzt.

Der Rückgriff des internationalen
Marktes auf den Hedonismus hat genügt, um zu zeigen, wie
gleichgültig der Wissenschaft das Begehren ist, wenn es der
Verpackung entkommt, die ihm durch die Forderungen des Konsums
aufgezwungen wird.

Einmal mußte diese
fortschreitende Verlagerung vom Wahrnehmbaren auf das Geistige, vom
Erlebten auf dessen Repräsentation durch eine große
Bewegung hinweggefegt werden. Man wollte sich nicht länger um
die Reden scheren und konnte endlich zur unbefangenen Neugier des
Kindes kommen, das mit dem Finger das berühren will, was es zu
kennen wünscht.

Wir können nichts mit einem Wissen
anfangen, das dem Reigen unserer Freude und unseres Leids fremd
bleibt. Es steckt zuviel Lust darin, die Welt zu entdecken, indem man
sich selbst entdeckt, als daß man sich damit begnügt,
endlos die Bilanz eines Universums zu lesen und wieder zu lesen, in
der allein die Zahlen sich ändern und alles auf ihr Maß
beschränken. Es ist wirklich an der Zeit, den Zauber der
Kindheit und des Traums in das Arsenal der Wissenschaften
einzuführen, damit solch eine erfinderische Fülle nicht
weiter mit unserer Bedürftigkeit bezahlt wird. Einer einzigen
Forschungsreise, dem Abenteuer in der Galaxie der Begierden, wird es
vergönnt sein, die Türen eines toten Horizontes auf die
Unendlichkeit des Lebenden zu öffnen.

 


Die wissenschaftlichen Wahrheiten der Macht

Eine wissenschaftliche Wahrheit, die
nicht einem unbestreitbaren Fortschritt des Menschlichen untersteht,
drückt nur eine unmenschliche Wahrheit aus und verdient es, ohne
Rücksicht behandelt zu werden.

Bedenkt, daß es keine Schandtat
gibt, für die das Wissen und die Wissenschaften sich nicht zu
diesem oder jenem Zeitpunkt ihrer Herrschaft verbürgt haben. Das
Privateigentum, das Vaterland, die Konkurrenz, das Faustrecht, Gott,
die Ungleichheit, der Rassismus, die Minderwertigkeit der Frau, die
Vortrefflichkeit der Kernenergie haben die Bewunderung von
Entdeckungen hervorgerufen und sich mit den Lorbeeren der Wahrheit
geschmückt. Niemand hat sich darüber gewundert, daß
die Beweise, die ihnen den Rang einer feststehenden Tatsache
sicherten, von Gründen abhingen, die umso unumstößlicher
waren, als die jeweiligen ökonomischen Forderungen deren
Berechtigung bekräftigten.

Die Richtung einer Beobachtung,
eines Experiments, einer Theorie ist im Verhalten des Beobachters,
Experimentators oder Theoretikers schon vorgegeben. Daß die
Wissenschaft an der Ausbeutung der Natur zu lukrativen Zwecken
teilhat, daß sie nicht mehr und nicht weniger als eine Arbeit
ist, erklärt hinreichend, warum zahlreiche wissenschaftliche
Wahrheiten aus einer stillschweigenden Verachtung gegenüber dem
Leben als Genuß und als Schöpfung hervorgehen.

Eine solche Verachtung hat je nach den
Menschen und den Epochen verschiedene Formen angenommen, es gibt aber
nur wenige Beispiele von Wissenschaftlern, deren Dünkel,
Starrsinn, asketische Mentalität, Mangel an Großmut und an
Wissen über die Liebe die Erfindungen und Entdeckungen nicht mit
irgendeinem schändlichen Keim infiziert haben.

Die rassistische Eitelkeit der
Sprachforscher und Biologen des 19. Jahrhunderts errichtete auf
Grundlagen, die als ausgezeichnet galten, die Wahrheit der
Ungleichheit der Rassen. Der fortschreitende polizeiliche Scharfsinn
und das Bemühen, die gefährlichen Elemente des
gesellschaftlichen Magmas zu isolieren, legen das Fundament für
die Soziologie, die Psychiatrie und sogar für die Psychoanalyse.
Die Medizin vervielfacht ihre Erfolge, indem sie den Körper
einer komplizierten Maschine gleichstellt, deren Geheimnisse sie
ergründen will, während gleichzeitig die Geheimnisse der
Erde den Bohrtürmen und der Börsennotierung preisgegeben
werden; damit bürgt sie einerseits für die Denaturierung,
die den Krebs verursacht, und baut andererseits eine lukrative
pharmazeutische Industrie zu seiner Behandlung auf. Sogar die als
ewig geltenden Wahrheiten werden einer spirituellen Bedeutung und
Berufung gemäß sozusagen „fabriziert“. So soll
z.B. die Schwerkraft die Idee einer göttlichen Uhr, einer
mechanischen Perfektion verewigen; der Urknall soll die
Gotteshypothese, diesen alten Furz unter der Decke, aufspüren,
während ähnliches mit den Errungenschaften der Genetik
geschieht, die von Leuten manipuliert werden, deren alltägliches
Verhalten man gern kennenlernen würde, wie auch den Anteil, den
die Liebe zum Leben darin einnimmt.

Wie könnte eine durch das Leid
entrissene Wahrheit nicht das Spiegelbild einer Wirklichkeit sein,
die sich unter Schmerz und Qual aufdrängt? Eine Wissenschaft,
die, um vorwärts zu kommen, einen Menschen, ein Tier, einen
Wald, eine Landschaft, ein ökologisches Gleichgewicht opfern
muß, ist eine Wissenschaft des Todes. Ein Forscher, der seine
Funktion und seine Rolle auf Kosten seines Lebens bevorzugt – wie
z.B. diese „Koryphäen“ voller Bitterkeit und
Verachtung, die ihr armseliges Spezialgebiet mit Händen und
Füßen verteidigen -, wird nur noch zukünftige
Friedhöfe entdecken.

 

Die fröhliche Wissenschaft ist der freie Gebrauch
der Kenntnisse durch den Willen zum Leben.

Die fröhliche
Wissenschaft

Der Markt der Kultur hat eine
beträchtliche Menge von Kenntnissen akkumuliert, mit denen wir
nichts anfangen können, da wir unsere Begierden meistens nicht
kennen. Es stimmt, daß ein Wissen, das verkauft wird und vom
Käufer verlangt, daß er sich von sich selbst entfernt,
mich im Grunde nichts angeht. Ein Markt kann seine Kurse ändern,
aber niemals das anbieten, womit man das Leben ändern könnte.
In einer Wissenschaft, die uns ihrem Wesen nach fremd bleibt, ist
jedoch alles zum Greifen nah, da sie aus einem getrennten und
gleichzeitig vertrauten Denken hervorgeht, das das Begehren zum
eigenen Vorteil nutzen kann. Nichts anderes soll aus dem Gedächtnis
gelöscht werden als der Abdruck des Todes – das heißt der
Trennung.

Es gibt keine Gelehrsamkeit, kein
genaues Wissen, keine Spekulation, keine Träumerei, die nicht
jenen phantastischen Geometrien ähnlich wäre, deren
ungeahnte praktische Anwendung eines schönen Tages entdeckt
werden wird: Sie warten darauf, sich in der Vielfalt der
individuellen Schicksale zu verkörpern. Die Sorge um die
Erlangung eines Wissens auf den Gebieten, wo der Stachel der Begierde
die Neugier weckt, bahnt einem reiz- und liebevollen Lernen und
Lehren in dem Maße den Weg, wie das Gefühl der natürlichen
Kostenlosigkeit sich durchsetzt. Es geht nur darum, aus
aufdringlichem Interesse und nicht mehr aus Zwang Kenntnisse zu
erwerben.

Es liegt in der Natur des Kindes, daß
es überall herumstöbert und auf alles neugierig ist. Und
welche Antworten bekommt es zu hören? Man erteilt ihm eine
Abfuhr und bringt es zum Schweigen, um ihm nicht mit verlegener
Unwissenheit gegenüberstehen zu müssen mit dem
Nebengedanken, es werde später in der Schule ohnehin
Computerlösungen eingebleut bekommen, deren Nützlichkeit es
nicht mehr erkennt.

Da die fröhliche Wissenschaft an
einer leidenschaftlichen Suche teilhat – an der Suche nach dem Gral
des Genusses und der Erschaffung seiner selbst -, will sie alles von
der Allgegenwart des Lebenden wissen und verstehen, angefangen beim
Labyrinth der Begierden, dessen Weg und Mitte jeder von uns ist.

Es ist bekannt, zu welchen
bedauerlichen Antworten die unvermittelte Frage: „Die Erfüllung
welcher Wünsche würde Sie am glücklichsten machen?“
meistens führt. Eine Frage, die sich eigentlich an den Verstand
richtet und ärgerlicherweise an die abschreckende Drohung
erinnert, die das Kind gerade in dem Augenblick erhält, da es
Experimente mit seinen Begierden anstellt: „Weißt du
eigentlich, was du willst?“ Nein, das Kind weiß es nicht,
es bemüht sich darum, es herauszubekommen, aber alle wollen es
ihm ausreden. Es wird später nur die Möglichkeit haben,
jeden Tag zwischen Kopf und Zahl derselben Münze, der des
Verzichtes, zu wählen: d.h. entweder viel Geld haben oder den
Seelenfrieden genießen. Aber sich wohlfühlen in seinem
Körper und in der Welt?

Da das Kind jetzt allmählich der
Kastration durch die Ökonomie entgeht, erleben wir vielleicht
eines Tages, wie das Lernen auf jenem ursprünglichen Vertrauen
gründet, welches das Gefühl verleiht, seinetwegen und nicht
seiner Verdienste wegen geliebt zu werden. Keine Lektion prägt
sich ein, wenn sie nicht zunächst dem Begehren angehört und
zu ihm zurückkehrt, um es zu vervollkommnen. Verstehen heißt,
es auf sich nehmen, die eigene Lust und die Lust von seinesgleichen –
das sind diejenigen, die in demselben Sinne verstehen – zu steigern.
Weder von Meistern noch von Schülern hängt das Wissen ab,
es gehört der Leidenschaft zu lieben an, die die Einheit von
Intelligenz und Gefühl entdeckt und wiederherstellt.

 

 

 

 

 

III.
DIE MATERIA PRIMA UND DIE ALCHIMIE DES ICHS

 

Die Rückkehr zur Kindheit leitet die Wiedergeburt
des Menschlichen ein.

DIE ZWEITE
GEBURT DES KINDES

Die Mißbildung, die die Menschen
dahinsiechen läßt, geht aus dem Schicksal hervor, das den
Kindern vorbehalten ist: Sie werden mit einer Natur geboren und mit
einem Charakter groß. Die Kostenlosigkeit der Liebe gibt ihnen
das Leben, die Gesellschaft nimmt es ihnen weg – so nimmt das Gift
des Umsatzes dem Baum das Laub und der Leidenschaft ihre Reize.

Kindheit: Reichtum des Seins, durch das
Haben verarmt, Morgen der Begierden, durch öde Fabriken
verdüstert, verkürzte Geschichte einer Zivilisation, die
die Kunst, menschlich zu sein, durch die merkantile Tüchtigkeit
ersetzt.

Der Tod triumphiert im planetarischen
Sieg der Ökonomie, und alles, was verzweifelt, arbeitet an
seiner Vervollkommnung. Genug dieser in der Partei der Verstorbenen
gereiften Revolutionen! Revolutionär ist, das Lebende zu
schaffen. Sind nicht die abgefeimtesten Politiker und Geschäftsleute,
die einen seismographischen Sinn für gesellschaftliche
Veränderungen haben, darum bemüht, den Schein des Lebenden
als letzte ideologische Verpackung für die letzten Waren zu
benutzen?

Sie wissen, daß die Zärtlichkeit
den Verkauf fördert, sie wissen aber nicht, daß sie nicht
käuflich ist, denn sie kennen nur die ökonomische Wahrheit.
Die Wirklichkeit der Begierden wird sie überrumpeln. Sie mögen
unter das Totengeläut einer sterbenden Gesellschaft noch so sehr
die Trompeten des Interesses mischen, das sie dem Kind, der Tier- und
Pflanzenwelt bezeugen, dennoch nehmen sie weder das Lied der Erde,
das ihre Stimme übertönen wird, noch die neuen Harmonien
eines Lebens, das sich zurechtrückt, wahr.

Die höchste Gefahr, der sich das
unaufhaltsame Wachsen des Lebenden aussetzt, besteht weniger im
Ansturm der lukrativen Rekuperation als im Angst- und Todesreflex,
dessen Verschwörung seit Jahrhunderten den Genuß mit
Verboten belastet. Deswegen kommt es noch vor, daß gegen ein
immer allgemeiner verbreitetes ökologisches Gefühl
plötzlich irgendeine wütende Entschlossenheit aufsteht, die
Natur zu verwüsten, oder daß als Kontrapunkt zu einer
wachsenden, überall betonten Zuneigung eine blinde Gewalt
inmitten der Familie und der Gesellschaft auf das Kind einbricht.

Ganz gewiß wird man nicht mit der
Neigung zum Mord fertig, indem der Angst vor dem Leben, die zum Töten
verleitet, die Angst vor der Strafe hinzugefügt wird. Eine
Gesellschaft hat nur die Verbrechen, in die sie Geld steckt. Für
die jetzige ist es zu spät, sich durch den Kampf für den
Schutz der Kinder reformieren zu wollen, während aus der
Versöhnung von Natur und Kindheit menschliche Beziehungen im
Entstehen sind, die das Maß einer radikal anderen Gesellschaft
vorgehen.

 


Nicht die verletzte, sondern die blühende Kindheit in sich
selbst wiederfinden

Die Psychoanalyse ist ein Hilfswerk für
die Gefühlsbeschädigten; sie erleichtert ihre
Wiedereingliederung in eine Gesellschaft, die sie beschädigt.
Bezahlt wird der Psychoanalytiker, um zu erklären, wie das
Trauma stufenweise die Schuld bereinigt, die jeder bei seiner Geburt
eingeht und die jedem ausdrücklich befiehlt, sich selbst zu
töten.

Nun lädt die Entwertung jeglicher
Zahlungsweise zu natürlicher Kostenlosigkeit ein. Allein das
Licht der gegenwärtigen Genüsse kann die gespenstischen
Zwangsvorstellungen der Vergangenheit vertreiben. Steigen nicht
gerade die glücklichsten Augenblicke der Kindheit an die
Oberfläche, wenn die unermeßliche Fülle dem Körper
sozusagen ein ewiges Leben einhaucht? Ein umso stärkeres Gefühl,
als es meist aus dem entspringt, was ein auf den Nutzen
ausgerichteter Geist für geringfügig zu halten beste Gründe
hat: eine Geste der Zärtlichkeit, eine Landschaft, ein Wort, ein
Blick, ein Tonfall, ein Geruch, eine Begegnung, ein Geschmack.

Es geht nicht mehr darum, die Traumata
auf sich zu nehmen, man sollte nur Zustände der Gnade anstreben.
Die Leidenschaften, von der Zuneigung geleitet, würden sich
nicht länger in diesem langen Todesschrei zerfleischen, der ihre
bisherige Geschichte war. So viele vereinzelte Träume und
Erinnerungen deuten auf so viele Leben hin, die auf der Suche nach
sich selbst gewesen sind, daß mir scheint, es gebe nichts
Wünschenswerteres auf der Welt als die dringende Bitte zu
erfüllen, die sie jeden Augenblick zum Ausdruck bringen.

Mögen die Zeiten kommen, in denen
das Kind sich über genug Liebe freuen kann, um zu lernen, das zu
werden, was es beim Heranwachsen zu sein nie die Chance hatte: ein
Mensch. Der freie Gebrauch der Kreativität wird ihm eine
zunehmende Autonomie sichern und es von der elterlichen und
staatlichen Vormundschaft befreien. Endlich wird ihm das Privileg
zuteil werden, am Ufer der Liebe anzulegen – ohne die lächerlichen
Umwege und Verzerrungen, denen die Erwachsenen sich so heftig widmen,
daß sogar die vom Glück begünstigten Inseln zu
Stätten der Angst, der Krankheit und des Wahnsinns werden.

Nur die in ihrer natürlichen
Kostenlosigkeit wiederhergestellte Liebe gibt den Begierden ihre
ursprüngliche Einfachheit und eine Animalität zurück,
zu deren Verfeinerung gerade das Lernen berufen ist. Es macht das
Kind mit seinem Schicksal vertraut: einzigartig auf der Welt zu sein
und solidarisch mit einem überall gegenwärtigen Leben.

Die Humanisierung der Begierden bildet
die Grundlage einer neuen Erziehung, deren Prinzipien jedoch immer
diejenigen der einfachsten Lüste gewesen sind. So zum Beispiel
die Kunst, die nach und nach aus der rohen, unklaren Empfindung eines
ersten, in jungen Jahren getrunkenen Schlucks Wein eine Herausbildung
des Geschmacks und des Gaumens und eine Suche nach feineren Gewächsen
macht.

 

Die
aus dem Lebenden herausgerissene Zeit

Die Ausbeutung der Natur hat sogar die
Zeit denaturiert, die den lebendigen Organismen zugeteilt ist. Die
Verseuchung durch die Ware hat die Existenz der Algen, der Bäume
und der Seehunde ihrem Gesetz der allgemeinen Artenvernichtung
unterworfen. Fügen Sie noch die Ozonschicht, den Boden und die
Atmosphäre hinzu, so können Sie ziemlich genau die
Geschwindigkeit messen, mit der die Ökonomie sich verwirklicht
und das Leben auslöscht.

Was ist der weltweite Tod, dessen
Vollzug wir jetzt wie einer Ragnarök, Apokalypse oder dem
Jüngsten Gericht der religiösen Legenden zusehen, anderes
als jene Zeit, die der Ewigkeit des Lebens von einer Geschichte
entrissen wurde, in der das Sein der Ökonomie das Nichts des
menschlichen Seins programmiert? Die Zeit der Expansion des Lebens
ist in eine Zeit der Expansion der Ware umgewandelt worden; damit
wurden die biologischen Rhythmen, der Wechsel von Aufregung und Ruhe,
die Reihenfolge von Systole und Diastole einer durch Verlust und
Gewinn, Fortschritt und Rückgang, Glück und Unglück
geprägten Dauer unterworfen, einer Zeit, die Geld ist und sich
dem Marktwert gemäß entwickelt und abwertet.

Es gehört zu dieser Zeit, in
welche die Produzenten wohl oder übel mit hineingerissen werden,
daß sie sich im Takt der Geschäfte verbraucht und
diejenigen im selben Maß verschleißt, die durch die
Geschäfte weit von sich selbst weggetrieben werden.

 

Die Gegenwart kennt kein Alter.


Das Ende des Alters als Macht und Vorstellung

Die Anglo-Amerikaner, die es oft am
besten verstanden haben, mit den Neurosen eines merkantilen Daseins
umzugehen, benutzen das Wort stress, um den Zustand der zum
guten Gang der Geschäfte notwendigen Aufregung zu bezeichnen.

Heute bezahlt die Hektik aber die
Nerven- und Geisteszerrüttung so schlecht, daß etliche
Leute, der ständigen Ermüdung einer mechanisierten Zeit
überdrüssig, den unerwarteten Genuß des gegenwärtigen
Augenblicks wie ein Privileg wiederentdecken. Ein Stück ihrer
selbst wird ihnen zurückgegeben, sie zieren sich noch, es
anzunehmen, wollen dann aber mehr davon.

Beim Zusammenbruch der Macht hat das
Alter die Tressen des Prestiges eingebüßt. Der
Generationskonflikt, der die freche Borniertheit der Jüngeren so
lange der überheblichen Dummheit der Älteren
gegenüberstellte, ist dabei, aus Mangel an glaubwürdigen
Kämpfern wie durch einen Taschenspielertrick zu verschwinden.
Beim heutigen Sturz der Werte wartet der Archaismus nicht mehr auf
die späten Jahre. Die Märkte, die in ihrem Niedergang alle
Register ziehen, treiben wahllos sechzehn- oder achtzigjährige
Greise in die Altersschwäche. Das gleiche nichtige Leben stellt
zwischen dem jungen Unternehmer und dem alten, mit allen Wassern
gewaschenen und von Börsenerfolgen gezeichneten Spekulanten ein
Gleichgewicht her. Die Beschleunigung des mechanisierten Körpers
tut das sich auf das ganze Leben erstreckende Greisenalter als
unwichtig ab.

Dagegen ist die Bedeutung, die von
Kindern und älteren Leuten der Liebe beigemessen wird, ein neues
Phänomen – so als ob das Leben dort wieder aufblühen würde,
wo die Autorität der Arbeit nicht zu ihrem vollen Recht kommt:
bei den ersteren, weil sie mit Bedauern eine Arbeit anfangen, bei den
letzteren, weil sie mit Erleichterung aufhören. Ein glückliches
Zusammenkommen von Leuten, die – noch nicht alt genug oder schon zu
alt, um zu produzieren und zu konsumieren – in der Sinnlichkeit des
gegenwärtigen Lebens Grund genug entdecken, um niemals jung oder
alt zu sein. Zwischen diesen beiden bleiben nur die Menschen der
Ökonomie, für die das Alter weiter am Grad ihrer Müdigkeit
gemessen wird, wenigstens solange Liebe und Lust sie nicht Kindern
ähnlich machen.

 

Die
neue Zeit ist die Zeit der Kinder

Jahrhundertelang hat sich die
Mentalität der Kinder nicht spürbar geändert. Sie ist
das Spiegelbild eines Machtkampfes geblieben: Es ging darum, groß
zu werden, um den Schikanen zu entgehen und den Schwächeren
welche zu machen. Das wurde kindliche Grausamkeit genannt.

Innerhalb einiger Jahre hat diese
Mentalität sich plötzlich zu ändern begonnen. Zunächst
entstand eine gewisse Verwirrung, eine Weigerung, alt zu werden und
sich in die absurde und hassenswerte Welt der Erwachsenen einzufügen.
Da diese Welt sich ohne Widerrede als die einzig mögliche
aufspielte, brachte ein gewisser Hang zum Tod die Enttäuschung
über diesen ausweglosen Schritt zum Ausdruck. Dann behauptete
sich aber der Entschluß, anders aufzuwachsen und zu einem
Menschen zu werden, der die Früchte einer glücklichen
Kindheit und nicht die unfruchtbaren Äste ihrer Negation trägt.
Nachdem das Kind aus einer Geschichte ausgeschlossen wurde, die in
Verachtung der Natur und des Menschlichen verlaufen ist, tritt es nur
so lange in sie ein, um ihre letzte Seite umzublättern und die
Tür hinter einer archaischen Zivilisation zuzuschlagen, die
keinen mehr interessiert.

Diese Gegenwart genügte, um neue
Banalitäten in die Mühle der öffentlichen Meinung zu
schaffen, die neues Mehl ergeben sollen. Das Kind ist nicht geboren
worden, um zu produzieren, sondern um das Leben, von dem es
geschaffen wurde, neu zu schaffen. Es kommt in der Kostenlosigkeit
der Liebe zur Welt und die Kostenlosigkeit der Liebe ist die
Grundlage seiner Lehrzeit, da es nicht mehr stimmt, daß die
Hand das Streicheln und Spielen verlernen muß, um ein Werkzeug
geschickt zu benutzen. Es stimmt auch nicht mehr, daß leben
lernen heißt, leiden, sich verstümmeln, sich aufopfern und
abrackern lernen; noch daß die Zuneigung sich durch ständiges
Feilschen in der Familie, der Schule und der Gesellschaft verkaufen
muß, um dann verwundert zuzusehen, wie aus den gebildeten
Kleinen recht gequälte Köpfe geworden sind.

Es ist beinahe nützlich,
diejenigen, die heute mit der Untersuchung dieser paradoxen Neuigkeit
anfangen, daran zu erinnern: Das Kind stammt nicht von einem anderen
Planeten, sondern es trägt einen radikal anderen Planeten als
Keimzustand in sich.

Die Untersuchung des Verhaltens von
Embryos und Kleinkindern kann nur in einem umfassenderen Projekt ihre
Bedeutung erlangen, im Willen, die Eigentümlichkeit des Kindes
wiederherzustellen und das weitere Wüten der Denaturierung zu
verhindern, die es mitsamt der Erde zerstört.

Im Kind wie in dem, was von Tier- und
Pflanzenwelt noch vorhanden ist, schlägt das Herz eines
ungeteilten Lebens. Daß eine solche Musik uns bezaubern kann,
ist im Takt des Todes, der das Fortschreiten des Planeten zum
endgültigen Stadium seiner Ökonomie begleitet, für das
Heil eines jeden von Bedeutung.

 


Die Entstehung einer alchimistischen Beziehung

Die Anfangserfahrung des Lebens wird in
der Entdeckung der ersten Kindheit sichtbar und wir wissen heute, daß
die ganze Entwicklung wieder aufgenommen werden muß, deren
brutale Unterbrechung der Hoffnung auf das Menschliche ein jähes
Ende bereitet hat.

Sie beginnt im Fötus und in der
großen Retorte des mütterlichen Körpers. Der Körper
ist ihre alchimistische Feuerstelle und ihre materia prima. Dort
wird das Kind in demselben Maße erschaffen, wie es sich selbst
erschafft, als Frucht eines Elixiers, in dem die Frau ihren Gefühls-
und Nahrungsvorrat anbietet und der Embryo sich herausbildet, indem
er die Mittel zu seinem Leben aus dem Überfluß seines
Lebensraumes schöpfen lernt.

Eine hellsichtige Betrachtung hat vor
kurzem dargelegt, daß es möglich ist, mit dem Kind im
Mutterschoß in Verbindung zu treten, es anzusprechen in einer
Sprache der Wärme und der Gefühle und ganz offensichtlich
nicht der der geschäftlichen Transaktionen.

Durch einen Zauber, der wie gerufen
kommt, wird zwischen den Menschen in ihrer radikalen Neuheit zaghaft
eine Beziehung alchimistischer Art ausgearbeitet, bei der die
Verwandlung der primären Natur die gleichzeitige Verwandlung der
handelnden Person einschließt. Der Erwachsene, der durch die
Welt des Neugeborenen hindurch das Kind und die Welt, die es in sich
trägt, wahrzunehmen versteht, erfaßt auch seinen Nächsten
mit demselben Blick. Er richtet sich nach den Menschen, in denen ein
Lebensfunke glüht, und belastet sich nicht mehr mit den
Gefährten des Todes.

So wie die Lebenserfahrung nach der
Geburt Gestalt annimmt, entfernt sie sich von der alchimistischen
Suche gemäß dem Abstand, der ihr von der
gesellschaftlichen Erziehung aufgezwungen wird. Im Verhalten des
Kleinkindes kommt die Hartnäckigkeit der Pflanze wieder zum
Vorschein, mit der sie aus ihrer Umgebung das Leben herauszieht, das
feindliche Gelände meidet und umgeht, um ihre Wurzeln in einen
belebenden Boden zu treiben. Gleichzeitig zeigt sich das Lernen des
Tieres, das eine Umwelt entdeckt, in der Hitze und Kälte,
Zärtlichkeit und Aggression, Fürsorge und Zurückweisung
herrschen. Aber schon gestaltet die menschlich-unmenschliche
Anwesenheit eine Landschaft, an der die Natur nur noch künstlich
teilhat, den fertigen Rahmen eines Zimmers, eines Hauses, eines
Gartens, einer Familie: Man muß dort hinein, zu welchem
Schicksal auch immer. Auch diese Landschaft wird von den
Veränderungen des Gefühlsklimas heimgesucht, von den
Stürmen der Wut und der Ungeduld, dem Rauhreif der
Unachtsamkeit, den Spannungen des Schuldgefühls, dem Frühling
der Zärtlichkeit, der Glut der Liebe, dem Wirbelsturm der
Neurose, dem Glanz der Fülle, dem Zittern des Begehrens und dem
beruhigenden Licht der Lust.

Zeichen, die das Kind nach und nach
entschlüsselt, deuten auf die Bedingungen, unter denen es sich
entwickelt. Bald ermutigt eine sanfte Aufmerksamkeit dazu,
voranzugehen, bald lehrt die Einsamkeit, die Initiative zu ergreifen,
der Gefahr des Unbekannten allein zu trotzen und die Autonomie zu
vervollkommnen. Auf dieser Suche, bei der man vergessen wollte, daß
sie eine Suche nach dem Glück ist, kommt es vor, daß das
Kind weint, mit den Füßen stampft, verzweifelt, indem es
sich der Hemmnisse und der Schwierigkeiten bewußt wird. Gerade
an diesem Punkt hat die Sache immer eine schlimme Wendung genommen,
wenn die Erwachsenen, durch die sie beherrschende Ordnung gequält,
auf ihr Herz verzichten und erkennen lassen, daß der Weg des
Genusses nicht derjenige des Wissens ist.

Sollte sich eine Wandlung abzeichnen,
dann in der neuen Kommunikation, die sich zwischen den Menschen
herstellt, die sich ihrer Unfertigkeit bewußt sind, und den
Kindern, die für ihr eigenes Lebenspotential empfänglich
sind. In dem Gefühl, allein die Suche nach der Lust nähre
die Erschaffung seiner selbst und der Welt und treibe sie voran,
liegt das Opus Magnum, die orphische Dichtung, die hinter das
Geheimnis der menschlichen Wesen und der Dinge gekommen ist und die
durch das Lebende, das diese sich bewahrt haben, die
furchterregendsten Furien des verdrängten Lebens besänftigt.

Das Schicksal hat keinen anderen
Schußfaden als denjenigen, der den jeden Tag aufs neue
begonnenen Wandteppich der Lüste webt, und diese Lüste
werden im Leben genossen und der Humanisierung der natürlichen
Umwelt angeboten. Nur diejenigen beginnen zu leben – so wie das Kind
es noch nicht verlernt hat -, die sich Zeit nehmen, auf Wesen und
Dinge den verwunderten Blick der Lust zu richten, die aus ihnen
geschöpft und vervollkommnet werden kann – nicht als
Betrachtung, sondern als Projekt einer unmittelbaren und endlosen
Schöpfung.

Die rohe Natur wird zur menschlichen
Natur auf dem Umweg über eine sinnliche Intelligenz – eine vom
Leben nicht getrennte Intelligenz, der es vergönnt ist,
allmählich den Platz einzunehmen, der durch das Verschwinden der
patriarchalischen Familie und der Erziehung ökonomischer Prägung
frei wurde.

Das in seiner Hierarchie von Funktionen
und Rollen erstarrte Alter folgt der wilden Flucht der Zeit, die sich
an Geld und Macht messen läßt. Die einzige wertvolle Zeit
ist die des gegenwärtigen Glücks, und sie ist die Zeit der
Ewigkeit. Wie man sehr wohl gesehen hat, war die Zukunft nur eine
Vergangenheit, die für die schlechte Parodie eines defizitär
gewordenen Verkaufs hastig renoviert wurde. Was hier und jetzt
verankert ist, muß keinen Wechsel auf den nächsten Tag
ausstellen.

Die absolute Waffe, über die das
Kind verfügt, ist die Zuneigung, aus der es wächst und die
es um sich herum wachsen läßt. Um sich selbst zu lieben,
gibt es nichts besseres als das Gefühl, geliebt zu werden;
umgekehrt schmieden Achtung und Verachtung die Kette der
Selbstgefälligkeit und des Selbsthasses. Genau in diesem Sinne
empfiehlt es sich, den alten Sinnspruch zu verstehen, dem gemäß
„die Liebe kein Alter kennt“.

 

Das einzige Modell menschlicher Erfüllung ist die
Liebe.

DER VORRANG DER
LIEBE

Zu keinem Zeitpunkt der Geschichte ist
die Natur zu so großer Denaturierung gebracht worden und zu
keinem Zeitpunkt ist ein so entschiedener Wille entstanden, sie neu
zu schaffen, indem sie von dem befreit wird, was sie knechtet.

Durch den Eroberungszug der Ware
angespornt, haben die Wissenschaften eine Seite der Erde erhellt und
die andere in die Nacht der Unwissenheit getaucht. So viele
Wahrheiten sind mit den Gezeiten hin und her gewälzt worden, daß
die abfahrtbereiten Schiffe in den verstopften Häfen vor sich
hin rosten. Keine Fahrt ging je über den ewigen Kulissenwechsel
verdreckter Buchten hinaus.

Heute ist die Erkenntnis nichts mehr
für uns, wenn wir nicht durch den Selbstgenuß Schlüssel
und Zugang zu ihr finden. Kein Wissen kann ohne das Bewußtsein
der Liebe gelten und keine Liebe kann ohne die Liebe zum Leben
gelernt werden.

 

Die
Liebe ist mit der Ökonomie unvereinbar

So wie das gemeinhin untersuchte Leben
nicht das Leben ist, sondern dessen ökonomisierte Form –
grundsätzlich eine Überleben genannte Dauer -, so kann die
Liebe nicht länger mit den Mechanismen verwechselt werden, die
sie so weit konditioniert haben, bis sie für ihre Substanz
gehalten wurden.

Der Zusammenbruch des Patriarchats und
dann des Feminismus, der kurz die Machtlücke gefüllt hatte,
hat die Gefühle aus einer Ansammlung von Funktionen
herausgelöst, die ihren Sinn und Reiz verfälschten:
Austausch der Rechte und Pflichten, Berechnung von Verlust und
Gewinn, Kampf zwischen dem Stärkeren und dem Schwächeren,
von Krieg und Frieden der Ehepartner beherrschte Konkurrenz, nach den
Kriterien des finanziellen Erfolgs geführter Familienbetrieb.
Mit immer größerer Genauigkeit ist eine Trennungslinie
zwischen den Gedenkstätten des Herzens und jenen Gebieten
gezogen worden, die unter der Kontrolle der merkantilen Gesinnung
stehen.

Was die Liebenden als Geschält
betreiben, treibt sie von der Liebe fort. Die eifersüchtige
Aneignung des Partners, die wie eine eroberte Stadt behandelte Frau,
die eheliche Verkettung von Frustration und Aggressivität, die
hygienische Befriedigung des Geschlechtlichen, der Verruf der
Zärtlichkeit, die als Anfall von Schwäche, Infantilismus,
Krankheit oder Wahnsinn betrachtet wird – dies sind archaische Züge,
und die Partei des Lebens lehnt es ab, die Leidenschaft der Liebe mit
ihnen zu identifizieren. Diese offenkundige Einsicht, die
paradoxerweise nicht selbstverständlich war, ist eine
erfreuliche Banalität: Die Liebe wird hellsichtig, seit sie sich
nicht mehr blind machen läßt.

Das wird durch das Auseinanderfallen
der herkömmlichen Familie bestätigt, der es nicht mehr
gelingt, die den Kindern von Natur aus entgegengebrachte Zuneigung
mit dem niederträchtigen Handeln zu verquicken, bei dem die
Liebe gegen die Gefügigkeit getauscht wird, der Schutz sich zur
Macht aufwirft und die Geburt eines Menschen der Produktion einen
weiteren zukünftigen Arbeiter zuführt.

 

Die
Ideologie der Zärtlichkeit

Lob und Verhöhnung der Ware:
während ein neues Bewußtsein den Betrug der Liebe ohne
Liebe denunziert, eröffnet der Markt der materiellen und
geistigen Werte seine Läden unter dem Firmenschild der
Zärtlichkeit und benutzt die Annehmlichkeiten der Seele und der
Wollust zur Umsatzsteigerung, mit dem alleinigen Zweck, die Segnungen
des Sozialismus und des Toilettenpapiers zu preisen.

Der Sündenbock, Prometheus und
Christus hatten dem der Arbeit geweihten und aus Rentabilitätsgründen
seiner Körperlichkeit beraubten Körper die ersten
Propagandabilder geliefert. Die letzte Version bietet heute die
Werbung für die Liebe an. Die Kastrierung des Begehrens hat nur
die Form geändert.

Die allerletzte Abstraktion des
Lebenden kommt den Leidenschaften, die sie parodiert und wieder in
Besitz nimmt, jedoch allzu nahe, und sie wird dem Willen zur
Authentizität nicht lange Widerstand leisten können, der in
jedem wie eine zu vollendende Kindheit wiedererwacht auch wenn die
Angst vor Aids eine Zeitlang die spektakulären Tugenden einer
vom Körper losgelösten Sexualität aufrechterhält
und die althergebrachte Furcht vor der Liebe unter dem Blick eines
HIV-positiven Christus mit erigiertem Glied verewigt.

 

Die Erbsünde

Die Furcht vor der Liebe ist eine
Furcht vor dem Leben. Sie geht aus dem Verbot hervor, das die
Warenzivilisation gegen die Kostenlosigkeit der Genüsse erlassen
hat. Die Liebe soll sich nicht hingeben, es sei denn, sie opfert sich
und bewirkt ihre Verdammung im Körper und mit dem Körper,
um im Geist und durch den Geist erlöst zu werden. Der
lächerliche Konflikt zwischen Reingeistigem und Fleischlichem
hat die Liebe so stark mit Ängsten und Frustrationen
vollgestopft, daß sie kaum damit beginnt, nicht länger
zwischen Keuschheit und Vergewaltigung zu pendeln, die bisher fast
immer ihre erbärmliche Bewegung begrenzt haben.

Die Liebe war das Böse, das in der
Erbsünde, in der Frau, im mörderischen Selbsthaß, in
der Hexerei der natürlichen Freiheit verkörpert war. Durch
die Aids-Pest wird die letzte Verurteilung der Liebe veranschaulicht,
und als einzige Möglichkeit, diese Schmach und ihre Wirkungen
auszulöschen, erahne ich die Macht einer Liebe, die endgültig
die Schar ihrer Richter und ihrer Schuldgefühle zurückweist.

 

Es gibt keine Nächstenliebe ohne Eigenliebe.

Die
natürliche Kostenlosigkeit der Liebe

Die Liebe ist die einfachste unter den
menschlichen Beziehungen; deswegen wurde alles aufgeboten, um sie
kompliziert zu machen und zu denaturieren. In dem Maße, wie die
Lebenskraft sich heute nur widerwillig in Arbeitskraft verwandeln
läßt, setzt eine neue Einfachheit die Liebe wieder in ihr
absolutes Hoheitsrecht ein. Der technische Fortschritt hat so viele
Erfindungen gebracht, die das Glück des einzelnen nie
vorangetrieben haben, daß jeder von nun an dazu neigt, seine
Fähigkeiten nicht mehr für die Mechanik der Geschäfte,
sondern für die Leidenschaft der Liebe einzusetzen, bei der
zumindest der Genuß erlernt und auf der Stelle erlebt wird.

Nichts ist wichtiger als das Entstehen
der Liebe, es sei denn deren tägliches Wiedererstehen. Man kann
noch so genau wissen, daß alle Verwirrungen der Liebe vom
Unglück der Kindheit herrühren, doch woher soll die
Genesung kommen, wenn nicht von der Gelegenheit, die dem Erwachsenen
geboten wird – und die er meistens ablehnt -, bei jeder
Liebesbegegnung der Zuneigung den absoluten Vorrang vor allen
käuflichen Beschäftigungen zu sichern?

Das wahre Leben fängt in dem
Augenblick an, da dem Kind die Liebe bedingungslos zuteil wird. Hier
behauptet sich die Unvergänglichkeit des Lebenden. Es gibt
andererseits zwischen Kindern und Eltern oder zwischen Liebenden
Stunden und Tage, in denen die Zuneigung weder Zeit noch Lust hat,
sich zu offenbaren, da sie von dem besessen ist, was ihr gewöhnlich
so zuwider ist; dadurch ändert sich aber keineswegs das Gefühl,
daß sie unauflöslich gegenwärtig bleibt und einer
unwandelbaren Wirklichkeit des Herzens angehört, so wie der Saft
im ewigen Rhythmus der Jahreszeiten den Baum belebt.

„Du darfst alles, weil ich dich
liebe und du mir nichts schuldest“: So lautet das Leitmotiv,
ohne das ich mir keinen spezifisch menschlichen Lernprozeß
vorstelle – eine Liebe, die dem Kind so sorgsam hilft, sich selbst zu
lieben, daß es alles – von den ersten Gesten bis zu den größten
Lebensfreuden – nur mit den besten Glückschancen unternehmen
wird.

Die Epoche der schöpferischen
Menschen wird in der Liebe beginnen, die sich gibt, statt getauscht
zu werden.

 

Die Liebe
schließt das Opfer aus

Die wahre Liebe war immer nur im
Zustand des Entstehens vorhanden – so wie auch das menschliche Wesen,
seine Zivilisation, die Authentizität in ihrem ursprünglichen
Elan oder die Freigebigkeit in ihrer natürlichen
Kostenlosigkeit. Wir kennen nur Anfänge, und das Unglück
will es, daß auf all diese Anfänge, die als Kinderei und
Schwäche bezeichnet werden, das Ende folgt, dessen gut
eingeschliffene Mechanismen den Eindruck von Kraft und Sicherheit
entstehen lassen.

Der Durst nach dem Ursprung ist mit der
Zeit entstanden. Da wir vom Tod nichts mehr zu erfahren und zu
erwarten haben, bleibt uns nur die Wahl, alles am Ausgangspunkt neu
zu beginnen, wo nichts von dem in Erfüllung gegangen ist, was im
Entstehen begriffen war.

Die Agonie der Religionen, deren
letzten Zuckungen der Wut und Heuchelei wir heute beiwohnen, enthüllt
das, was sie von jeher gewesen sind: ein Verbrechen gegen das Leben.
Die Kritik, die sie denunziert, geschieht aber nicht mehr gemäß
dem Geist, der das Wesen der Religionen ist. Sicherer als all die
gotteslästerlichen Schmähungen, die noch wie Grabreden für
eine Leiche klingen, fegt sie das Bewußtsein des Lebenden in
die ökumenische Gosse.

Jeder Mensch wächst mit der
Zuneigung, die er zu geben vermag. Das ist das Geheimnis oder besser
das Erlebnis der Fülle, das jedem so sehr am Herzen liegt, daß
die Kirchenleute es schleunigst mit ihren unflätigen
Opfermahnungen überschüttet haben. Wer sich opfert, um
Liebe zu geben, gibt nur das Beispiel eines Opfers. Sich selbst
töten, um anderen zu helfen, verhilft den anderen nur dazu,
ihrerseits zu sterben.

Welch ein Hohn zu behaupten, man könne
dem Nächsten eine Freude machen, ohne sich selbst eine zu
gönnen! Wie könnte ich Angenehmes bieten, wenn ich selbst
darauf verzichte? Die Lust ist eine natürliche Kostenlosigkeit,
eine Gabe, die man empfängt und aus der man keinerlei Nutzen
zieht.

Das Opfer ist unvereinbar mit dem
Genuß: Die Verstümmelung, die es bewirkt, läßt
die Sprache des Körpers zum Wortschwall des Geistes werden, die
libidinöse Energie sich für einen Lohn verkaufen und den
sich selbst verleugnenden Willen zum Leben zum Willen zur Macht
werden.

Die Zeit ist vorbei, da die Mutter dem
Kind gegenüber die Opferrolle eines Pelikans übernahm und
ihm damit für das ganze Leben die Schlinge des Schuldgefühls
um den Hals legte. Von nun an lernt die Liebe, sich selbst zu lieben,
indem sie alles liebt, was lebt. Keiner spricht hier davon, jeden und
alles zu lieben. Ich verweigere meine Zuneigung den Trägern des
Todes und denjenigen, die voller Qual ihr Kreuz für das Heil
einer Welt schleppen, die sie umbringt. Meine Absicht, mich dem zu
widmen, was der Liebe wert ist, beschäftigt mich zu sehr, als
daß ich gegen Leute wettern würde, die sich selbst
zerstören, und ich sehe keine bessere Garantie gegen ihren
selbstmörderischen Bekehrungseifer, als jeden Augenblick nach
dem Faden eines Lebens zu greifen, das mit allem zu verweben ist, was
sich dem Herzen darbietet.

Alles sollte von der Liebe gelernt
werden – ich spreche von einer Liebe, die alle ökonomischen
Mechanismen, die sie denaturieren, abgelegt hat. Es geht hier nicht
darum, Lehren zu erteilen, weder über die Praxis der
Liebesbeziehungen noch über die Kunst, sie von allem, was sie
verneint, zu reinigen. Der einzig gültige Lernprozeß kommt
vom einzelnen selbst, von einem aus der individuellen Erfahrung
entstandenen Bewußtwerden. Und es steht jedem zu, die Allmacht
der Liebe dort zu erfassen, wo sie ungeteilt zutage tritt; sie in der
bebenden Schönheit der Lust als das zu erkennen, was sie
ausschließlich ist: der Schwerpunkt der Anziehungskraft eines
durch die Arbeit täglich aus dem Gleichgewicht gebrachten
Körpers. Die Liebe ist das Wesen selbst des Menschlichen.

 


Die Liebe ist die Verfeinerung des Begehrens

Die Liebe ist nicht die Transzendenz
des sexuellen Bedürfnisses, jene Boulevardposse mit dem Engel
und dem Tier. Sie ist die Einheit des Körpers, der das Chaos
seiner Begierden ordnet, deren ursprüngliche Roheit verfeinert
und sich mit dem einzigen Entwicklungsprinzip des Menschengeschlechts
identifiziert: daß jeglicher Genuß nach Vervollkommnung
strebt.

Hat die Liebe einmal ihre sinnliche
Majestät wiedergewonnen, jenen Blutstrom, in dem die geschärften
Sinne jedem besonderen Wesen seinen spezifischen Sinn geben,
schafft sie den alten, abscheulichen Gehorsam gegenüber Himmel,
Geist, intellektueller Funktion und Trennung ab – der Trennung
zwischen den Menschen und den Dingen, zwischen den Menschen
untereinander und in jedem Menschen selbst.

An die Stelle der Transzendenz wird
dann die Transmutation treten.

 

Die Liebe wird sich der Symbiose bewußt, die
zwischen der Natur und den Menschen des Begehrens herzustellen ist.

Die
Allgegenwart der Liebe

Die Liebe ist die Verwandlung des
Sexualtriebs in eine Pansexualität, die dem Ausdruck und der
Verständigung des Menschlichen am authentischsten entspricht.

Indem der Sexbesessene überall die
Symbole von Phallus und Vagina wahrnimmt, die seinen aufgeregten
Sinnen durch die Frustration eingeprägt werden, empfängt er
eigentlich die Sprache der Natur, nimmt sie aber in negativer Form
auf, im Gestammel des Zwangs und in der neurotischen Reaktion eines
durch die Unbefriedigtheit des Körpers verwirrten Geistes.
Zwischen ihm und glücklichen Liebenden besteht nur der
Unterschied zwischen körperlicher Erfüllung und deren
Fehlen. Die Umwelt wird in entgegengesetzter Richtung gelesen: Hier
macht die Liebe eine Landschaft sinnlich, in der die Kraft der
Analogie im rauschenden Laub, im duftenden Heu, im Verlauf einer
Mauer, in der Linie einer Straße, in der Geste eines
Vorbeigehenden alle Anmut des geliebten Menschen entdeckt. Dort reizt
der Wind in den Bäumen, eine plötzliche Hitze oder der
Galopp eines Pferdes zum brutalen Verhalten eines Haudegens, da der
Geist, der diese Dinge spürt, ein Geist der Ausbeutung ist, der
nichts anderes als strenge Unterdrückung und aggressive
Abreaktion der Unfähigkeit zum Genuß kennt. Es gibt keine
Moral- oder Strafpredigt, keine politische Rede, weder Haltung noch
Tick, die sich nicht nach einer solchen Deutungsschablone entziffern
ließen; es ist die einzige elementare Lektüre, der keiner
entgehen kann, wie Groddeck gezeigt hat.

Die Sprache der verliebten Liebenden
hat den Abdruck einer ursprünglichen Sprache bewahrt. Dieses
Flüstern und Murmeln, diese modulierten Schreie, diese
gestammelten Silben, die von versierten Menschen als verdummender
Infantilismus verspottet werden – sind sie nicht, wie bei den Tieren
und den Kindern, der Atem des Genusses und des Spannungszustandes,
der zum Genuß führt? Die beschwingte Luft der Liebe, die
das Lebende zu sich selbst trägt, ist eine geheimnisvolle
Sprache. Sie ist in der Umarmung enthalten, die die Mutter mit dem
Kind vereint, das sie im Schoß nährt oder in den Armen
wiegt, und ich würde nicht behaupten, daß sie nicht in der
Vertraulichkeit des Dialogs mit sich selbst fortlebt. Wendet sich
derjenige, der sich selbst lieben lernt und heimlich sein Begehren
schärft, um es besser zu verwirklichen, nicht an sich selbst wie
an das Kind, das er gewesen ist und dem er verspricht, die unzähligen
Wünsche und Bitten zu erfüllen, die er in jungen Jahren
inbrünstig an Feen gerichtet hat? Die Beschwörungsformeln
der Zauberbücher und das Psalmodieren der Hexen sind nur der
trübe Schaum jener tieferen und wirksameren Magie, die in der
Kraft des Begehrens und in der Brücke eingeschlossen ist, die
von der libidinösen Energie des ganzen Körpers zur
Wirklichkeit der zu verändernden Welt geschlagen wird.

Man hat allen Grund zu glauben, daß
die sinnliche Sprache dabei ist, das an Kraft zu gewinnen, was die
ökonomisierte Sprache des gesellschaftlichen Vertrages an
Glaubwürdigkeit verliert. Mit anderen Worten, daß die
Zeichen der Zuneigung, durch die das Lebende sich von Person zu
Person und von Individuum zu Landschaft erkennt, nach und nach die
Oberhand über den Wortlaut der Reden und sehr viel einfacher
über das, was gesagt wird, gewinnen werden.

 

Die zu
gründende Souveränität

Der Bankrott eines Systems der
Wirklichkeit, determiniert durch die sie steuernden ökonomischen
Mechanismen, hat eine latente Wirklichkeit, die seit Jahrhunderten
durch die Geschichte der Ware verdrängt wurde, aus ihrer
Betäubung geweckt. In ihr gelangt die Liebe zu einer
Souveränität, die sie dort ausüben soll, wo einst
Profit und Macht herrschten. Sie ebnet den Weg zur allgemeinen
Verfeinerung der Begierden, die das Hinauswachsen über die
elementaren Bedürfnisse kennzeichnet und den einzig möglichen
Fortschritt der Menschheit auf die Suche nach Genüssen gründet.

Allmählich öffnet sich die
geschlossene Welt der Innerlichkeit einer frühlingshaften
Fruchtbarkeit, die Furcht und Angstgefühle verjagt, die Neurosen
der Vergangenheit auflöst, die Lust ins helle Licht des Tages
stellt und die Saat ins brachliegende Land bringt, aus dem die Ware
sich zurückzieht. Die Liebe widerruft die Gewalt der Frustration
und denkt sich eine Gewalt voller Zärtlichkeit aus. Die Hand,
die streichelt, läßt die Hand der Macht verschwinden.

Um die Überfülle zu
verbreiten, brauchen wir nur noch ohne Vorbehalt, ohne Berechnung und
ohne Vorsicht zu lieben – bis sich aus unzähligen Herzen das
Lied der Erde erhebt.

 

Die Ausbeutung der Natur hat die Natur selbst und damit
auch den Menschen denaturiert. Die Sehnsucht nach einer
ursprünglichen Natur und deren unmöglicher Rückkehr
ist der morbide Trost einer an der Ökonomie erkrankten
Gesellschaft. Es geht nicht darum, dem Menschen und der Erde ihre
Natur zurückzugeben, sondern sie zu humanisieren, indem man den
in ihnen verborgenen lebendigen Energien den Vorrang gibt.

DIE
HUMANISIERUNG DER NATUR

Die Erschöpfung der natürlichen
Ressourcen und der menschlichen Natur ziehen zwischen den Menschen,
die da arbeiten und sterben, eine Grenzlinie, die den einzigen
zukünftigen Zusammenstoß kennzeichnet. Während die
Partei des Todes immer noch aus der Angst ihre Macht schöpft,
inmitten der Ruinen des Spektakels und der Finanzen zu herrschen,
ertönt einstimmig ein Ruf aus den Straßen, den Wäldern
und den Herzen: „Vor allen Dingen das Leben!“

Schon bevor dieses Murren ins
öffentliche Bewußtsein dringt, wird sein Echo sehr wohl in
den Reihen des Feindes wahrgenommen, da es kein umweltverschmutzendes
Geschäft oder Unternehmen gibt, das nicht auf den Gedanken käme,
eine Kampagne mit dem Thema zu machen, das Leben zu retten. Sind
nicht die Netze der Ware vollgestopft mit Naturprodukten, natürlichen
Arzneimitteln und ökologischen Verpackungen?

Nun dürfen die merkantile
Vereinnahmung, das mystische Gerümpel der vitalistischen
Theorien und der Bodensatz aus den Mülleimern der Religiosität
nicht das authentisch Revolutionäre verschleiern, das in dem
Willen vorhanden ist, das tägliche Leben mit der lebenden
Materie, mit dem allgegenwärtigen Körper zu versöhnen.
Es hat doch jedes einzelne Wesen und Phänomen untrennbar und
sozusagen gleichwesentlich an diesem Körper teil, ob Individuum,
gesellschaftliche Zelle, Tier, Pflanze, Mineral, Luft, Wasser, Feuer
und jene Erde, von der die Indianer behaupten, sie besitze, wenn auch
durch die verachtungsvolle Ignoranz des geschäftemachenden
Ungeziefers verwundet, die Kunst, sich zu regenerieren.

Es ist nicht ohne Belang, daß das
Gefühl einer Koexistenz zwischen den verschiedenen Lebensformen
sich allmählich verbreitet und daß diese Bewußtwerdung
nicht durch den aus der himmlischen Unterdrückung entstandenen
Geist geschieht, sondern durch den Körper auf der Suche nach der
Fülle seiner psychosomatischen Einheit. Sich unter Kindern
wohlfühlen, in Gesellschaft von Tieren, unter einem Baum, wenn
man einen Stein oder eine Handvoll Erde nimmt – das gehört nicht
mehr einer einfältigen Passivität und einem kontemplativen
Zustand an, sondern ist der Auftakt zu einer neuen Sprache des
einzelnen mit sich selbst und seinen Mitmenschen, eine neue Art, zu
sein und zu handeln, die mit den seit Jahrhunderten durch Macht und
Rentabilität aufgezwungenen Verhaltensmechanismen bricht.

Das Erwachen zum absoluten Vorrecht,
das heute von den Arten der Erde beansprucht wird, begründet
einen Lebensstil, eine Haltung, in der das Privileg, zu existieren,
von dem Augenblick an ausgeübt wird, in dem ich der
Verwirklichung der Lüste den Vorrang vor der Notwendigkeit gebe,
die sie durch Bezahlen und Bezahlenlassen verdirbt. Auf meiner Seite
steht die Hartnäckigkeit der Natur, die immer wieder neu
entsteht – wie der Efeu Risse in den Beton sprengt -, und auf der
Gegenseite steht der Verschleiß, der immer noch vom System der
Lohnvermittlung und der Ware gefordert wird.

Die menschliche Begegnung mit der
allgegenwärtigen Natur bringt einen Entwicklungsvorgang wieder
in Bewegung, der die Individuen ihr Schicksal schaffen läßt,
indem sie eine Umwelt schaffen, die im Einklang mit den Begierden
ist. Das Zeitalter der Ökonomie und einer zu gnadenlosem
Frondienst verpflichteten Natur ist nur noch eine sterile und lästige
Form, die die Menschheit daran hindert, zu sich selbst zu kommen.

Auf die Umwandlung der libidinösen
Energie in Arbeitskraft folgt ein Wille zum Leben, der seine
Schaffenskraft vom Reiz des Genusses erhält.

 

Die Versöhnung mit der Kindheit fällt zusammen
mit der Rehabilitierung des zum selbständigen Leben
zurückgekehrten Tieres.

Die
Rehabilitierung des Tieres

Die Zuneigung für Tiere ist an
sich kein neues Phänomen. Man verwechsle sie nur nicht mit dem
Mitleid – diesem Geschwür, das zu seiner Ausbreitung Unglück
und Leid erregen muß – noch mit dem bitteren Grimm desjenigen,
der aus Verachtung für die Menschen seinen Hund liebt. Ich
spreche hier von den Regungen eines für alles Lebende offenen
Herzens, die ihre Beschwichtigung in einer bevorzugten Beziehung zu
einem vertrauten Haustier finden.

Neu ist hingegen die Art und die
Beliebtheit einer solchen Fürsorge. Sie beschränkt sich
nicht mehr auf die in der unmittelbaren Umwelt lebenden Tiere –
Hunde, Katzen, Vögel, Pferde oder Ziegen -, sie umfaßt die
sogenannten wilden Tiere, aber sie möchte sie in ihrer Autonomie
und Unabhängigkeit anerkennen, ohne sie zu bändigen oder zu
unterjochen. Der Mensch spielt nicht mehr den Herrn.

Muß man daran erinnern, daß
sich zu der Bewegung, die Tierarten zu rehabilitieren, ein ganzes
Bündel merkantiler Interessen hinzugesellt, die sich plötzlich
um das Wohlbefinden jeder streunenden Katze kümmern, sowie ein
touristischer Markt, der, nachdem er ausgestopfte Gorillas verkauft
hat, jetzt deren letzte Exemplare rettet, indem er ihnen wie den
Indianern das Recht zugesteht, in Reservaten zu überleben? Auch
hier stimuliert, hemmt und verdeckt die kommerzielle Ausbeutung das
Bewußtsein des Lebenden und dessen Willen zur Ausdehnung.

Kaum zehn Jahre hat das Kind gebraucht,
um ein Raubverhalten abzuwerfen, das ihm von so vielen Generationen
als Wesenszug zugeschrieben worden war. Ohne die Liebe zum Leben
führt das Experimentieren, sei es beim Kind oder beim
Wissenschaftler, meistens dazu, das Tier wie einen Gegenstand und den
Menschen wie ein Versuchskaninchen zu behandeln. Glaubt man etwa, daß
die sinnliche Intelligenz, die im Kind das Entzücken der
Entdeckung weckt, ohne daß es das Bedürfnis spürt,
die Vögelchen aus dem Nest zu nehmen, die Blumen zu zerpflücken
oder den Fliegen die Flügel auszureißen, dem
Wiederlebendigwerden der Liebe fremd ist?

Wenn das Kind mit einem nicht von der
Zärtlichkeit zu trennenden Wissen auf die Eigenart der
Lebewesen, der Tiere und der Dinge inmitten ihrer Umwelt neugierig
ist, geschieht das nicht, weil eine schrankenlose Liebe ihm das Recht
zur Selbständigkeit zugesteht und langsam die archaische und
autoritäre Struktur der Familie auflöst?

Eine solche Freiheit wäre nicht
möglich gewesen, hätte sich das Verhältnis des
einzelnen und der Gesellschaft zur Triebhaftigkeit des Körpers
nicht geändert, die so lange mit tierischem Zwangsverhalten
identifiziert worden ist.

 

Die
Emanzipation des Körpers

So wie ein Zeitpunkt kommt, da die
irdische Ökonomie sich an der himmlischen rächt, die sie im
Namen des religiösen Geistes in Verruf gebracht hat, so gibt es
eine Rache des Körpers, dessen Arbeit zugleich das Maß
einer Zivilisation von Produzenten und die Maßlosigkeit einer
Bestialität veranschaulicht, die danach strebt, „jenseits
von Gut und Böse“ über die Ufer zu treten. Die
materialistischen Philosophien, das Denken von de Sade und Nietzsche,
die faschistische Ideologie und der Hedonismus des ausgehenden 20.
Jahrhunderts bringen die verschiedenen Stufen einer weltweiten
Eroberung zum Ruhm der Ware und des Maschinenmenschen zum Ausdruck.

Während der Körper im Dienste
des Kapitals militarisiert wird, reagiert sich das Schamgefühl
der verdrängten Animalität durch das gesellschaftliche
Zelebrieren aggressiver Roheit ab. Die Landesverteidigung, die
Beseitigung des Schwächeren im Konkurrenzkampf das Recht des
Stärkeren, das zum Heil der Spezies notwendige Opfer – so viel
für „natürlich“ gehaltenes Larifari, das wie
gerufen kommt, um der kolonialistischen Seeräuberei, dem
staatlichen Schutz des Kapitals und der Gleichschaltung des
Proletariats eine universelle Grundlage der Vernunft zu geben. So
folgt die vergewaltigte und gewalttätige Natur auf die müde
Hybris der Götter.

Der Triumph der Muskulatur in der
Apotheose der Produktivität findet ein Ventil in der
Verherrlichung der irdischen Animalität und der Zelebrierung des
Instinkts über den vom Himmel gefallenen Geist. Allein das
mechanische Training des Körpers, der auf die Folter gespannt
wird, um Zeit und Leistungskraft zu gewinnen, macht das Spektakel der
Sportwettkämpfe aus, und sogar das Gehirn bekommt dabei Muskeln
und Krämpfe.

Dieser Körper ist aber nur das
Gegengewicht des archaischen Kopfes mit seinem Willen zur Macht,
seiner Gewinnberechnung, seinem Vortäuschen einer Männlichkeit
und seiner Litanei vom Besseren und Stärkeren. Der
Anti-Intellektualismus ist nur der zynische Geist der irdischen
Ökonomie, welche die Götter, deren Bürgschaft sie
nicht mehr nötig hat, der Schmach preisgibt. Es ist der Geist
der Konkurrenz, der in Kriegszeiten die funkelnde Disziplin der
Armeen sowie die blutige, orgiastische Abreaktion der Schlachten
preist und in Friedenszeiten die kriegerischen Tugenden des Sports,
der Jagd und der Formel „Platz da, jetzt komme ich!“, die
bisher als gesellschaftliche Norm gilt.

Man weiß, daß die Arbeit
der Zwangskonsumtion aus der autoritären Gewalt der Produktion
eine betrügerische Überredungskunst gemacht, und wie weit
die rentabel gestaltete Freizeit dem vor Müdigkeit zerschlagenen
Körper die kostspielige Prothese des Komforts und der
tiefgekühlten Lüste „geschenkt“ hat; man weiß
schließlich, wie schlecht das trügerische Bild des
Genusses gegenüber der Wirklichkeit standhält, die sie
täuscht.

Während die Geschäftemacherei
in den Olympiastadien zur Abreaktion einer militanten Soldateska
benutzt wird – gemäß einem Konkurrenzprinzip, das sich in
seiner reinen Zerstörungsfunktion offenbart (wobei das, was für
den Fußball gilt, gleichfalls für die Wettbewerbe in
Schule, Literatur und Musik gilt) -, beanspruchen heute die Kinder
das Vergnügen zu spielen, ohne Angst, verlieren oder gewinnen zu
müssen.

Vorbei ist die Verbitterung der
unterdrückten Animalität, jener Animalität, die tötet
und auf die sich nicht der Liebhaber beruft, der zum Gewehr greift,
um ein junges Rebhuhn auf seiner Tafel zu sehen, sondern der
sportliche Jäger, dem es weniger darauf ankommt, seinen Teller
zu füllen, als durch den Beweis seiner Macht über alles,
was sich bewegt, seinen Todestrieb zu befriedigen.

Gewiß wird der Widerwille, ein
Tier zu töten, um es zu essen, zusammen mit unseren
fleischfressenden Gewohnheiten verschwinden oder er entdeckt eine
jener Lösungen, die die gesellschaftliche Veränderung mit
sich bringt: So wie eine drohende Überbevölkerung, nachdem
sie Abhilfen gefunden hat, die noch schlimmer sind als das Übel
selbst – Krieg, Hungersnot, Seuche – heute ein Verhütungsmittel
in der aufkommenden Entscheidung findet, nur dann ein Kind zu haben,
wenn man es leidenschaftlich und zum eigenen Glück wünscht.
Bis dahin ist es ermutigend, daß die Grausamkeit des
Jagdsportes der Lust weichen muß, die er unterdrückt hat:
Von nun an werden das Aufspüren, die Geduld beim Ansitz und die
Geschicklichkeit auf angenehmere Weise angewandt, indem man sich den
Tieren in ihrer natürlichen Umwelt nähert, sie beobachtet
und photographiert.

 

Einen menschlich annehmbaren Tod gibt es nur in dem
Augenblick, in dem das Werk der ewigen Schöpfung des Lebens sich
Ruhe gönnt.

Der denaturierte
Tod

Der Tod wurde in der gleichen Zeit von
der Denaturierung erfaßt, in der Wasser, Erde, Luft, Feuer,
Gestein und die gesamte Tier-, Pflanzen- und Menschenwelt von der
Warenverschmutzung getroffen wurden. An die Stelle des natürlichen
Endes der Menschen und der Dinge ist eine gesellschaftliche Mechanik
getreten, in der das Leben unter dem Vorwand, dem zufallsbedingten
Tod der Tiere zu entgehen, darauf beschränkt wurde, sich selbst
so elendiglich zu verneinen, daß es sogar das eigene Ende als
Gnade erflehte.

Der Zwang, auf die eigenen Begierden zu
verzichten, um die zum Überleben notwendige Arbeit zu sichern,
füttert Tag für Tag einen Leichnam, der vorzeitig den Platz
des Lebenden einnimmt. Meistens ist die Sterbeurkunde das amtliche
Protokoll eines Verschleißes, der wie ein legaler Mord wirkt.

Zwar haben die Medizin und einige
Einrichtungen zur Bequemlichkeit des Überlebens der Ausbreitung
von Seuchen, Altersschwäche, Kindersterblichkeit und einiger
gestern noch unheilbarer Krankheiten Einhalt geboten, aber das sollte
kein Grund sein zu verkennen, daß der Tod, so wie wir ihn
erleiden müssen, aus einem Mangel an Leben, aus einer
umgekehrten Ordnung der Prioritäten des Lebens folgt.

Sollte es einen Sieg gegeben haben,
dann war es der Sieg des vergesellschafteten Todes über den
natürlichen Tod. Wer aber außer den im Sterben Liegenden
sollte sich um das außergewöhnliche Fortschreiten der
Euthanasie scheren? Ich wäre mit einem Leben zufrieden, in dem
der Tod nur ein langer Schlaf nach der Liebe ist.

 

Die Entweihung
des Todes

Wie eine vertrocknete Frucht hat sich
der Tod vom Baum der verstorbenen Götter gelöst. Die Parzen
sind nur noch der Firmenname einer Spinnerei, in der jedes einzelne
Schicksal dem langweiligen Hin und Her der laufenden Geschäfte
gemäß gedehnt, verwoben und abgerissen wird. Kann das
Sterben banaler empfunden werden als im Zuschlagen der Tür und
dem Einklemmen der Finger einer Begierde, die hinaus will, um nach
Lust und Laune die Gegend zu durchstreifen? Seit der Sensenmann sich
in der Langeweile des Lebens breit macht, hat er seine gleißende
Helligkeit verloren und sein Schrecken erlischt fast immer in einer
großen Müdigkeit. Er ist die Bitterkeit auf den Lippen der
Lust, der Schweiß einer fieberhaften und leeren Tätigkeit,
das Erkalten der Liebe, die sich mangels Aufmerksamkeit auflöst.

Es ist ein bekanntes Lied, daß
die Leidenschaft, wenn nicht auf die Liebe, dann auf den Tod zugeht.
Wie kann man sich die Zeit nehmen zu lieben, wenn sie dem Stress, dem
Rhythmus der Maschine angehört, der den biologischen Rhythmus
zerschlägt, die Muskeln verkrampft, die Gefühlsregungen
hemmt und das Herz bricht? Sich in die Arbeit fügen, heißt
sich fügen, in der krankhaften Vertrautheit eines alltäglichen
Todeskampfes zu sterben, heißt, jene Strafe auf sich selbst
anwenden, die von den weniger barbarischen Nationen aus ihrem
Gesetzbuch gestrichen worden ist.

Wir gehören noch zu jenen
Generationen, die mit dem Tode ringen, da sie nicht kämpfen, um
so zu leben, als ob jeder Tag ein ganzes Leben wäre. Sich gegen
den Tod auflehnen, heißt, ihn gegen sich aufbringen, heißt
letzten Endes, gegen den von Natur aus vorhandenen Willen zum Leben
und für die Denaturierung und die Vernichtung Partei ergreifen.

 

Hic, nunc et semper

Die Rückkehr zur Natur bedeutet
nicht die Regression zum Tier. Die Menschen sollen weder an der
Mechanisierung des Körpers noch an dessen Preisgabe an die Härte
und die Gefahren seiner Umwelt sterben.

Ich sehe kein anderes Mittel gegen den
denaturierten Tod als die Humanisierung des täglichen Lebens.

Jeden Tag so angehen, als ob er die
Totalität des – intensiv oder dürftig erlebten – Daseins
enthielte, das scheint mir eine Einstellung zu sein, in der das
individuelle Schicksal mit vollem Bedacht die sicherste Wette
eingeht, um sich zu verwirklichen.

Man mag denken, was man will, wichtig
ist nicht, daß es einem gelingt, ein Ziel zu erreichen, sondern
daß das Schwingen der Bewegung und das Zittern des Pfeils die
Zielscheibe fast vergessen lassen; daß man jeden Morgen
hartnäckig die Zeit neu ins Leben ruft, von der eben gepflückten
Lust zu der zu säenden mit so aufrichtiger Freude oder Schwermut
springt, daß man noch voller Verwunderung dasteht, wenn der
Abend oder der Todesschlaf kommt.

Es geht nicht darum, man wird es wohl
verstanden haben, besser als die anderen zu leben, sondern einfach in
der Alchimie seiner Begierden zu leben. Der Genuß hat kein
Pfand, das er dem Geist der Konkurrenz und des Wettbewerbs anbieten
könnte, es sei denn, daß er sich selbst verneinen will. Er
geht seinen Weg so weiter, als sei er allein auf der Welt, und die
Überzeugung, die Welt gehöre nur ihm, verleiht ihm eine
Kraft, die die authentischste aller Revolutionen in sich trägt.

Das, was an Energie im Reiz des
Genusses steckt, gehört der Schöpfung an und nicht der
Arbeit, der Gefühlsbeziehung und nicht länger dem
Warenverhältnis, einer Zivilisation, die für die Menschen
da ist, und nicht einer, die den Menschen ökonomisiert.

Jeder hat seine Poesie – sei es der
Nebel über dem Wald, die Zärtlichkeit der Liebe, der erste
Schluck Kaffee, die Schönheit einer Kunst, der Wechselfall des
Spiels, das Erwachen des Bewußtseins, die Freude des Tanzes,
der Begegnung und der Freundschaft, die Andeutung einer verträumten
Melodie, kurzum alles oder nichts. Der Körper muß
allerdings in Einklang mit dem stehen, was lebt und jene Fülle
in sich aufnehmen, die nur von den kostenlosen Lüsten geschenkt
wird.

Die Ewigkeit des Lebens steckt in jedem
Augenblick, der dem Lebenden angeboten wird. Durch Hyperion, Non
piu di fiori, Le Temps des cerises
und den Duft einer Linde wird
derjenige – als ob er auf ewig dem Tode entrissen wäre – immer
wieder neu geboren, der es mit der glücklichen Ungezwungenheit
des Geschenks für sich selbst, das ein Geschenk für alle
ist, geschrieben, komponiert, gepflanzt hat.

 

Der kreative Akt ist das für die Humanisierung der
Natur und für das Leben, was die Arbeit für die
Denaturierung und für den programmierten Tod ist.

SCHÖPFUNG
VERSUS ARBEIT

Durch die beschleunigte Kenntnisnahme
der offensichtlichen Wahrheiten wird eine gestern noch in Zweifel
gezogene Feststellung in den Rang einer Banalität versetzt: Die
ökonomische Ausbeutung hat den Menschen und seine Umwelt an die
Grenze eines Überlebens geführt, dessen Höhepunkt mit
dem Sturz zusammentrifft.

Die Geschichte der Ware und die
Geschichte der Menschen, die sie produzieren, ist ein und dieselbe;
sie entwickelt sich, indem sie diejenigen zerstört, die sie
machen.

Wir sind also gewarnt und, wenn auch
nicht beruhigt, doch zumindest vor so vielen Schrecknissen geschützt,
die sich von Jahrhundert zu Jahrhundert bis zum Überdruß
wiederholen und die wir als Bestandteile eines Systems kennen, dessen
Mechanismen ihren unausweichlichen Charakter verloren haben. Die
Apokalypse gehört der Vergangenheit und dem grausigen Gefolge
ihrer zyklischen Schrecken an. Die wirkliche Sintflut war niemals
etwas anderes als die von den ursprünglichen Mauern der Festung
Jericho ausgehende Flut der Warenwerte, die die menschlichen Werte
unter den eisigen Wassern des Profits begraben hat.

Die Hochburgen des Lebens, die niemals
von den aufeinanderfolgenden Wellen der Wareneroberung geschleift
wurden, dienten lange Zeit denjenigen als Zuflucht, die von der
Routine der Geschäfte und den gedungenen Leidenschaften erdrückt
wurden. Diese Inseln, die unter den alten Namen Liebe, Großzügigkeit,
Gastfreundschaft, Genuß und Kreativität durch das langsame
Zurückfließen von neuem auftauchen, kennzeichnen heute die
wahren Wege einer menschlichen Gegenwart auf der Erde. Bis heute ist
die Revolution nur ein Wechsel des Bühnenbildes in der
jahrhundertealten Inszenierung der Ökonomie gewesen. Eine echte
Revolution erahne ich nur in der täglichen und individuellen
Gestaltung einer menschlichen Landschaft.

Es mußte Amazonien in Brand
gesteckt, die Ozonschicht durchlöchert, die Erde verwundet und
die Luft verstrahlt werden, damit unter der informatisierten,
verbuchten, nach der Eile ihres Tauschwertes zerstückelten Natur
eine andere Natur entdeckt wird, die ihre Schätze und ihre Kraft
jedem anbietet, der es nicht für nötig hält, sie ihr
für eine Handvoll Dollar zu entreißen.

Die Umwelt ändert sich, weil der
Blick, das Ohr, der Tastsinn, der Geschmack, das Fühlen, das
Denken und die Haltung, die so lange in der einzigen Perspektive der
Macht und des Geldes eingesperrt waren, sich verändern. So
taucht aus der grauen Langeweile eines untergehenden Universums das
Verlangen auf, mitten auf einem Planeten und in einem Leben
wiedergeboren zu werden, von denen wir so gut wissen, was sie
umbringt, daß sie dem einfachen Blick des Lebens immer noch wie
neu und unerforscht erscheinen.

 

Das
Elend der ökonomisierten Schöpfung

Die Werke der Kunst und der technischen
Erfindung sind am häufigsten aus der Qual einer verdrängten
Kreativität entstanden, die sich nur in wütender Abreaktion
ausdrücken konnte. Während die Schaffensfreude durch die
Umwandlung der Gewalt der elementaren und chaotischen Triebe
entstand, hat die Notwendigkeit zu produzieren die Ausführung
des Opus Magnum in eine schmerzhafte Geburt, in einen Fluch
verwandelt, der für die Kostenlosigkeit der Gaben der Natur
teuer bezahlen muß.

Es genügt nicht, daß der
Schaffende – und jeder ist einer – von Kindheit an, seit ihm das
Streben nach dem Genuß verweigert wurde, gezwungen ist, auf
Selbstverwirklichung zu verzichten; seine Erfindungsgabe muß
noch dazu unter dem Zwang zerbrechen und in mühsame
Anstrengungen ausarten. Wie viele Erfinder sind nicht – einige
glückliche Entdeckungen ausgenommen – zum Schweigen, ja zum Tode
verurteilt worden, weil das Objekt ihrer Untersuchungen dem Gesetz
des cui prodest – „Wem bringt es Nutzen?“ –
widersprach. Wie viele willfährige Forscher haben sich nicht an
die Macht verkauft? Wie viele Künstler sind nicht vorzeitig
verschlissen und proletarisiert worden, da sie ständig in die
soziale Arena hinunterstiegen, um Beifall zu erbitten, das Urteil
über Verdienst und Tadel hinzunehmen und wie Bürokraten,
Politiker und sonstige Höflinge des geistigen und materiellen
Marktes ihr Markenzeichen aufzupolieren?

Dennoch kommt es vor, daß der
schöpferische Schwung, wie verkommen er durch das Joch der
Arbeit auch sein mag, den Abdruck des Körpers behält, der
ihm das Leben gab. Eine seltsame Auferstehung: Werke fahren fort, den
Lebenden Nahrung zu geben, längst nachdem diejenigen
verschwunden sind, die ihre Werke dem launischen Lauf der Zeit
überlassen haben. Wer es versteht, das Leben, das er in sich
trägt, neu zu beleben, dem ist ein ewiges Leben gewährt.
Die anderen, deren Ehrgeiz sich auf den Ruhm beschränkt, werden
nichts anderes sein als ein Name in den Katalogen des Gedächtnisses.

 


Man schafft nichts, ohne sich selbst zu schaffen

Das Ende der Eitelkeiten oder zumindest
der Mittel, die dem Ansehen einen Langzeitkredit gewährten, hat
den Vorteil, die Kreativität auf ihre wahre Natur
zurückzuführen: auf den Selbstgenuß, der sich im
Genuß der Welt behauptet.

Dann ist wieder die einfache und
vielfältige Dimension des Menschlichen zu erkennen: Wille zum
Leben, nicht Wille zur Macht; Echtheit, nicht Schein;
Kostenlosigkeit, nicht Gewinnsucht; pulsierendes Begehren, nicht
getrenntes Denken; Gabe, nicht Tausch; Anstrengung, die sich in Anmut
auflöst, nicht in Zwang; Brennpunkt des Unersättlichen,
nicht des Unbefriedigten. Wenn sie auch ganz in die Macht der Arbeit
verstrickt bleibt, so öffnet die Kreativität doch
allmählich die Türen des ökonomischen Kerkers, sie
läßt der von allen gemachten Poesie freien Lauf, ermutigt
die fröhliche Wissenschaft in ihrer vielfältigen Freiheit
zu singen, zu komponieren, zu schreiben, zu gärtnern, zu
träumen, zu tanzen und eine Welt auf den Trümmern einer
Welt zu erfinden, die durch die Herrschaft der fortschreitenden
Ausbeutung geplündert worden ist. Würde die Kreativität
sich damit begnügen, das Kreuz des Unglücks aus dem
Gewissen zu reißen, das die Notwendigkeit, Geld anzuhäufen
und zu herrschen, in den Willen, nach eigenem Gutdünken zu
leben, eingegraben hat, hätte sie mehr für das Glück
der Menschheit getan als alle Revolutionen zusammengenommen, die
dessen Hoffnung programmiert haben.

Zweifelsohne ist die Zeit gekommen, den
Göttern jene Schöpfung der Welt abzunehmen, die ihnen so
fälschlicherweise anvertraut wurde, und von der sie einen so
jämmerlichen Gebrauch gemacht haben. Diese Schöpfung gehört
nur den Menschen trotz ihrer täglichen Resignation, sich ihrer
zum Profit der Arbeit zu entledigen. Sie wird ihnen mehr und mehr als
ihr unbestreitbares Vorrecht erscheinen.

Heutzutage ist ihnen die dumme Idee
vergangen, widersinnig zu beten und Gott zu danken, daß er
ihnen das Brot gibt, das sie erzeugt und im Schweiße ihres
Angesichts verdient haben. So viele, dem Nichts vorgeworfene
menschliche Reichtümer regen endlich dazu an, sich an sich
selbst zu wenden, und zwar nicht aus Anmaßung und jenem eitlen
Individualismus, in dem das Individuum sich verneint, sondern aus
Lust zu schaffen und sich selbst zu schaffen.

Die Versöhnung mit der zu
rettenden Natur ist untrennbar von der Versöhnung mit sich
selbst, dem werdenden Schöpfer, der sein Heil überall
entdeckt – nur nicht in der Arbeit. Langsam finden die wirkliche
Einheit des Körpers, die Symbiose des begehrenden Wesens und der
irdischen Natur und die große Übereinstimmung des
Lebenden, die die Herrschaft des Geistes und des getrennten Denkens
abschaffen wird, ihre Grundlage in der Schöpfung.

 


Die Arbeitslosigkeit – eine Arbeit ohne Arbeit

Es ist nicht wichtig, daß die
Arbeit abgeschafft wird; sie schafft sich von selbst ab, sie
erschöpft sich, indem sie den Menschen und die natürlichen
Ressourcen erschöpft. In der Untertänigkeit aber, im Mangel
an Intelligenz und Vorstellungskraft, die in Verhalten und Gewissen
weiterhin die Erinnerung an ihre vergangene Nützlichkeit und die
Angst vor ihrer gegenwärtigen Harmlosigkeit propagieren, darin
besteht das wahre Unheil einer Ökonomie, die im Sterben liegt
und die gesamte Welt unter der Fahne des Realismus und der
Rationalität in den Tod führt.

Die Macht der Arbeit hängt vor
allem von der Schwäche und der Selbstverachtung ab, die sie
verewigt – aber welch furchterregende Macht und welch verheerende
Wirkung auf jene soziale Schicht, die im Volk als „arbeitslos“
und in der Geschäftswelt als „stellenlos“ bezeichnet
wird! Welches Manko, dessen beraubt zu sein, was einem das Leben
raubt!

Unter dieser abwertenden Bezeichnung
steht der Arbeitslose da wie unter einem Hut des Mitleids und des
Spotts: Er ist überhaupt nichts mehr, da ja nur die Arbeit den
Menschen macht. Bisher Lasttier mit der Sicherheit, einen Stall zu
haben, ist er jetzt ein streunender Hund. Kraft der sittlichen Natur
der Arbeit hatte er ein Anrecht auf Lohn; daß er sich nicht
länger plagt, erniedrigt ihn auf einen quasi unmoralischen
Stand, in dem es sich gehört, für das Almosen den Kopf zu
beugen, zu schweigen und sich über die Annehmlichkeit, seine
Zeit immerhin nicht mehr in Mühe und Langeweile zu verlieren,
zurückhaltend zu äußern.

Aber die „Pflicht“ hat sich
wie eine Krankheit dermaßen eingeprägt, daß die
Arbeitslosigkeit als Arbeit vor den Werkstoren empfunden wird, selbst
wenn draußen wie drinnen dieselbe Nutzlosigkeit herrscht; mit
dem feinen Unterschied allerdings, daß die eine bezahlt wird
und die andere nicht (man weiß sehr wohl, daß die
rentablen Sektoren zur Bürokratie und zur Produktion von Dingen
ohne Gebrauchswert gehören, wohingegen die Landwirtschaft und
die Industrien, die die Grundbedürfnisse decken, für
lebensunfähig erklärt werden).

Durch die Leere, die ihre wilde
Aktivität hervorruft und ausgleicht, wirkt die Arbeit wie eine
Droge. Der Lohn sichert die regelmäßige Versorgung, sein
Wegfall unterbricht sie, führt zum Mangel und treibt in
Verwirrung, Verzweiflung und Panik.

Wenn es auch für denjenigen, der
seine Augen auf den farblosen Horizont des Überlebens gerichtet
hält, wahr ist, daß die Arbeitslosenunterstützung
nicht den Frühling verheißt, so muß man schon mit
der Blindheit eines Süchtigen geschlagen sein, um nicht den
Reichtum einer plötzlich von allen Verpflichtungen befreiten
Zeit zu würdigen. Statt nach einer Einstellung zu heulen wie ein
Morphinist nach dem Mond, sollte man aus der eigenen Kreativität
Funken schlagen und gemeinschaftlich die Aufgabe angehen, die für
unmöglich gehalten wird, weil das ökonomische Vorurteil sie
verbietet – die Einführung des Kostenlosen.

Der mit der Notwendigkeit der Arbeit
getriebene Schwindel ist die langsamste und somit die tröstlichste
und grausamste Art, mit dem Leben Schluß zu machen. Es gäbe
etwas Ergreifendes im selbstmörderischen Sichgehenlassen der
Massen – die im Rhythmus einer leerlaufenden Maschine an- und
abschwellen, während das Kapital auf Konkurse lauert, in die es
sich investieren kann -, wäre da nicht das Lächerliche, in
das sie sich verrennen, um neben der Quelle zu verdursten.

Das freiwillige und herzzerreißende
Elend der Arbeiter und Arbeitslosen stützt sich auf die eigene
grundlegende Dummheit, die bei den Protestmärschen von
Streikenden zutagetritt, die die Niederlegung der Arbeit in eine
echte Arbeit des Protestes verwandeln, so daß die Straßen
vor Langeweile stinken. Was für eine erbärmliche Phantasie
haben diejenigen, die die Beförderung der Briefpost zum
allgemeinen Ärger verhindern und die öffentlichen
Verkehrsmittel lahmlegen, während fast nur die leitenden
Behörden – die Mafiosi des Staates, denen man die Gebühren
bezahlt, und die sich weigern, sie als Gehälter wieder
auszuzahlen – ein trauriges Gesicht machen würden, wenn Briefe
ohne Briefmarke ihre Empfänger erreichen und Züge, U-Bahnen
und Busse der Mehrheit zum Nulltarif zur Verfügung gestellt
werden. Die Kostenlosigkeit erschreckt, weil sie natürlich ist.
Aber wer hätte heute Gründe, sich zu beunruhigen, wenn die
über Preiserhöhung und Lohnsenkung Unzufriedenen auf den
Gedanken kämen, nicht mehr dafür zu bezahlen, wenn sie
fahren, wohnen, sich ernähren, ihre Meinung äußern,
sich treffen, miteinander in Verbindung treten, sich vergnügen
und Kraft schöpfen wollen?

 

Die ökologische Umstellung der Ökonomie ist
ein vorhersehbarer Durchgang zum Zeitalter der neuen Sammlerkultur.


Die Investition in die Ökologie bietet der Ökonomie eine
letzte Gnadenfrist

Das Paradoxe an dem ökonomischen
Totalitarismus, dessen Logik zum weltweiten Völkermord führt,
besteht darin, daß er sich selbst dazu verurteilt, gemäß
dem Gesetz eines Profits unterzugehen, dessen Gier ihm andererseits
befiehlt fortzubestehen. Die Ausbeutung der Natur gehorcht einem
Todesprinzip: Sie verwandelt das Lebende in eine Ware und gründet
ein Reich, in dem die Menschen nur noch Schatten ihrer selbst sind.
Das Jenseits des Styx war niemals etwas anderes als das Diesseits der
Erde. Dagegen hat die Verlockung des Gewinns, erste Ursache einer
unabwendbaren Plünderung, einen Horror vor dem Nichts. Sie
versteht es, die Dauer eines Privilegs zu verlängern und zu
vermeiden, das Huhn zu schlachten, das goldene Eier legt; sie weiß,
daß man das Lebendige schonen muß, weil man aus einer
Leiche nur noch Haut und Knochen herausbekommen kann.

So entdeckt die Ökonomie im
beschleunigten Rhythmus der sich mit ihr ausbreitenden Versteppung
eine Gelegenheit zum Überleben, indem sie das wiederaufbaut, was
sie nicht weiter zerstören kann, ohne ihre Rentabilität und
ihren Kredit zu verlieren. Die Alternative, vor der das ökonomische
System steht, heißt Todesurteil oder Gnadenfrist. Entweder
vollzieht die Warenzivilisation ihre eigene Vernichtung, indem sie
diejenigen vernichtet, die sie erzeugt haben, oder sie erlischt mit
dem letzten Mehrwert, der ihr durch die Wiederherstellung der Natur
gewährt wird.

Die natürlichen Energien und das
Sanierungsprogramm der Erde bieten gleichzeitig einen Absatzmarkt für
die Rentabilität, die grundsätzlich durch die
Vergewaltigung und Verunreinigung der Ressourcen bedroht wird, und
eine Chance für die Kreativität, die das Joch der Arbeit
zerbricht und die Ära der Kostenlosigkeit vorbereitet.

Je entschiedener die Ökonomie den
schwindenden Kredit ihrer allerletzten Kräfte in die Ökologie
investiert, desto leichter werden die Fallen der Ware umgangen und
desto näher am Körper und am Bewußtsein wird die
Wirklichkeit einer radikal anderen Zivilisation sein.

 


Das Umfeld des Lebens und seine örtliche Gestaltung

Nichts sollte heute unternommen werden,
weder Großes noch Kleines, das nicht von dieser neuen Banalität
durchdrungen ist: Die Ideologie der Arbeit hat die Wirklichkeit einer
Natur erzwungen, die einem Fron- und Steuerzwang unterliegt und von
der nichts zu erhalten ist, was nicht mit Gewalt genommen wird. Die
veränderte Perspektive – von einem Auge wahrgenommen, das müde
geworden ist, nur noch Häßlichkeit und Ruinen betrachten
zu müssen – enthüllt eine andere Natur, deren Urstoff
ohne Gegenleistung zugleich ihre Ressourcen und die
Erfindungsgabe anbietet, von ihnen Gebrauch zu machen, ohne sie je zu
erschöpfen.

Das, was sich in den Denk- und
Verhaltensweisen abzeichnet, läßt das Aufkommen einer
Übergangsphase zwischen dem Zusammenbruch der Ökonomie und
einer Zivilisation der Kreativität ahnen, zwischen der Arbeit
und der Schöpfung, der Warenwucherung und dem von der Natur
selbst ausgehenden Überfluß, dem abstrakten Menschen und
dem Selbstgenuß, der Warenausbeutung und der neuen
Sammlerkultur.

Wer wird nun gegen die stümperhafte
staatliche Planung und die Befehle „von oben“ vorgehen?
Kleine örtliche Gruppen, Dörfer oder Stadtviertel zögern
nicht, die Verteidigung ihrer Umwelt auf den Tisch der
internationalen Debatten zu bringen, die Lagerung von Giftstoffen zu
denunzieren, die industrielle Verschmutzung zu verbieten und
Ersatzlösungen zu fordern.

Dort werden vielleicht die ersten Wind-
und Sonnenkraftwerke entstehen, die das öffentliche und private
Monopol der Gas- und Elektrizitätsgesellschaften sprengen. Dort
kann die Entwicklung der biologischen Landwirtschaft die Herstellung
verfälschter Nahrungsmittel verdrängen, den Müll auf
natürliche Weise wiederaufbereiten und die Produktion von
Stoffen verhindern, deren Abfälle nicht wiederverwertbar sind.

 

Die Stadt der
Natur öffnen!

Es geht um nichts mehr und nichts
weniger als um die Schaffung eines Lebensraumes, der für Gefühl
und Körper zugleich Nahrung bietet. Gerade dieses Projekt wurde
von der KZ-Landwirtschaft, von ihren Anfängen bis zu ihrer
industriellen Verlängerung im modernen Urbanismus, in Acht und
Bann getan; so wurden die Menschen von ihrer Natur getrennt und in
einen Krieg gegen sich selbst und ihre Umwelt hineingezogen.

Was wir jetzt haben, ist die Lethargie
der toten Städte. Das Labyrinth, das einst dem umherschweifenden
Spaziergänger freigegeben war, hat vor breiten, durch das Raster
der Langeweile geprägten Alleen und vor Betonmauern weichen
müssen, wo der Kopf mit dem Echo des Verbrechens zusammenprallt
– denn wer verlernt zu leben, lernt zu töten. Hat man sich
vorgestellt, daß ein paar Fußgängerzonen und die
Vermehrung von Grünanlagen ein städtisches Gefüge vor
dem Erstickungstod retten können, das die Ausstattung der
Supermärkte reproduziert, in die die Natur nur unter
Plastikverpackung vordringt?

Die Stadt menschlich machen heißt,
ihren Zugang zu den natürlichen Ressourcen sichern. Die Flächen,
die die letzten Viertel isolieren, in denen es sich gut wohnen und
bummeln läßt, rufen nach einer wirklichen Urbarmachung.
Die Gebäude der staatlichen, bürokratischen, militärischen,
finanziellen, polizeilichen und religiösen Nutzlosigkeit, die
unbebauten Gelände, die Plätze, die durch Abgase
verpesteten Straßen und Boulevards – all das gäbe schöne
Gemüsegärten zu jedermanns Vergnügen, bis ein
schöpferischer Geist, der dort üben könnte, Besseres
schaffen würde.

Es gibt kein anderes Mittel, die Arbeit
loszuwerden, als der Kreativität des einzelnen das Vertrauen
zurückzugeben, das ihm bisher wenn nicht versagt, so doch nur
kümmerlich zugestanden wurde.

Im Gegensatz zur herrschenden
Untätigkeit und zur Konditionierung durch das Geld sollte von
nun an die Schaffung einer natürlichen Kostenlosigkeit, deren
erstes Modell die sanften Energien darstellen, jede Forschung leiten.
Das Ende der lohnabhängigen Produktion und der Zwangskonsumtion
schließt das Ende der Ausbeutung der Natur und die praktische
Durchführung einer neuen Sammlerkultur als das einzige
Unternehmen ein, das der Vielfalt der technischen Entdeckungen eine
echte Wirksamkeit und einen wirklich menschlichen Sinn zurückgeben
kann.

 

Von der
Arbeit zur Schöpfung

Damit die Schöpfung die Arbeit
ersetzt, muß an die Stelle der Ökonomie der Denaturierung
eine Ökonomie treten, die bereit ist, ihren letzten Profit aus
der Sanierung der Erde und der Gewinnung sanfter Energien zu
erzielen.

Der stufenweise Übergang von den
Fabriken zu den Werkstätten der Schöpfung wird zumindest
den Vorzug haben, jenes Vorurteil in Zweifel zu ziehen, das die
Kostenlosigkeit mit einem ungewöhnlichen und unpassenden
Geschenk, einem Formfehler im Tauschprozeß und einer
unmoralischen Belohnung des Nichtstuers gleichsetzt. Hier findet sich
die Gleichsetzung der Lust mit einer Entschädigung für
geleistete Arbeit, mit einer Belohnung durch die Götter, mit der
Erholung des Kriegers oder mit der Entspannung des Körpers
wieder.

Die Künstler, die lange Zeit als
die einzigen Schöpfer galten, haben sehr wohl gewußt, aus
welcher Summe von Enttäuschungen und wiederholten Anstrengungen
die Legierung der Inspiration entsteht. Die Gabe zu schreiben, zu
komponieren, zu malen, zu gärtnern, zu liebkosen, zu träumen,
zu sehen, zu kosten, die Welt und das Leben zu verändern, fällt
nicht vom Himmel – sie ist die Kostenlosigkeit, die sich selbst
schafft, sich aus dem Magma der Triebe herauswindet und sich von
Mißerfolgen zu Neuanfängen schleppt, um eines Tages in
einem Augenblick voller Glück und Anmut aufzublühen.

Allein eine beharrliche Ausdauer
erlaubt es, jene Selbstvollendung zu erreichen, aus der sich alles
Glück des Schattens ergibt. Aber all die fieberhafte
Hartnäckigkeit läßt sich niemals mit einer Arbeit
verwechseln. Die Schöpfung kennt keine Hölle, denn sie ist
zugleich der Genuß und die Suche nach dem Genuß, die
Bewegung und ihr Ziel. Die Wut ihrer ungestillten Begierden
verwandelt sich nicht in jene Reaktion des Verzichts, die das Wesen
der Arbeit ist, sondern sie baut noch besessener wieder auf, was
zusammengestürzt war.

Soll die Schaffenskraft nicht
verlorengehen, darf sie nicht dem Zwang gehorchen; sie wird durch die
unwiderstehliche und oft nicht zusammenpassende Kraft der Begierden
angetrieben. So kämpft sie, ohne verlorenzugehen, und wächst
in dem Maße, in dem sie gibt – im Gegensatz zur Arbeit, die
unter Verschleiß und Erschöpfung vonstatten geht. Denn die
Schöpfung geht aus einer Natur hervor, die ihre Schätze
demjenigen anbietet, der sie einzusammeln versteht, und nicht aus
einer Natur, die durch Unterdrückung und Glanz des Geldes
geschändet wird. Man arbeitet gegen sich selbst und gegen die
anderen – schöpferisch ist man für sich selbst und für
die Lust aller.

 

Schöpfung
und Hinauswachsen

Die experimentelle Intelligenz, die das
Feuer, das Rad, das Boot und das Werkzeug erfunden hat, richtet sich
nach dem Beispiel der Natur, um deren Substanz zu vervollkommnen. Vom
Unterschlupf einer Höhle bis zum gastlichen Haus sind die
verschiedenen Stadien der Entwicklung über den mütterlichen
Bauch hinaus sichtbar, während das Backen von Brot, das Brauen
von Bier, die Zubereitung von Soßen und warmen Gerichten die
kulinarische Verfeinerung des ursprünglichen
Nahrungsbedürfnisses zum Ausdruck bringen. Der ganze, durch den
Produktionszwang gebrochene und diskreditierte Schaffensprozeß
wurde durch die spezifisch menschliche Befähigung bewirkt, über
die tierischen Triebe hinauszuwachsen und von der Umwelt die Mittel
zu erbitten, die für das Werk der Vervollkommnung nützlich
sind. Die Schaffung seiner selbst schöpft ihre Kräfte aus
der sich selbst erschaffenden Natur, um sie nach dem Bild der
menschlichen Natur neu zu erschaffen. Die ersten Religionen haben
diese Kräfte, die wohl am Anfang des Zeitalters der Ökonomie
noch wahrnehmbar waren, schleunigst in Geister verwandelt, mit denen
sie die Quellen, die Wälder, die Luft und die Tiefen der Erde
bevölkerten. Sie wurden als feindliche Gottheiten verkleidet,
deren Gunst durch blutige Opfer erkauft werden mußte.

Über das Durcheinander der
Trennungen hinaus – jenes Kopfes, der im ständigen Konflikt mit
der Energie der Libido stand und die Fähigkeiten des
Individuums, seinen Geist, die Gefühle, die Muskeln, die Triebe
und die Physiologie auf ein Minimum reduzierte – lernt heute der
Körper als Ganzheit, sich der gleichzeitigen Schaffung des
individuellen Schicksals und seiner Umwelt zu widmen. Es ist so, als
ob die alte Fatalität, die die Fügung in die göttlichen
Entscheidungen lehrte, sich in die Fatalität verwandelte, das
triebhafte Chaos der lebenden Materie, jener untrennbar aus Körper
und Natur bestehenden Substanz, ordnend zu einer großen Fülle
zu gestalten. Unmerklich wird amor fati zu fatum amoris.

Derjenige, der begehrt, ist selbst der
Gott, der erhört.

 

Die Alchimie des Ichs ist die bewußte Schöpfung
des individuellen Schicksals.

DIE ALCHIMIE DES
ICHS

Die der merkantilen Praxis innewohnende
Rationalität hat die althergebrachte Alchimie in eine Nacht
zurückgeworfen, wo sie lange im Feuer einer geheimen
Wissenschaft geleuchtet hat. Doch beschränkten sich ihre
Parallelsprache und ihre Verfahren meist darauf, den ökonomischen
Prozeß in ein Kohärenzfeld zu verlagern, in dem das
irdische Salz Gold und den himmlischen Geist erzeugt. Wenn sie sich
nicht bereichern wollten, trachteten die Alchimisten der
Vergangenheit (bis auf die Behutsamsten, die wohl die Ufer einer
anderen Wirklichkeit erreicht haben) nach der Macht, die Menschen und
Dingen befiehlt.

 

Die
denaturierte Alchimie

In einem bestimmten, ganz gewöhnlichen
Sinne befindet sich die Alchimie heute in einem Zustand der
permanenten Verwirklichung. Die Umwandlung von Blei in Gold und von
libidinösem Stoff in Intellektualität geschieht durch eine
hygienische Aufbereitung der Abfälle und Exkremente, die von dem
„marketing“ genannten Verfahren geklärt, dem Konsum
angepaßt und in Umsatz verwandelt werden. Das, was vom Opus
Magnum übrigbleibt, ist zu einem absatzfördernden Produkt
mit hohem Tauschwert und Nullqualität geworden.

Ein dermaßen lächerliches
Geschick reicht nicht aus, um das Werk des Doktor Faust zu
rehabilitieren, das die Spaltung von Körper und Geist gutheißt,
so wie sie durch die Dualität von Hand- und Kopfarbeit erzwungen
wird. Damit wird eine natürliche Alchimie des Körpers
negiert, die ursprünglich und spontan auf der Empfängnis
des Kindes in der mütterlichen Retorte gründet und
um jener universalen Umwandlung willen der Verwirklichung des
Menschlichen – durch die Liebesglut zur Welt gebracht wird.

Einem immer noch bestehenden Vorurteil
gemäß baut jeder Luftschlösser und schmiedet Pläne
für Erfolg und Glück, die von den Schicksalsgöttern
dann boshaft vereitelt werden. Wir wissen, daß es dieses
Schicksal nur innerhalb jenes Laufs der Dinge gibt, der seit
Jahrhunderten der Erde und den Menschen aufgezwungen wurde; ein Lauf
der Dinge, der heute so altmodisch und zerbrechlich ist, daß er
nur noch dank eines resignierten Gehorsams und der Trägheit der
mechanisch erworbenen Sitten und Verhaltensweisen fortbesteht.

Der Bruch zwischen dem, wofür das
Lebende sich allen Widerständen zum Trotz entscheidet, und der
Ökonomie, die anstelle des Lebenden entscheidet, hat endgültig
das Geheimnis eingebüßt, in dem er unter dem Vorwand eines
ewigen Fluchs fortlebte. Die Alchimie der Selbstschaffung und des
Selbstgenusses ist durch eine Zivilisation gehemmt und umgekehrt
worden, in der die Arbeit über die Lüste herrscht.
Jedesmal, wenn das menschliche Wesen den Produzenten hervorbringt,
versagt es sich, zu sich selbst zu kommen.

Das ist die Banalität einer
Alchimie der Rückbildung: Unsere eigene lebendige Substanz
verwandelt sich in tote Materie, und zwar – Gipfel der Ironie – um
den Preis der größten Anstrengungen.

 

Die Behandlung des Negativen ist die tägliche
Auflösung des Leichnams im Kessel der Genüsse.

Die
Behandlung des Negativen

Der Ausdruck „schwarzen Gedanken
nachhängen“, der sich so schön mit der Bilanz und der
kritischen Überprüfung einer zum Absterben programmierten
Welt verbinden läßt, bringt die negative Finalität
einer Existenz, die vom Geldfieber befallen ist und unter ihren
verfaulenden Begierden in der Falle einer toten Kindheit sitzt, genau
zum Ausdruck.

Wie bei jeder Alchimie ist das, was
innen ist, auch außen. Eine gallige Gemütsart verdirbt die
Gesichtsfarbe, während die schädlichen Abgase das
Farbenspiel der Wälder erlöschen lassen; Baum wie
Holzfäller werden vom Krebs befallen. Gesten und Gedanken sind
von Verbitterung und Aggressivität so besudelt, daß man
manchmal meint, die Natur erteile ihrer organisierten Plünderung
eine Art unerbittlicher Antwort – als ob sie, wenn sie in
ökologischen Katastrophen zusammenzuckt, ein Ungeziefer von sich
abschütteln wollte, das schwachsinnig genug ist, dem Leben den
Profit vorzuziehen, der es verschmutzt. Unter dem Blickwinkel der
ausweglos herrschenden Ökonomie verbreiten Individuum,
Gesellschaft und Erde einhellig einen Geist des Todes. In diesem Fall
hat die negative Phase im Gegensatz zur herkömmlichen Alchimie
nicht die Bedeutung einer Gärung, aus der der Stein der Weisen
als Positivum hervorgeht. Es gibt nur klebrige Zustände, die
überall „Pech“ bringen und im Herzen des Menschen und
des Erdballs ein und dieselbe Bestimmung zum Unglück erzeugen.

Nach der Ausrichtung ihrer Träumereien,
Voraussagen und Prophezeiungen kann man über die Absichten
urteilen, die diejenigen, die sich selbstgefällig „Sterbliche“
nennen, für sich selbst hegen. Wie viele Szenarien, die immer
wieder im Kopf entworfen werden, laufen nicht auf das Schlimmste
hinaus, wie viele setzen nicht hauptsächlich auf die Karte des
Mißerfolgs und der Enttäuschung? Kommt es aber einmal vor,
daß sie durch einen Überschwang an Optimismus den
glücklichen Ausgang einer Unternehmung vor sich sehen, so
geschieht dies nie ohne Vorbehalt und inneres Zögern. Nur selten
ist das Herz gewichtig genug, um dem als ausweglos eingeschätzten
Unglück die Waage zu halten.

Heißt nicht, gute oder schlimme
Vorzeichen für Vorboten irgendeiner Fatalität halten, schon
vor dem großen Unkontrollierbaren aufgeben und sich auf dem Weg
zum Niedergang befinden? Es ist doch wahr, daß derjenige, der
sich auf so viele Ernüchterungen einstellt, den Ereignissen
keine günstige Wendung geben kann.

 

Wir, die
wir ohne Ende begehren

Ist es überheblich zu meinen, daß
eine zur gemeinsamen Zerstörung des Ichs und der Welt
beitragende Energie sich sozusagen um sich selbst drehen und mit
derselben Festigkeit und mit noch größerem Vergnügen
die Richtung des zu schaffenden Lebens einschlagen kann? Wenn ich nur
intensiv von einem mich völlig befriedigenden Glück träume,
habe ich das Gefühl, eine Art Selbstverständlichkeit
beteilige sich an meinem Begehren und begünstige es. Dies ist
eine Art von „Es muß sein“ [deutsch im Original
(Anm.d.Ü.)], den Göttern entrissen und der Anziehungskraft
des Lebenden zurückgegeben, eine Fatalität, wo der Wirbel
von Lust und Unlust in das sprudelnde Leben und niemals in das
Verhängnis der toten Genüsse eindringt. Dann gibt es keinen
Platz mehr für Dünkel, Erfolg, Mißerfolg, Wettkampf.

Allerdings ist nichts unbequemer als
diese Selbstbesinnung und dieses Zurückfinden zu sich selbst,
bei dem die verdrehte Welt sich wieder umkehrt. Ich weiß zu
genau, wie sehr die Lebenslust ständig aufgefordert wird,
nachzulassen und zu verzichten, als daß ich die Wichtigkeit
unbeachtet lasse, die in den kommenden Jahren einem vom Lustprinzip
bestimmten Lernprozeß des Kindes beigemessen werden muß.

Die Beachtung, die den Genüssen
eines jeden Augenblicks geschenkt wird, stärkt viel sicherer den
Willen zum Leben als all die Beschwörungen der Intellektualität.
In allen Umständen nur die Annehmlichkeiten wahrzunehmen, die
aus ihnen zu holen sind, stellt eine Priorität auf, in der die
Allgegenwart der Arbeit verschwindet und ihre Notwendigkeit sich auf
eine Anzahl mechanischer Griffe beschränkt, die man ausführt,
ohne sich vollends hineinstürzen zu müssen. Ist das Herz
nicht in eigenen Nöten befangen, so ist es imstande, sowohl sich
selbst als auch das eigentliche Herz des Lebens zu retten: die
Ausübung der Lust, bei der man darauf beharrt, ohne Ende zu
begehren, welche Hemmnisse und Rückschläge sich auch in den
Weg stellen mögen.

 


Die Erprobung ist die Zeit, in der die Genüsse aufbrechen.

Die Verfeinerung der Begierden bringt
Erprobungen mit sich, die die Erinnerung an die heldenhafte Minne
wachrufen, die der Ritter um der geliebten Dame willen vollbringt.
Allerdings muß die Erprobung von der ökonomischen
Bedeutung befreit werden, die ihr der ritterliche Geist verleiht. Die
Wahrheit der Leidenschaften verlangt keinen Beweis der Tapferkeit
oder des besonderen Verdienstes; sie schließt vor allem den
Verzicht, das Opfer und jene Selbstverleugnung aus, durch die der
auserwählte Ritter die Macht, das Heil der Seele und die
Reinheit des Geistes erlangt, die die Geliebte mit ihrer Gunst
bezahlt.

So widerlich die Geduld in der
Resignation und im Hang zum Leiden ist, so sehr offenbart sie ihre
positive Natur in der Suche nach den Genüssen und den
verfeinerten Begierden. So wie für den Steinbrech der Felsen,
sind die Hemmnisse etwas, das aufgebrochen, umgangen, einverleibt,
verdaut und zu einem Bestandteil der Leidenschaft wird. Die Geduld
bringt Klarheit in die Heftigkeit des Begehrens, verfeinert und
verstärkt sie in dem Gefühl eines unaufhaltsamen
Fortschreitens. Durch ständiges Lernen soll vermieden werden,
aus einer noch unerfüllten Begierde eine verdrängte
Begierde zu machen. Die Erprobung ist der unvermeidliche Drache des
Negativen, der aus den Tiefen des Ichs heraufsteigt und der durch das
Fehlen und die Unkenntnis von Angst in einen schätzenswerten
Gefährten verwandelt wird. So wird durch den Menschen der
Begierden das alte Bild des fahrenden Ritters, der allein zwischen
Tod und Teufel umherzieht, der Wirklichkeit des Lebens zurückgegeben.

 


Die Verfeinerung der Triebe – Grundlage einer neuen Gesellschaft

Nur der in das Alltägliche
getriebene Faden der Lust kann mit dem Negativen fertig werden, so
wie die Spinne mit der Fliege. Es geht nicht darum, auf die
Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten zu verzichten, die der Markt
des Wohlbefindens jedem zur Verfügung stellt, der sich damit
abfindet, sie zu bezahlen und die Unbequemlichkeit zu erleiden, sich
opfern zu müssen, um sich zu befriedigen. Es geht vielmehr
darum, niemals zu verzichten und stattdessen über das
unbefriedigende konsumierbare Vergnügen hinauszugehen, indem man
die Voraussetzungen einer natürlichen Kostenlosigkeit schafft.

Fouriers Lehre behält hier
exemplarischen Wert. Ihr Ausgangspunkt ist die ökonomische
Wirklichkeit: Sie verurteilt nicht die Denaturierung der
Leidenschaften, sie geht von ihrem verkommenen Zustand aus, um allein
durch die Dynamik der Lust zur Emanzipation der gefesselten Genüsse
zu gelangen. Sie geht von der Ökonomie aus, nicht um ihre
Zerstörung, sondern um ihre Auflösung herbeizuführen.

Die Reichen, die sich Fouriers
Gemeindesystem angeschlossen haben, behalten ihr Geld, ihre
Privilegien und ihren Rang. Sie geben zwar nichts von ihren
gesellschaftlichen Vorrechten auf, aber die Tafel, die Geselligkeit
und die Leidenschaften der Armen stehen ihren weder an Feinheit noch
an Wollust nach. Überdies zeigen sich letztere natürlicher
und legen ein weniger steifes und geziertes Benehmen an den Tag. Nach
und nach verschwinden dann die Unterschiede und die Hierarchie
verwischt sich. Die souverän gewordene Suche nach einer Harmonie
der Leidenschaften begründet radikal neue gesellschaftliche
Beziehungen auf der Dialektik des Einklangs und des Mißklangs,
der Zuneigung und der Abneigung, der Sympathie und der Antipathie.

Fourier hatte vor, die Funktionen und
die Rollen durch die Vorliebe für die Genüsse aufzulösen.
Der einzige Nachteil dieses Projektes war, zu einer Zeit entstanden
zu sein, als der große Sprung der Ökonomie nach vorn die
Illusion eines für alle unmittelbar bevorstehenden Glücks
verstärkte. Die Entwicklung des Kapitalismus ließ – wie
der Anbruch des Tages in der höllischen Nacht der Produktion –
eine Gesellschaft des Wohlstands erahnen, in welcher der technische
Fortschritt für die Bedürfnisse aufkommen und das Paradies
auf Erden einleiten würde.

Die völlig vernünftige
Hoffnung auf ein Reich der Waren, in dem der Produzent sich das Recht
herausnehmen würde, die Früchte seiner Arbeit zu
konsumieren, verkündete lauthals eine Prophezeiung, die sich mit
den sozialen Kämpfen und der Ökonomie besser in Einklang
bringen ließ als das Trompetensignal des Gemeindesystems.
Letzteres trieb die Leidenschaften mit dem Beiklang eines gewissen
Kasernenhofgeistes und einem Schwung zusammen, der im Endeffekt recht
mechanisch war.

Erst als in der zweiten Hälfte des
20. Jahrhunderts die von den prometheischen Denkern des
kapitalistischen Aufschwungs erdachte Utopie des Wohlstands endlich
verwirklicht wurde, fand man heraus, daß das Paradies der
Konsumenten eine klimatisierte Vorhalle des Todes ist, deren Wände
Langeweile, Angst und Unbefriedigtsein ausschwitzen.

Die Bewegung des Mai 1968 hat nicht nur
die Bankrotterklärung der Ökonomie und des Glücks auf
Kredit unterzeichnet, sie brachte vor allem zum Bewußtsein, daß
das Existenzminimum – das Recht für alle, sich zu ernähren,
sich auszudrücken, den Ort zu wechseln, zu kommunizieren, zu
schaffen, zu lieben – nicht das Endziel der Menschheit darstellt,
sondern ihren Ausgangspunkt, die Grundlage für jenes
Hinauswachsen, ohne das es nur eine unmenschliche Gesellschaft geben
kann.

 


In der Umwandlung des Ichs ist die Umwandlung der Welt enthalten.

Jeder einzelne ist selbst die ganze
Erde mit ihren Katastrophen und ihrem Gedeihen, ihrem Gemetzel und
ihren Geburten, ihren Kriegen und ihren Inseln des Friedens, ihren
Jahreszeiten, ihrem Klima, ihren Unwettern, ihren Wirbelstürmen
und Erdstößen, ihren feuchten, trockenen, glutheißen
und gemäßigten Zonen.

Gibt es ein wertvolleres Wissen als den
Willen, über sich selbst zu verfügen, indem man die
Umstände zu seinen Gunsten verändert? Sich mit allem, was
lebt, einig wissen, erlaubt es am sichersten, die Wirkungen des Todes
abwenden zu lernen. Mit dem Negativen ist es wie mit dem Gewitter,
das das menschliche Genie sich so gut zu eigen gemacht hat, daß
ein Blitzableiter genügt, um es ungefährlich zu machen, um
es als Modell für den Lichtbogen zu benutzen und seine Energie
eines Tages in den Kreislauf der natürlichen Kostenlosigkeit zu
überführen.

Das Magma eines überall
gegenwärtigen Lebens wird jenseits der Zerstückelung jener
ökonomischen Kategorien entdeckt und neugeschaffen, die ihren
Profit aus dieser Zerstückelung gezogen haben. Die
törichterweise Gott und den Göttern zugeschriebene
Allgegenwart des Lebenden wird in der neuen Symbiose wiedergeboren,
in welcher das Individuum die Einheit von Mensch und Erde auf den
Genuß gründet. Indem der Mittelpunkt des Weltalls vom
Himmel auf die Erde herabgeglitten ist, folgte er der Bewegung der
himmlischen zur irdischen Ökonomie. Von nun an liegt er im
Herzen des Individuums auf seinem Weg zur Emanzipation, denn es
vollzieht sich eine Wandlung, die die zunehmende Souveränität
des Genusses über die Ökonomie gewährleistet, die der
Schöpfung über die Arbeit, der Zuneigung über den
Profit, des Willens zum Leben über den Willen zur Macht, der
psychosomatischen Einheit über den getrennten Körper, der
lebenden Natur über die ausgebeutete Natur, der Kostenlosigkeit
über den Tausch.

Zum erstenmal in der Geschichte beruht
das Wohl der Natur auf dem individuellen Lebenswillen: Je nach den
Wechselfällen einer ununterbrochenen Suche bestimmt der Genuß
eines jeden die Schöpfung der Welt als Gesamtheit der zu
schaffenden Genüsse. Die Alchimie des Ichs ist nichts anderes
als das unnachgiebige Begehren ohne Ende, jenes Wechselspiel von
Zufriedenheit und Unersättlichkeit, das den alten Fluch des
Opfers und des Verzichts hinfällig macht.

Viele Lüste, nach denen ich mich
sehne, werden nicht in Erfüllung gehen – doch ich bleibe dabei,
sie unablässig zu wollen, und sollten einige in Erfüllung
gehen, so schöpfe ich daraus die Kraft, die alle anderen stärkt.
Ich habe das Gefühl, daß der Mensch des Begehrens sich
bereits hier und ohne das Hinausschieben, welches das Schicksal
bitter macht, langsam die Macht herausnimmt, den Menschen der
Ökonomie zu verdrängen.

Mir liegt wenig daran, ob die Zukunft
mir recht oder unrecht gibt. Ich werde meine Lebenslinie nicht auf
das gegründet haben, was sie verlöschen läßt,
sondern auf eine Herzenslinie, die von der Ernte der Lust bis zu
deren Aussaat eine üppige Landschaft zeichnet, die im Grunde die
einzige ist, in der ich mich endlich gegenwärtig fühle.

 

16. Oktober 1989

 

 


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